09.02.2020 - 13:37 Uhr
AmbergOberpfalz

Meilenstein bei Behandlung von Krebs-Patienten

Diesen Artikel lesen Sie mit
Was ist OnetzPlus?

Als erste Krankenkasse hat sich die Knappschaft verpflichtet, die Kosten für Behandlungen der Integrativen Onkologie am Klinikum St. Marien Amberg ganz zu übernehmen. Ärztlicher Direktor Harald Hollnberger spricht von einem Meilenstein.

Mit diesem Foto wirbt das Klinikum St. Marien Amberg auf seiner Internetseite für die Integrative Onkologie.
von Thomas Kosarew Kontakt Profil

Krebs - die Diagnose ist immer ein Schock. Für Betroffene und Angehörige gleichermaßen. In den Köpfen läuft der Film von der Chemotherapie und dem baldigen Tod. Doch beides muss nicht zwangsläufig der Fall sein. Bei der Behandlung geht das Amberger Klinikum St. Marien seit 2017 neue Wege. Es ergänzt die übliche Schulmedizin und ihre konventionellen Methoden durch fünf Bausteine, deren Kosten die Krankenkassen nicht übernehmen: Trainings- und Bewegungstherapie, psychologische Betreuung, Kunsttherapie in Form eines offenen Ateliers, Ernährungskurse und Entspannungseinheiten mit autogenem Training und Yoga. Die Patienten werden dabei laut Hollnberger wissenschaftlich begleitet und die Ergebnisse ausgewertet. "Wir setzen auf die Selbstheilungskräfte des Körpers", sagt der Ärztliche Direktor und verweist auf mehrere Studien, die den Erfolg der Integrativen Onkologie belegen. Keinesfalls handle es sich bei den Angeboten um Quacksalberei. Dafür bürge das Klinikum St. Marien als eines von bundesweit 120 zertifizierten onkologischen Zentren.

Bisher Spenden und Sponsoren

"Für uns ist es wichtig, dass sich der Patient einbringen und so Lebensqualität gewinnen kann. Uns geht es um ein ganzheitliches Angebot", ergänzt Hollnberger, der aber mit Start der Integrativen Onkologie ein Problem hatte und hat: "Jeder Patient hat bisher von Drittmitteln profitiert." Mit anderen Worten: Die Krankenkassen zahlen keinen Cent, die Rechnungen müssen mittels Spenden und mit Hilfe von Sponsoren, die im Fall eines Bio-Betriebs für Lebensmittel teilweise bis aus Italien kommen, beglichen werden. Das will Hollnberger so nicht länger hinnehmen. Mit der DAK hat er 2018 eine Krankenkasse gefunden, die die Kosten teilweise übernimmt. "Allerdings nur bei fünf Kursangeboten von mehr als 30", schränkt der Ärztliche Direktor ein, der nun von einem Meilenstein spricht. Denn Vertreter der Knappschaft haben einen Vertrag unterschrieben, der den Patienten die komplette Kostenübernahme zusichert. Hollberger spricht in diesem Zusammenhang auch von einem Dominostein: "Ich hoffe sehr, dass die anderen Kassen jetzt auch umfallen und Bewegung in die Sache kommt." Konkret verhandelt Hollnberger mit der DAK über einen Ausbau der bestehenden Bindung, der Siemens-Betriebskrankenkasse und der AOK. Dabei will er nichts dem Zufall überlassen. Im vergangenen Dezember stellte er die Integrative Onkologie im Gesundheitsausschuss des Landtags vor, im März wird er im Landesgesundheitsrat vorstellig, zudem spricht er mit der Arbeitsgemeinschaft der Krankenkassen. Immer mit dem Ziel, den Geldgebern klar zu machen: "Wir zahlen die Aus- und Weiterbildung unseres Personals gern selber, uns geht es komplett um die Versorgung der Patienten. Wir wollen die Angebote komplett in der gesetzlichen Krankenkassenfinanzierung unterbringen." Sollte das gelingen, sei davon auszugehen, dass auch private Kassen mitziehen. Diese machten die Kostenerstattung bislang zur Einzelfall-Entscheidung: "Davon wollen wir wegkommen."

Firma zahlt für Mitarbeiter

Bis dahin gebe es aber auch noch andere Wege: Firmen könnten für ihre erkrankten Mitarbeiter zahlen, sofern sie nicht bei der Knappschaft versichert sind. Die Firma BHS aus Weiherhammer kooperiert seit 2019 mit dem Klinikum. Hollnberger nennt Zahlen, die Arbeitgebern die finanzielle Angst nehmen sollen: "Pro Person fallen pro Jahr rund 2000 Euro Behandlungskosten an. Mehr ist das nicht." In Zeiten des Fachkräftemangels sei eine Beteiligung vielleicht sogar ein Wettbewerbsvorteil.

Harald Hollnberger, Ärztlicher Direktor am Klinikum St. Marien Amberg.
Kommentar:

Die Kassen sollen sich einen Ruck geben

Was wollen Sie denn mit Yoga oder Aquarellmalerei? Sie sind ernsthaft krank. Am besten vertrauen Sie einfach der Therapie. Solche und ähnliche Kommentare bekamen und bekommen Krebspatienten nicht selten zu hören, wenn sie ihren Arzt danach fragen, was sie selbst für sich tun können. Dabei haben viele von ihnen den Wunsch, etwas zur Gesundung beizutragen – etwas Positives, denn sie wissen, dass der Kampf gegen eine Tumorerkrankung zunächst einmal ein Krieg ist – mit zerstörerischen Mitteln, die sich gegen den Feind im eigenen Körper richten.
Immer mehr Betroffene vertrauen deswegen mittlerweile alternativen und ganzheitlichen Ansätzen, die tatsächlich nichts mit Scharlatanerie oder Geldmacherei zu tun haben. Sport, eine gesunde Ernährung, Gespräche und Wohlfühlmomente können helfen. Die erste Krankenkasse hat das eingesehen und übernimmt die Kosten, die im Vergleich zu vielen anderen Therapien relativ gering sind – rund 2000 Euro pro Jahr. Allein ein Medikament gegen Multiple Sklerose kostet das pro Monat. Die Kassen, die sich gern Gesundheits- und nicht mehr Krankenkassen nennen, wären also gut beraten, sich einen Ruck zu geben und der Knappschaft zu folgen. Und wenn nicht, dann sollten es zumindest die großen Arbeitgeber der Firma BHS gleichtun.

Thomas Kosarew

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.