15.02.2019 - 17:05 Uhr
AmbergOberpfalz

Öffentlicher Nahverkehr: Mit gehbehindertem Sohn aus Amberger Bus geworfen

Nicoletta Fahrmer aus Amberg wollte mit ihrem gehbehinderten Sohn nach Hause fahren. Bisher hatte es nie ein Problem gegeben. Das änderte sich vergangene Woche: Zwei Mal wurde sie kurz hintereinander aus dem Linienbus des ZNAS geworfen.

Ihren Sohn Arien nimmt Nicoletta Fahrmer überall mit hin. Dabei ist sie auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen.
von Wolfgang Ruppert Kontakt Profil

Nicoletta Fahrmer sitzt in ihrem Wohnzimmer am Esstisch. An der Wand hängen Bilder ihrer beiden Kinder, Grazia und Arien. Ihr 5-jähriger Sohn hat eine Gehbehinderung und sitzt in einem Reha-Wagen. Für den wird er bald zu groß sein, dann wechselt er in einen normalen Rollstuhl. Die Geschichte, von der Nicoletta erzählt, hat sie bis ins Mark getroffen. Noch immer ist es eine Mischung aus Wut und Enttäuschung, die sie nicht verbergen kann. Zusammen mit ihrem Sohn wurde sie vor ein paar Tagen trotz der Kälte mehrfach aus einem Bus geworfen. Am Ende musste sie ihr Kind - nach über einer Stunde Wartezeit, einigen Tränen und mehreren Telefonaten - selbst nach Hause schieben.

Der Freitag, an dem in Amberg der Unterricht an den Schulen wegen des Glatteises ausgefallen ist, war für die 30-Jährige zunächst ein Tag wie jeder andere. "Wie sonst auch, musste ich Einkaufen gehen und die Sachen erledigen, die eben so anfallen", erinnert sie sich. Die Kinder - den Sohn und eine Tochter - nahm sie kurzerhand mit.

Aus dem Bus geworfen

Nicoletta Fahrmer hat weder Führerschein noch Auto. "So ein Auto, das wir bräuchten, um Ariens Reha-Wagen ordentlich mitnehmen zu können, können wir uns nicht leisten", sagt sie. Deshalb sind sie und ihr Sohn auf die Busverbindungen in der Stadt angewiesen. Eigentlich habe es vorher auch noch nie Probleme gegeben. An diesem Freitag war das allerdings anders. An der Haltestelle in der Hans-Thoma Straße, um 14.24 Uhr, habe sich Folgendes ereignet: "Der Bus kam angefahren und wir wollten einsteigen. Die Fläche für Kinderwagen und Rollstuhlfahrer war da schon mit zwei Kinderwagen besetzt. Eine Dame, die auf eines der Kinder aufpasste, saß nicht neben dem Wagen, sondern stand mitten im Gang", erklärt sie. "Ich wollte mich also in den Flur reinstellen. Als ich die Frau mit dem Kind gefragt habe, ob sie mir Platz machen könnte, habe ich eine echt freche Antwort bekommen", sagt sie. Das Einzige, was die Frau gesagt habe, sei "Nö" gewesen. "Nach ihrem ,Nö' habe ich den Busfahrer gefragt, wie wir weiter vorgehen könnten."

Eine andere Haltestelle

Dieser sei nach hinten gekommen und habe gefragt, was überhaupt los sei. "Ich habe ihm erklärt, dass ich gerne mitfahren möchte. Er hat mir gesagt, dass das, wie ich ja selbst sehen könne, nicht geht." Auf ihren Hinweis, dass im Gang doch genug Platz ist, sei der Fahrer nicht eingegangen. "Er meinte, ich soll doch bitte aussteigen und 30 Minuten auf den nächsten Bus warten. Wir sind dann wieder ausgestiegen, aber ich war sauer und gleichzeitig traurig, weil ich das Gefühl hatte, dass ich und vor allem mein Sohn ungerecht behandelt wurden", sagt Fahrmer.

Zusammen mit ihrem Sohn und ihrer Tochter machte sich die junge Mutter auf zu einer anderen Bushaltestelle in der Dr. Pilchner-Straße. Von dort aus kommen Nicoletta und ihre Kinder direkt nach Hause und müssen nicht nocheinmal umsteigen. "Mein Sohn wiegt schon 25 Kilo, dazu kommen die 20 Kilo, die der Wagen schwer ist. Ich habe selber nur 50 Kilo. Bergauf kann ich ihn leider nicht mehr schieben", sagt sie.

15 Minuten später seien sie an der Haltestelle angekommen. "Dann haben wir noch Mal eine viertel Stunde in der Kälte gewartet", erinnert sich Fahrmer. Eine Mutter mit Kinderwagen kam ebenfalls an die Haltestelle. "Ich habe mir gedacht: Jetzt wird's gleich wieder lustig. Hoffen wir mal, dass uns das nicht noch mal passiert." Zu ihrer Überraschung kam derselbe Busfahrer, der sie vorher schon einmal nicht mitfahren hatte lassen. "Ich hatte schon so ein seltsames Gefühl."

Sie sollte recht behalten:"Ich habe es auch schon dem Herren von dem Busunternehmen gesagt, ich möchte dem Fahrer keine böse Absicht unterstellen. Vielleicht lag es ja am Schnee, der am Straßenrand lag. Jedenfalls hat er so ungelegen gehalten, dass die andere Dame zuerst einsteigen konnte."

Zweiter Rauswurf: Zusammenbruch

Im Bus selbst sei am Gang aber wieder genug Platz für Nicoletta und ihren Sohn gewesen. "Der Busfahrer hat sich vor mich gestellt, die Hand auf sein Kinn gelegt und mich angeschaut. Ich hab gebettelt, er soll uns doch nicht noch Mal rauswerfen. Es war ja so kalt draußen", während Nicoletta Fahrmer das erzählt, zittert ihre Stimme. Sie habe dem Fahrer klargemacht, dass ihr Kind eine Gehbehinderung hat und deshalb ein Recht habe, in dem Bus mitzufahren. "Er sagte, er würde nicht weiterfahren, ehe ich den Bus nicht verlassen habe. Keiner um uns rum hat auch nur ein Wort gesagt", sagt sie. Wieder aus dem Bus ausgestiegen, brach die junge Mutter in Tränen aus. "Ich war verzweifelt und habe die Dame im Büro des Busunternehmens angerufen. Ich wollte mir Rat holen, was ich jetzt machen kann. Die Frau hat mir am Telefon gesagt, dass sie das nicht interessiert und dass sie mit mir nicht weiter diskutieren will."

Der letzte Satz, den die Frau zu ihr gesagt haben soll, ruft auch eine Woche später noch Entsetzen bei der zweifachen Mutter hervor. "Sie hat zu mir gesagt, dass es ihr relativ egal ist, ob mein Sohn eine Behinderung hat oder auch nicht. Wenn mir was an der Situation nicht passt, dann kann ich ja auch einfach zu Fuß heimgehen." Nicholetta Fahrmer sagt, danach sei sie zusammengebrochen. "Ich hab bloß noch geweint, meine Tochter hat versucht mich zu beruhigen."

800 Reaktionen

"Ich habe die Geschichte auf Facebook in verschiedenen Gruppen veröffentlicht. Um die 800 Leute haben mir darauf geantwortet. Die Mutter steht mit dem Geschäftsführer des Zweckverbands für Nahverkehr in Amberg-Sulzbach (ZNAS) Kontakt. Oberbürgermeister Michael Cerny hat Fahrmers Beitrag auf Facebook kommentiert: "Das Thema ist beim ZNAS in Bearbeitung. Ich denke, dass die Geschäftsführung mit Hilfe von Frau Fahrmer die richtigen Schritte eingeleitet hat, damit sich das nicht wiederholt. Schade aber auch, dass es immer noch so rücksichtslose Mitfahrer gibt. Mit Solidarität und gegenseitiger Hilfe könnte man viele Situationen vermeiden und das Leben für alle einfacher machen."

Nicoletta Farmer zufolge geht es auch einfacher, es gebe Unternehmen, die Lösungen anbieten. Ist in einem Bus kein Platz mehr, sollen Busfahrer beim Regionalverkehr Münsterland beispielsweise ein Taxi für Fahrgäste mit Behinderung rufen, weiß Fahrmer. Allgemein wäre allen viel geholfen, ist sich die Mutter sicher, würden die Menschen mehr aufeinander schauen und sich gegenseitig helfen. Angemerkt

Reaktion der Stadt Amberg

Pressesprecherin Susanne Schwab teilte mit: „Der ZNAS bedauert es sehr, dass Frau Fahrmer zweimal von dem unglücklichen Umstand betroffen war, mangels Stellplatz für ihren Kinderwagen nicht im Bus mitgenommen werden zu können. Entsprechend den Schilderungen hatte der Fahrer in beiden Fällen eine Auswahl zu treffen, da die Beförderung von Kinderwägen außerhalb der dafür vorgesehenen Stellplätze nach den Beförderungsbestimmungen nicht zulässig ist, um andere Fahrgäste nicht zu gefährden. [...] Dass es dabei zweimal hintereinander die gleiche Mutter traf, tut dem ZNAS außerordentlich leid.“

Der ZNAS mache Fahrten nicht alleine, sondern beauftrage sie bei den Linien der Verkehrsgemeinschaft Amberg-Sulzbach (VAS). „Es ist beabsichtigt, mit der VAS über die Möglichkeit zu verhandeln, dass in Fällen, in denen Menschen mit Behinderungen aufgrund fehlender gesicherter Stellplätze nicht befördert werden können, ein behindertengerechtes Taxi mit dieser Aufgabe beauftragt wird.“

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