04.06.2019 - 16:02 Uhr
AmbergOberpfalz

Der Mikrozensus im Wohnzimmer

Es klingelt an der Haustür. Draußen steht ein Interviewer des Landesamtes für Statistik. Ihn abzuweisen ist keine gute Idee.

Vier Mal in vier Jahren werden Haushalte für den Mikrozensus befragt.
von Wolfgang Ruppert Kontakt Profil

Ein Prozent der Bevölkerung wird jährlich vom Mikrozensus befragt. Die Teilnahme verweigern - das ist nicht möglich, denn es herrscht gesetzliche Auskunftspflicht. Ein Mann, der seit zehn Jahren als Interviewer für die Erhebung unterwegs ist, erzählt, wie die Leute auf ihn reagieren, wenn er vor ihrer Haustür steht. Eine Situation, die viele kennen: Ein Brief liegt auf dem Küchentisch, beim Öffnen springt einem der Briefkopf des Bayerischen Landesamts für Statistik ins Auge. Einfach wegwerfen sollte man das Schriftstück besser nicht. "Sehr geehrter Herr Mustermann, in diesem Jahr wird wieder bundesweit bei einem Prozent der Bevölkerung eine amtliche Haushaltsbefragung nach dem Mikrozensusgesetz durchgeführt", heißt es im Anschreiben.

Doch was genau ist dieser Mikrozensus eigentlich? Einer weiß das ganz genau: Gunnar Loibl, Pressesprecher des Landesamts. Im Gespräch mit Oberpfalz-Medien erklärt er: "Dabei handelt es sich eine riesige Datenquelle, die uns ein Bild von den Lebensverhältnissen der Gruppen unserer Bevölkerung geben soll. Es gibt keine andere Statistik, die so umfangreich ist."

Seit 10 Jahre Interviewer

Der Datensatz ergibt sich aus rund 810 000 Interviews, die Mitarbeiter in der ganzen Bundesrepublik jährlich führen. Das macht circa ein Prozent der Bevölkerung aus. Vier Jahre lang werden zufällig ausgewählte Haushalte jedes Jahr einer Befragung unterzogen. Auf diese Weise konnten Statistiker zum Beispiel herausfinden, dass die Zahl der Alleinlebenden in den vergangenen Jahren um 23 Prozent gestiegen ist, also jeder Fünfte für sich alleine in einem Single-Haushalt lebt. Bei Pressesprecher Loibl sitzt ein Mann mit grauen Haaren, er ist Ende Sechzig und lächelt fast durchgehend. Seinen Namen möchte er nicht verraten. Was ihn so interessant macht: Seit rund zehn Jahren ist ehrenamtlich als Interviewer für den Mikrozensus unterwegs. Für jede Befragung bekommt er eine kleine Aufwandsentschädigung. Bei dieser Arbeit hat er schon einiges erlebt. "Begeistert ist erst mal keiner, wenn er erfährt, dass da ein Fremder kommt, der ihn ausfragen möchte", erklärt er.

Der Mann wirkt routiniert, fast so, als würde er regelmäßig über seine Arbeit berichten: "Normalerweise bekomme ich die Haushalte zugeteilt und erfahre, wie viele Menschen dort leben, wann sie geboren sind." Seine Arbeit gleicht teils aber auch der eines Detektivs: "Manchmal wird mir auch nur ein Objekt zugewiesen, dann muss ich rausfinden, wer da wohnt. Ab und zu kommt man sich dann schon komisch vor, wenn man ein fremdes Klingelschild abfotografiert."

Wer zufällig für eine Befragung ausgewählt wird, hat keine Wahl. Sich dem Mikrozensus zu entziehen, ist nicht möglich, denn er ist gesetzlich verpflichtend: Verweigert ein Haushaltsbewohner zum ersten Mal das Interview, muss er binnen 14 Tagen einen 76-seitigen Fragenkatalog ausfüllen, macht er das auch nicht, dann wird ihm ein Zwangsgeld angedroht. Und das kann teuer werden: Bis zu 5000 Euro Strafe kann das den Verweigerer kosten. Während er an seiner Kaffeetasse nippt, sagt der Ehrenamtliche: "Oft melden sich die Leute dann noch mal bei mir, weil sie mit dem langen Fragebogen überfordert sind." Helfen müsste er den Personen, die sich zuerst seinem Interview verweigert haben, eigentlich nicht mehr: "Ich gehe dann aber trotzdem noch mal zu ihnen und mache den Fragebogen mit ihnen zusammen." Weil der Haushalt sowieso in den nächsten vier Jahren viermal befragt wird, hilft sein Entgegenkommen, das Eis zu brechen: "Das Verhältnis bessert sich. Beim nächsten Mal sind sie froh, wenn ich zu ihnen komme und sie gleich befrage. Das Geheimnis ist, immer freundlich zu bleiben."

Aufgrund der gesetzlichen Verpflichtung hat der Mikrozensus eine sehr geringe Ausfallquote. Viel Probleme bereiten die Befragten dem Amberger Interviewer ohnehin nicht: "Ich würde sagen, zu rund 90 Prozent akzeptieren die Leute das Interview ohne großes Murren." Bei manchen ist es nicht so einfach: "Um die sechs Prozent mosern schon sehr, wenn ich sie befragen will, sie politisieren. Oft sind sie einfach mit ihrer eigenen Situation unzufrieden." In noch selteneren Fällen wird es heikel: "Manche fangen an, mich zu beschimpfen - auch während des Interviews. Sie drohen mit ihrem Anwalt. Dann gehe ich. Das ist mir auch lieber, bevor die Situation eskaliert." Die Aufgabe des Mikrozensus ist es, einen Querschnitt durch die Bevölkerung der Bundesrepublik abzubilden. "Ein Argument, das ältere Menschen gerne bringen, ist, dass sie sagen, sie seien doch schon viel zu alt, wir sollen doch die Nachbarn fragen", erzählt der Interviewer. Doch das lässt er nicht gelten: "Ich sage ihnen dann, dass genau sie interessant für uns sind. Für die Befragung ist es unglaublich wichtig zu erfahren, welchen Grund diese Personen für ihr Arbeitsende hatten, als was sie zuletzt tätig waren und ob sie einen Nebenjob ausüben. Oft braucht es einfach ein wenig Fingerspitzengefühl im Umgang mit den Menschen."

Menschliche Schicksale

Ursprünglich wollte der Interviewer die Befragungen wegen der damit verbundenen Aufwandsentschädigung machen. Auch mit seinen fast 70 Jahren wirkt der Ehrenamtliche dynamisch: "Ich muss sagen, man wächst da irgendwie rein. Irgendwann kann man es nicht mehr seinlassen. Mich persönlich hält das fit. Ich weiß schließlich vor einem Interview nie, was mich erwartet, wenn die Haustür aufgeht."

Der Mikrozensus dient als Quelle, um die wirtschaftliche Situation in den Haushalten nachzuvollziehen. Mit den Befragungen gehen auch die ein oder anderen Schicksale einher. Der Interviewer hat früher im Landratsamt und im Jobcenter gearbeitet. Mit seiner Erfahrung kann er den Menschen manchmal fernab des Mikrozensus helfen: "Ab und zu ist es erschreckend. Man trifft auf Personen, die 45 Jahre lang gearbeitet haben und jetzt so wenig Rente bekommen." Oft wüssten diese Menschen nicht, dass sie Anspruch auf staatliche Unterstützung hätten oder waren bisher immer zu stolz, um eine solche zu beantragen. Der Interviewer gibt ihnen Tipps, wie sie ihr Einkommen aufstocken könnten. "Es ist sehr hilfreich, wenn man auf dem Gebiet ein bisschen Ahnung hat."

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