Nachdem Anfang des Monats die Kalligraphie-Ausstellung "Manu Scriptum" mit Werken von Brigitte Herrneder und Johann Maierhofer in der Provinzialbibliothek eröffnet wurde, führte Maierhofer nun in einem Begleitvortrag in die hohe Kunst der Buchstaben ein.
"Warum Buchstaben so aussehen, wie sie aussehen" - lautete das Motto. Bibliotheksleiterin Siglinde Kurz freute sich über die überwältigende Resonanz. Kaum ein Stuhl blieb unbesetzt. "Die beiden Künstler haben definitiv so viel Publikum verdient", sagte Kurz. Maierhofer stellte sie als "Vollzeit-Kalligrafen" vor, der zuerst autodidaktisch und später auch an der Universität sein Talent für die Schreibkunst vertiefte. "Es ist einfach mehr als Buchstaben malen", so die Bibliotheksleiterin weiter.
Auch Maierhofer freute sich über die zahlreichen Interessenten. "Angesichts des großen Publikums scheint Amberg nicht nur die heimliche, sondern schon fast die unheimliche Zentrale der Kalligraphie zu sein", witzelte er mit den Anwesenden. Dann nahm der Regensburger seine Gäste mit auf eine Reise in die Vergangenheit der Buchstaben.
Während es in der Kulturschmiede Europas, Griechenland, noch keine Leerzeichen gab, entwickelten die Römer die griechische Schrift weiter. "Du kannst mir kein X für ein U vormachen! Weiß jemand woher dieser Ausspruch stammt?", fragte Maierhofer das Publikum und lieferte auch gleich die Erklärung. Die römische Schreibweise der Zahlen, zum Beispiel ein M für Tausend oder ein X für eine Zehn, stecken hinter der bekannten Redewendung.
Auch die Unterscheidung von Groß- und Kleinbuchstaben gab es noch nicht immer. Der Paradigmenwechsel in der Gesellschaft, der im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit anzusiedeln ist, zeigt sich laut Maierhofer auch in der Schrift. In Deutschland entwickelten sich vor allem sogenannte Frakturschriften. Die Verbreitung einer Schrift hatte dabei häufig regionale Gebundenheit und konnte nicht nur an den politischen, sondern vor allem auch an den religiösen, Grenzen festgemacht werden. Bis heute wird im Islam wegen der arabischen Schrift von rechts nach links geschrieben und nicht wie im europäischen Sprach- und Glaubensraum von links nach rechts. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden viele "deutsche" Schriften verboten, so dass sich eine lateinische Schrift durchsetzte.
In der zweiten Hälfte seines Vortrags gewährte Maierhofer Einblicke in ein besonderes Fundstück: Das Schreibmeisterbuch von Georg Heinrich Paritius aus dem Jahr 1710. Mit ihm ließ Maierhofer den Geist des Barocks lebendig werden. Ausführlich erklärte er Paritius' Darstellungen. Darunter vollständige Alphabete von Groß- und Kleinbuchstaben in den drei wichtigen Schreibstilen Kanzlei, Kurrent und Fraktur.
Ebenfalls sind in dem Buch exakte Anleitungen zur Körperhaltung beim Schreiben, zur Stifthaltung und zur Wahl der Feder enthalten. Darüber hinaus zeigte Paritius sein zeichnerisches Geschick in einigen schnörkeligen Ornament-Buchstaben, die Maierhofer in seinen Kursen zur Kalligraphie gerne als Konzentrationsübung einsetzt.
"Jeder ist ein unvollendetes Kunstwerk, das darauf wartet und danach strebt, vollendet zu werden. Das Menschsein ist wie die höchste Schreibkunst", mit diesem Zitat beendete Maierhofer seinen Vortrag. Danach widmete er sich eingehend den Fragen aus dem Publikum.










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