21.05.2019 - 18:40 Uhr
AmbergOberpfalz

Kinderärzte mit Grenzen

Die Telefone klingeln ohne Pause. Wartezimmer quellen über. Kinderärzte arbeiten die Mittagspause durch. Trotzdem: Aufnahmestopp. Eltern in Amberg bekommen nur sehr schwer Arzttermine für ihre Kinder. Hilfe kommt nun vielleicht aus Berlin.

„Die ambulante medizinische Versorgung in Deutschland ist an die Bedarfsplanungsrichtlinie gebunden“, erklärt Birgit Grain von der Kassenärztlichen Vereinigung in Bayern. Diese ist bundesweit gültig und wird vom Gemeinsamen Bundesausschuss beschlossen. Eingeführt wurde die Bedarfsplanung 1993 mit dem Ziel, der Bevölkerung flächendeckend Zugang zur ambulanten ärztlichen Versorgung zu sichern. Damals bestand die Sorge vor einem übermäßigen Anstieg der Arztzahlen in bereits sehr gut versorgten Gebieten. „Heute ist es der Ärztemangel, der es notwendig macht, über eine effiziente Verteilung nachzudenken“, sagt Grain.
von Miriam Wittich Kontakt Profil

Eine Mutter fragt in einer Gruppe in Facebook: "Wer kann mir einen Kinderarzt empfehlen?" Die Antworten sind ernüchternd. Viele Eltern berichten zwar von ihren positiven Erfahrungen mit kompetenten und freundlichen Kinderärzten in der Region. Doch das Problem liegt woanders: Die Praxen sind an ihrer Belastungsgrenze und nehmen oft nur noch Geschwisterkinder oder Neugeborene auf.

"Wir tun alle, was wir können", erzählt ein Amberger Kinderarzt; namentlich möchte er nicht genannt werden. "Sobald sich eine Lücke öffnet, nehmen wir Patienten auf. Versuchen hierbei auch sozial gerecht zu entscheiden." Doch es gäbe mehr Nachfragen, als die Amberger Ärzte schaffen können. "Keiner meiner Kollegen betreibt hier eine Luxuspraxis. Wir arbeiten alle mit Hochdruck."

Einer, der diese Situation seit langem beobachtet, ist Dr. Andreas Fiedler, Chefarzt der Klinik für Kinder und Jugendliche am Klinikum St. Marien. Die hausärztliche Versorgung von Kindern und Jugendlichen sieht er als "hochgradig gefährdet". Jedoch nicht nur in Amberg und dem Landkreis, sondern in der ganzen Oberpfalz - und das schon seit Jahren. "Alle Ärzte und Praxen in der Region sind am Limit", sagt Fiedler. Auch die Kinderarzt-Praxis im Klinikum arbeite am Anschlag. "Wir mussten schon über einen Aufnahmestop nachdenken, konnten uns aber noch dagegen entscheiden."

Unter- oder überversorgt?

Offiziell hingegen gilt die Region sogar als überversorgt. Der "Versorgungsgrad" misst laut Birgit Grain, Pressesprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung in Bayern (KVB), das Verhältnis der Kinderärzte in einer Region zu den Einwohnern unter 18 Jahren. Dieser liegt bei 100 Prozent, wenn genauso viele Ärzte vorhanden sind wie laut Bedarfsplanung gesetzlich vorgesehen. Die aktuellen Daten der KVB für Amberg und Amberg-Sulzbach weisen diesen Berechnungen zufolge sogar einen Wert von 162,2 Prozent auf.

"Aus zahlreichen Regionen in Bayern erreichen uns Rückmeldungen, dass die kinderärztliche Versorgung vor Ort als nicht ausreichend erlebt wird - obwohl nahezu alle Bereiche mit einem Versorgungsgrad von über 110 Prozent als überversorgt gelten und daher für Neuzulassungen gesperrt sind", sagt Grain. "Die Bedarfsplanung steht schon länger sehr in der Kritik." Die Richtlinien seien seit ihrer Einführung nicht aktualisiert worden, Entwicklungen nicht berücksichtigt. So sei die Anzahl der U-Untersuchungen von 6 auf 14 gestiegen, ebenso hätte sich die Zahl der Impfungen mehr als verdoppelt.

Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) von Ärzten, Krankenhäusern und Krankenkassen hat nun die Bedarfsplanungsrichtlinie überprüft. Am Donnerstag wurden die Anpassungen in Berlin beschlossen. "Sie stärken insbesondere die haus- und kinderärztliche Versorgung", heißt es in einer Pressemitteilung des G-BA. In diesem Bereich wurde ein grundsätzlicher Mehrbedarf an Ärzten festgestellt. Nach Umsetzung des Beschlusses können bundesweit 3470 neue Niederlassungsmöglichkeiten entstehen, 401 davon entfallen auf Kinder-​ und Jugendärzte.

Differenziertere Lösungen

Von den allgemeinen Vorgaben können die Länder je nach den regionalen Gegebenheiten abweichen. Diese Anpassung vor Ort sei essentiell. "Denn es ist nicht möglich, von Berlin aus verbindliche und passgenaue Regelungen für jede Gemeinde in Deutschland zu treffen, die in ihrer Struktur völlig unterschiedlich sein können", heißt es weiter. "Deshalb flexibilisieren wir die Regelungen und eröffnen Abweichungsmöglichkeiten, die helfen, konkrete Probleme vor Ort zu lösen. Was der G-BA aber nicht kann, ist, das Problem eines Ärztemangels oder fehlender Bewerber auf freie Arztsitze zu lösen."

Birgit Grain begrüßt im Namen der KVB diesen Ansatz, "da er den Akteuren auf Landesebene mehr Handlungsspielraum gibt".

Termine per Vermittlung:

Die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns hat 2016 Terminservicestellen eingerichtet. Mit Inkrafttreten des Terminservice- und Versorgungsgesetzes (TSVG) im Mai 2019 wird laut Birgit Grain auch das Vermittlungsspektrum der Servicestellen erweitert, „wodurch in Zukunft flächendeckend eine Kinderarzt-Vermittlung durchgeführt werden kann.

Neue Angebote sind unter anderem:

- Vermittlung von Terminen bei Hausärzten innerhalb von vier Wochen

- Vermittlung von Terminen bei Kinder- und Jugendärzten innerhalb von vier Wochen

- Vermittlung von Terminen für Gesundheitsuntersuchungen im Kindesalter (U-Untersuchungen) innerhalb von vier Wochen

- Unterstützung bei der Suche nach dauerhaften Hausärzten

- Unterstützung bei der Suche nach dauerhaften Kinder- und Jugendärzten

- Vermittlung von psychotherapeutischen Akutbehandlungen innerhalb von zwei Wochen

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