12.07.2019 - 17:21 Uhr
AmbergOberpfalz

Moses soll nicht mit dem Zölibat kämpfen müssen

20 Jahre Moses-Projekt: Diesen Geburtstag feiert Donum Vitae am Freitag im Rathaus.Viele Geburtshelfer werden dabei sein und das besondere Amberger Kind hochleben lassen, das schwangeren Frauen in Not die anonyme Geburt in Würde ermöglicht.

Der Schrei des Lebens wird durch das in Amberg gegründete Moses-Projekt auch durch eine anonyme Geburt im Krankenhaus möglich.
von Thomas Amann Kontakt Profil

Die Mutter dieser aufsehenerregenden und vor 20 Jahren bundesweit einmaligen Initiative ist Maria Geiss-Wittmann, die Gründerin und langjährige Landesvorsitzende von Donum Vitae, diesem auch durch ihr Engagement groß gewordenen Verein, der dem Schutz des Lebens von Mutter und Kind seit jeher obersten Rang einräumt. Oberpfalz-Medien führte ein Interview mit der Bevollmächtigten Michaela Mußemann, Beraterin Julia Wiesend und Maria Geiss-Wittmann.

ONETZ: Die Einführung des Moses-Projekts war eine schwere Geburt. Woran lag das in erster Linie?

Geiss-Wittmann: Ja, die anonyme Geburt war eine schwere Geburt. Denn bei diesem Angebot musste man gegen die geltende Rechtsordnung handeln: gegen das Sorgerecht, das Personenstands-, das Namens- und Ausländerrecht zum Beispiel.

ONETZ: Welche Schwierigkeiten hatten Sie konkret zu überwinden?

Geiss-Wittmann: Es war besonders schwierig, dieses Angebot für die Mitarbeiterinnen sicher durchzusetzen, weil die zuständigen Behörden die anonyme Geburt ja mit dem Strafrecht regelten.

ONETZ: Wer war Ihnen damals behilflich?

Geiss-Wittmann: Der Landkreis mit dem damaligen Landrat Hans Wagner und später auch die Stadt Amberg ermöglichten es, gegen die gesetzliche Regelung die anonyme Geburt in den Krankenhäusern Amberg und Sulzbach-Rosenberg durchzuführen. Und der damalige Innenminister Günther Beckstein hat uns sehr geholfen, der eine Erklärung herausgegeben hat mit dem Wortlaut: "In extremen Ausnahmesituationen kann auf das Erheben der Daten der Mutter verzichtet werden." Das war ein Türöffner.

ONETZ: Und wer war gegen Sie?

Geiss-Wittmann: Die Rechtslage. Das Standesamt hätte bei einer anonymen Geburt sofort Polizei und Staatsanwaltschaft verständigen müssen. Die Frau wäre verfolgt und die Beraterinnen bestraft worden. Es ist deshalb nicht so weit gekommen, weil Landrat und OB unsere Argumentation teilten, dass es der Würde des Menschen nicht entspricht, eine Frau, gleich aus welchen Gründen, in der Geburtssituation allein zu lassen.

ONETZ: Sie haben nie aufgegeben, sondern sind den Weg bis zur Projektgründung konsequent weitergegangen. Haben Sie damals mit der Kirche gebrochen?

Geiss-Wittmann: Der Bruch mit der Kirche war der Bruch mit der staatlich anerkannten Schwangeren-Beratungsstelle. Die Kirche hat nicht eingesehen, dass der Beratungsnachweis der Garant dafür ist, dass jede Frau, die glaubt, mit dem Kind nicht leben zu können, und jedes Kind in Lebensgefahr einen Anwalt und eine Hilfestelle brauchen.

ONETZ: Wie steht die katholische Kirche heute zu Ihnen und dem Moses-Projekt?

Geiss-Wittmann: Speziell im Moses-Projekt hatten wir keinen Kontakt mehr zur katholischen Kirche, weil sie 1999 verboten hat, die staatlich anerkannte Konfliktberatung anzubieten. Wir konnten die anonyme Geburt nur deshalb realisieren, weil wir das Zeugnisverweigerungsrecht hatten. Also, die Beraterinnen haben das, das war ein Schutzrecht für sie. Bis heute sogar hat die Kirche ihre Argumentation noch dadurch verstärkt, dass sie Donum Vitae als außerhalb der Kirche erklärt hat, was sie weder theologisch noch kirchenrechtlich begründet hat.

ONETZ: Was würden Sie sich von der Kirche für die Zukunft wünschen?

Geiss-Wittmann: Von der Kirche erwarte ich, dass sie diese Erklärung zurücknimmt. Die staatlich anerkannte Schwangeren-Konfliktberatung wurde von Laien übernommen und bedarf nicht mehr der Übernahme durch die Kirchenleitung. Donum Vitae hat das ganze Netz selber aufgebaut. Wir waren gescheit.

ONETZ: Was glauben Sie, wie lange es dauert, bis sich hier etwas ändert? Noch mal 20 Jahre oder mehr?

Geiss-Wittmann: Ich hoffe sehr, dass die Kirche eines Tages - ich hoffe, sehr bald - in ihr Bewusstsein aufnimmt, dass ein Mensch nach Beratung und Hilfsangebot sich umorientieren kann. Es ist doch ein Wesenszug der Kirche, dass man durch Zuspruch und Hilfe sich ändern kann. Dass die Kirchenleitung das zurzeit nicht erkennt, ist ein Schwachpunkt, den sie hoffentlich bald aufgibt. Sie bietet die Umkehr des Menschen schließlich als Sakrament an - man kann's ja nicht begreifen ...

ONETZ: Warum fehlt da bei der Kirche das Verständnis, wie Sie sagen?

Geiss-Wittmann: Weil sie nix von einer Frau verstehen ... Weil sie alles, was Frau und Kind ist, von sich wegdrücken, sonst könnten sie ihren Zölibat gar nicht leben. So ist es leider. Dennoch will ich neben diesem Grund die Hoffnung reinbringen. Aber das Mitreden der Bischöfe wollen wir gar nicht haben, weil sie sowieso nix verstehen - Entschuldigung. Unsere Beraterinnen sind auch so glücklich bei Donum Vitae, wir haben ja ein Projekt nach dem anderen gemacht - die sind aufgeblüht, weil sie ja als Christen dastehen. Ich habe immer gesagt: Das ist unsere Geschichte, das können wir, wir verstehen das und wir machen das.

ONETZ:

Julia Wiesend: Es ist trotzdem manchmal traurig, wenn man uns so das "Böse" anhängt: Ihr seid die, die Beratungsscheine ausstellen. Das ist oft die erste Verbindung, und es ist traurig, weil wir so viele Angebote machen. Es ist zwar eine Annäherung da, aber kein Umdenken.

ONETZ: Wenn Moses der erste in Ihrem Projekt geborene Mensch wäre, wäre er heute 20 Jahre alt. Was würde er der Kirche sagen?

Geiss-Wittmann: Das ist schwer zu erahnen, weil jedes Kind das anders beantworten würde. Aber unseren Kindern geht es allen gut. Wir wissen nur von geglückten Adoptionsfällen, glücklichen Adoptiveltern und Kindern, die dankbar für ihr Leben sind. Die sind alle so glücklich - es ist glatt a Freud' ...

ONETZ: Haben Sie Kontakt zu den Kindern, die im Schutz von „Moses“ geboren wurden?

Julia Wiesend: Wir begleiten die Mütter und versuchen, in dieser Zeit viele Infos zu bekommen, was wir dokumentieren. Und wir arbeiten eng mit der Adoptionsstelle zusammen, die sich dann um die Belange der Kinder kümmert, die Adoptiveltern aussucht. Wenn es dann gelingt, findet auch ein Treffen statt.

ONETZ: Wie stolz sind Sie als Eltern auf Ihren 20-jährigen Moses?

Michaela Mußemann: Extrem stolz. Es gibt ja nur Gewinner in dem Fall. Weil eben jedes Kind, das den Weg auf die Welt schafft, ein Gewinn ist. Es gibt hier keine Negativmeldung.

ONETZ: Wenn „Moses“ als Mann real wäre, was würden Sie ihn studieren lassen? Theologie oder lieber Medizin, um selber Gynäkologe oder Geburtshelfer zu werden?

Michaela Mußemann: Er soll Medizin studieren, dann muss er mal nicht mit dem Zölibat kämpfen.

ONETZ:

Julia Wiesend: Oder noch besser Jura, damit er entsprechende Gesetze schaffen und für uns vollständig regeln kann, was nicht geregelt ist.

Maria Geiss-Wittmann, Julia Wiesend und Michaela Mußemann (von links) sind stolz aufs Moses-Projekt, das 20 Jahre alt wird.

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