29.08.2019 - 10:54 Uhr
AmbergOberpfalz

Opfer müssen keine bleiben

Ob häusliche Gewalt, psychische Erniedrigungen oder sexueller Missbrauch: Julia Möbus und Silvia Prechtl-Seitz begleiten traumatisierte Frauen und Kinder auf ihrem Weg in ein neues Leben.

Immer positiv bleiben und den Mut zu haben, ein friedliches Leben zu beginnen - das ist die Devise von Therapeutin Silvia Prechtl-Seitz und Sozialpädagogin Julia Möbus (von links). Wenn Frauen in Not geraten, wissen beide, was zu tun ist. Sie bieten nicht nur Beratung, sondern packen wortwörtlich mit an, die Opferrolle verlassen zu können.
von Dagmar WilliamsonProfil

Nichts sehen, nichts sagen, nichts hören. Wenn Frauen und Kinder unter gewaltsamen Umständen in den eigenen vier Wänden leiden, schweigen sie oft Jahre und erhalten das Bild der perfekten Familie nach außen aufrecht. Aus Scham und aus Angst vor den Tätern; aber auch die finanzielle Abhängigkeit lässt sie Torturen aushalten. Dennoch müssen sie keine Opfer bleiben. "Aber es braucht eine große Portion Mut, sich zu wehren und zu gehen", weiß Julia Möbus von der Interventionsstelle des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) in Amberg.

Die aktuellste polizeiliche Kriminalstatistik zeigt erschreckende Zahlen: Demnach wurden 2017 deutschlandweit insgesamt 113 965 weibliche Opfer erfasst - 364 Frauen starben sogar. Bei Vergewaltigung und sexueller Nötigung in Partnerschaften sind die Opfer zu fast 100 Prozent weiblich und kommen aus allen Bildungs- und Sozialschichten.

Täter aus sozialem Umfeld

Schockierend sind auch die Zahlen des Bundeskriminalamts: 14 606 Kinder zählen zu den Missbrauchsopfern sexueller Gewalt. Das bedeutet, dass deutschlandweit täglich 40 Mädchen und Buben missbraucht werden. 136 Minderjährige, darunter viele Kleinkinder, starben unter gewaltsamen Umständen. Geprüfte und fundierte Zahlen und Fakten über sexuellen Missbrauch zu ermitteln, ist nahezu unmöglich. Die Dunkelziffer ist in allen Bereichen der Gewalt gegen Kinder sehr hoch, da Täter fast immer aus dem sozialen Umfeld der Opfer stammen. Selten hingegen ist es der fremde Pädophile, der den Kindern auflauert. Da es keine professionelle Beratungsstelle mit spezialisiertem Personal in Sachen Sexualverbrechen für Amberg und den Landkreis Amberg-Sulzbach gibt, ist der geleistete Einsatz der Interventionsstelle vom Sozialdienst katholischer Frauen nicht wegzudenken. Julia Möbus begleitet Frauen und ihre Kinder nach einem Notruf. "Oft müssen wir uns mit den Vereinen Dornrose in Weiden oder Wildwasser in Nürnberg vorab in Verbindung setzen, da wir jeden Fall individuell bearbeiten", erklärt Möbus.

Schwachstelle im System

Schwachpunkte, bemängelt die Sozialpädagogin weiter, seien unzureichend ausgebildetes Personal bei allen Behörden. "Es gibt in unseren Breiten einfach keine Spezialisten." Außerdem fehle eine Instanz für Beschwerden bei behördlichen Fehlverhalten. Dennoch ist die junge Frau aus dem Landkreis zuversichtlich und hofft mit dem Beschluss neuer Förderrichtlinien im September auf den schnellen Baubeginn des Frauenhauses sowie auf die Durchsetzung einer Fachstelle gegen sexualisierte Verbrechen in Amberg. Diese sei "bitter nötig", um auch die Arbeit von Polizei und Jugendamt zu erleichtern. Bei häuslicher Gewalt hingegen sind Verletzungen meist sichtbar und stellen so den Beweis dar. Somit fällt es der Polizei leichter, Ermittlungen abzuschließen. Zur erfolgreichen Intervention gehören Schutzmaßnahmen. Es werden Unterbringungsmöglichkeiten gesucht, falls das Zuhause für Betroffene nicht mehr sicher ist. In Amberg gibt es keine derartigen Unterkünfte . Daher führt der Weg oft in ein Frauenhaus im Landkreis Schwandorf, Weiden oder Regensburg, falls Opfer keine Bleibe im Familien- oder Freundeskreis finden. Wenn Frauenhäuser überbelegt sind, gibt es die Möglichkeit, in einem Hotel unterzukommen. "Meist dauert es bis zu einem Jahr, bis alleinerziehende Mütter eine eigene Wohnung finden."

Möbus erinnert Frauen, die aus gewaltsamen Situationen flüchten, an alle wichtigen Dokumente, die sie auf die Schnelle benötigen: Personalausweis, Krankenversicherung und Geburtsurkunden. Sie begleitet Opfer bei der Anzeigenerstattung, zu Ärzten und übernimmt die Kinderaufsicht während Gerichtsterminen. Sogar eine vorübergehende finanzielle Unterstützung wird vom Sozialdienst gewährleistet. Auch mit Hilfe der Conrad-Stiftung können Spielzeug oder Kindermöbel beantragt werden. Zudem bietet der Verein "Amberg hilft Menschen", gegründet von Petra und Werner Konheiser, neuwertige Sachleistungen, die geliefert werden.

Selbstwertgefühl aufbauen

Da das Jugendamt automatisch bei Kindeswohlgefährdung informiert wird, gibt es die sogenannte Familienhilfe. Silvia Prechtl-Seitz ist eine der Therapeutinnen der Familienwerkstatt Wittmann, die vom Jugendamt beauftragt wird, Familien zu stabilisieren. Sie versucht, das Selbstwertgefühl von traumatisierten Menschen wieder aufzubauen und sie aus der Opferrolle herauszuholen.

Durch langjährige Erfahrung und ihr Gespür findet Prechtl-Seitz meist immer die richtigen Lösungen. Ihre Arbeit umfasst auch das Ausschöpfen von Ressourcen und die Begleitung zum Arbeitsamt. Sie weiß um die Wichtigkeit geregelter Tagesabläufe und nutzt das weite Netzwerk von Pädagogen, um Informationen an Hilfesuchende weiterzugeben.

Auch Männer betroffen

Anders als der Sozialdienst katholischer Frauen bietet die Therapeutin ihre Hilfe auch alleinerziehenden Vätern an. "Man darf nicht vergessen, dass, wenn auch selten, Männer Opfer von psychischer und physischer Gewalt sein können." Die Zusammenarbeit und der Austausch in diversen Arbeitskreisen, an denen Julia Möbus und Silvia Prechtl-Seitz regelmäßig teilnehmen, ermöglicht es, Frauen und Kindern ein neues Leben aufzubauen - ohne Angst und in Sicherheit. "Alles, was nach der Flucht kommt, ist besser für die Seele, auch wenn der Weg schwierig zu sein scheint. Aber dafür gibt es ja uns", bestätigen beide zuversichtlich.

Das sollten Eltern wissen:

"Gehe nicht mit Fremden mit" ist zwar ein wichtiger Hinweis, hilft aber kaum, Kinder gegen Missbrauch zu sensibilisieren. Altersgerechte Aufklärung beinhaltet das frühe Benennen aller Körperteile, vor allem die richtigen Wörter für den Genitalbereich. Den Kindern das Recht geben, Nein sagen zu dürfen. Kinder müssen niemanden Umarmen oder Küssen, auch wenn es "nur" die Oma oder Tante ist.

Auch muss Kindern erklärt werden, dass weder Mama noch Papa bestimmte Handlungen, wie das Streicheln von Genitalien, vornehmen dürfen. Wenn "Geheimnisse" dem Kind unangenehm sind und zu Angst und Bauchschmerzen führen, dürfen und müssen diese auch erzählt werden.

Wenn mit Mord gedroht wird oder Sätze wie "das glaubt dir niemand" fallen, sollen sie davon erzählen. Vor allem aber gilt: Kindern gut zuhören und Glauben schenken, sonst ist das Vertrauen geschädigt und sie verschließen sich. (dwi)

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