27.12.2018 - 14:15 Uhr
AmbergOberpfalz

Mehr als nur Spielsachen

Mit gemischten Gefühlen kommt Dominik Lenz aus Rumänien zurück. Nicht weil er den Sinn seiner Reise anzweifelt, sondern weil er dort neben großer Freude auch viel Leid gesehen hat.

„Wenn man an solche Päckchenaktionen denkt, hat man immer nur die Bilder von leuchtenden Kinderaugen im Kopf. Jetzt haben wir selbst gesehen, warum sie sich so sehr über diese Geschenke freuen. In welchen schlimmen Verhältnissen sie leben“, sagt Dominik Lenz.
von Miriam Wittich Kontakt Profil

Als Mitglieder des Round Table 235 Amberg-Sulzbach begleiteten er und Manuel Kraus den Weihnachtspäckchenkonvoi. Dieser bringt Geschenke zu bedürftigen Kindern in entlegene und ländliche Gegenden in Osteuropa. Seit 2001 wird die Hilfsaktion von Round Table, Ladies’ Circle, Old Table und Tangent Club organisiert. Zum ersten Mal in diesem Jahr auch mit Unterstützung der Amberg-Sulzbacher.

Sie machten Kindergärten und Grundschulen in Amberg und im Landkreis auf die Hilfsaktion aufmerksam, richteten Sammelstellen für die Pakete ein – und schickten zwei ihrer Mitglieder als Helfer mit in Richtung Osten. Dominik Lenz machte sich auf nach Rumänien, Manuel Kraus war eine Woche in der Ukraine dabei.

Zwei Mitglieder des Round Table 235 Amberg-Sulzbach begleiten den Weihnachtspäckchenkonvoi: Fotograf Dominik Lenz (links) hält in Rumänien viele glückliche, aber auch bedrückende Momente mit seiner Kamera fest. Fahrlehrer Manuel Kraus fährt einen Lastwagen voller Geschenke in die Ukraine.

Ziele zu gefährlich

„Als Hochzeits-Fotograf bin ich jetzt im Winter nicht so gebunden und konnte mir die Zeit nehmen“, erklärt Lenz. Der Amberger wollte selbst schauen, was mit den Päckchen passiert. „Sammlungen gibt es bei uns ja recht viele. Man packt die Geschenke ein, drückt sie irgendjemandem in die Hand und dann sind sie weg. Aber kommen die auch bei den Kindern an, die sie wirklich brauchen? Wie funktioniert das? Das wollte ich hautnah erleben“, erzählt der 26-Jährige.

Insgesamt 250 Unterstützer fuhren mit 156 237 Weihnachtspäckchen nach Bulgarien, Moldawien, Rumänien und in die Ukraine. Letzteres Ziel konnte in diesem Jahr aufgrund der aktuellen Situation, insbesondere der Erweiterung des Kriegsrechts, nur eingeschränkt angefahren werden. Erst drei Tage vor Start war klar, dass die sechs für Odessa geplanten Lkw nicht starten können. Es wurde umgeplant, die Päckchen umverteilt. Stattdessen fuhren dann zwei Lastwagen in die Region Lemberg, kurz nach der polnischen Grenze. An einem der Steuer saß Fahrlehrer Manuel Kraus aus Schnaittenbach.

Strahlende Kinderaugen beim Geschenkeauspacken.

Extreme Erfahrung

Für den Konvoi werden vor allem Lkw-Fahrer und Dolmetscher gesucht, danach wird mit „einfachen Helfern aufgefüllt“, erklärt Lenz. In kleineren Teams von 9 bis 15 Personen werden die Pakete in den vier Ländern verteilt. Vor Ort bekommt die Hilfsorganisation Unterstützung von lokalen Sozialarbeitern. „Ohne die würde es nicht gehen“, sagt Lenz. „Das sind wirklich Schlüsselpersonen, sie stellen die Kontakte her.“

Nach der etwa 30-stündigen Anreise wurde seine Gruppe für zwei Nächte in einem Waisenhaus in Deva untergebracht, die restliche Zeit in einer Caritas-Einrichtung in einer anderen Stadt. Von hier aus besuchten sie nicht nur Kindergärten und Schulen, sondern auch Roma-Siedlungen. „Dort haben sie einen sehr niedrigen Lebensstandard, ohne fließend Wasser und Strom.“ Viele Kinder gehen nicht zur Schule. Die Verhältnisse seien „schlimmer“ gewesen, als der Amberger es sich vorgestellt hatte. „Wenn man in Deutschland aufwächst, kann man nicht glauben, dass Kinder in Europa so leben müssen.“ Lenz fällt es schwer, seine Eindrücke aus Rumänien einzuordnen: „Es ist eine Mischung aus allem. Extrem negativ und extrem positiv, auf jeden Fall bewegend.“

Nur bedürftige Kinder bekommen die Weihnachtspäckchen aus Deutschland, erklärt Kraus: "Die werden nicht wahllos verteilt."

Auch die Ukraine hat bleibende Eindrücke bei Kraus hinterlassen. „Lemberg ist wunderschön, aber wir sind jeden Tag 300 bis 400 Kilometer in kleine Dörfer gefahren. Die Unterschiede von der Stadt zum Land sind gravierend, die Straßen eher zerklüftete Feldwege“, erzählt er.

„Wenn die Kids die Päckchen auspacken und wegen einer Packung Buntstifte Freudensprünge machen, dann sind das unbeschreiblich schöne Momente.“ Und davon gab es viele. Doch die Helfer sahen auch viel Elend. Lenz Gruppe besuchte ein sogenanntes Phantomhaus. Einst ein Hotel, das vor vielen Jahren besetzt wurde. „Hier herrschen ganz eigene Hierarchien, zehnköpfige Familien haben jeweils nur ein kleines Zimmer“, erinnert sich Lenz. Durch die Gänge huschen Ratten, es ist dunkel. „Wir brauchten Stirnleuchten, weil es kein Licht gab. Da hat man auch mal ein mulmiges Gefühl.“ Zwischenfälle hätte es aber keine gegeben.

Das bestätigt auch Kraus: „Wir haben überall eine wahnsinnige Dankbarkeit erfahren.“ Große Erwartungshaltung habe nirgends geherrscht. Die Kinder hätten sich nicht nur über die Inhalte der Pakete gefreut, sondern auch über die Anwesenheit der Helfer: „Die waren total überwältigt, dass da Fremde so weit gefahren kommen – nur wegen ihnen.“

Zum in die Luft hüpfen: Für die meisten Kinder sind die verteilten Päckchen die einzigen Geschenke, die sie zu Weihnachten bekommen.

Aktion überzeugt

Nach ihren Reisen sind die beiden Oberpfälzer endgültig vom Weihnachtspäckchenkonvoi überzeugt. Die Hilfe werde dort dringend gebraucht – und sie kommt an. „Wir haben die Pakete tatsächlich persönlich an bedürftige Kinder überreicht“, sagt Kraus. „Da werden nicht nur ein paar Spielsachen verteilt, nicht nur materielle Werte, sondern den Kindern wird auch eine Botschaft vermittelt“, glaubt Lenz. „Manche können dank dem Schreibzeug zur Schule gehen. Und haben nur so die Chance, jemals aus den Siedlungen rauszukommen.“ Und auch der Kontakt der Sozialarbeiter vor Ort zu den Menschen werde gestärkt. Lenz: „Durch die Päckchenaktion verbinden sie jetzt ein positives Erlebnis miteinander.“

Wenn alles klappt, will Manuel Kraus den Konvoi nächstes Jahr nicht nur wieder als Fahrer unterstützen, sondern auch seinen eigenen Lkw zur Verfügung stellen. Er hofft, dass es dann auch mit Odessa klappt. Auch Dominik Lenz will erneut nach Rumänien und die Menschen, die er dort kennengelernt hat, ein weiteres Mal treffen.

250 Helfer bringen über 156.000 Weihnachtspäckchen nach Rumänien, Bulgarien, Moldawien und in die Ukraine.
Was für eine Überraschung: Manuel Kraus erzählt, dass viele Kinder nicht glauben konnten, dass sie von Fremden beschenkt werden.
"Manchmal hatten wir ein mulmiges Gefühl. Aber die Reaktionen der Kinder und Eltern waren immer positiv", erzählt Dominik Lenz von seiner Reise nach Rumänien.

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