04.09.2018 - 14:57 Uhr
AmbergOberpfalz

Politik instrumentalisiert Sport

Ein radsportliches Ereignis mit Symbolcharakter. Das ist die DeutschlandRush 2018 zum Tag der Deutschen Einheit. In Wahlkampfzeiten weckt das offenbar Gelüste.

Das Ziel der Extremsportler, die auf dem Rennrad und zu Fuß unterwegs sein werden: Der Gipfel der Zugspitze.
von Michael Zeissner Kontakt Profil

Seitens der AfD beispielsweise. Der Bundestagsabgeordnete Peter Boehringer, der für den Wahlkreis Amberg-Neumarkt im Reichstagsgebäude sitzt, kündigt auf der Facebook-Seite seines Bezirksverbandes an, die Tour "auf eigenem Rennrad" ein Stück zu begleiten, am Sonntag, 30. September, am Etappenziel des dritten Tages in Amberg einzutreffen und anschließend einen Vortrag zu halten. "Thema und Ort noch offen."

Bei den Ordnungsbehörden der Stadt war davon am Montag nichts bekannt. Das ist aber auch nicht unbedingt erforderlich. Spricht Boehringer in einer Gaststätte, muss das Rathaus davon nichts erfahren, heißt es in der Pressestelle. Und sollte die DeutschlandRush 2018 keinen gemeinsamen Etappen-Zieleinlauf als öffentlichen Sportevent planen, sondern die teilnehmenden Fahrer einzeln hier eintreffen, ist das eher deren Privatangelegenheit.

Karl sagt auch zu

Auch Alois Karl (CSU), gleichfalls für den Wahlkreis Amberg-Neumarkt in Berlin, hat Gefallen an diesem Radmarathon gefunden. Am Dienstag lässt er verbreiten, "bei den Teilnehmern während ihres Aufenthalts in seinem Wahlkreis vorbeizuschauen und viel Erfolg und Durchhaltevermögen zu wünschen". Näher präzisiert Karl nicht, inwieweit er als Wahlkämpfer aktiv werden möchte.

Er rückt von seinem Auftritt auch nicht ab, als er erfährt, dass der Kollege der AfD sich sogar als Teilnehmer in Szene setzen möchte. Der österreichische Veranstalter der sechstägigen Tour vom 28. September bis 3. Oktober, Hans-Peter Kreidl, weiß, dass "uns einige Politiker begleiten". Boehringer könne "gerne mitfahren", das sei es dann aber auch gewesen.

"Mit allem anderen haben wir nichts am Hut", sagt der in Österreich namhafte Veranstalter von Skitouren im Winter und Ausdauer-Rad-Events im Sommer. In den Mittelpunkt des DeutschlandRush 2018 - die erste Auflage gab es im vergangenen Jahr - rückt Kreidl deshalb die Radstrecke von rund 880 Kilometern mit 8400 Höhenmetern an fünf Tagen und zu Fuß von zehn Kilometern und 1000 Höhenmetern die Zugspitze hinauf am letzten Tag. Das ist nichts für Breitensportler. "Das sind Leute, die sich sportlich gerne schinden", sagt Kreidl und beziffert das Teilnehmerfeld auf rund 20 Starter.

Geste des Anstands

Mit Politik habe das nichts zu tun, gibt der Veranstalter aus seiner Sicht gegenüber der AZ unmissverständlich zu verstehen. Wenn er die Symbolik des Tags der Deutschen Einheit vereinnahme und transportiere, um "das sportliche Miteinander" zu pflegen, dann gehöre die Anstandsgeste, Politiker einzuladen und nicht auszuschließen, einfach dazu. Den Startschuss unter dem Brandenburger Tor werde deshalb beispielsweise Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki (FDP) geben.

Kommentar:

Was für eine Groteske

Volksfeste, Fußballspiele, große Sportereignisse. Wer kritisiert, dass solche Veranstaltungen immer öfter von der Politik instrumentalisiert werden, bekommt die Standardantwort, das träfe nie und nimmer zu, weil es hier jeweils um nichts anderes als die schönste Nebensache der Welt gehe.
Der ironische Umkehrschluss kann also nur heißen, dass sich die Politik besonders zu Wahlkampfzeiten lieber um Nebensächlichkeiten statt um das eigentlich Wichtige kümmert. Pikant wird es allerdings, wenn ein völlig harmloses Sportevent für Ausdauer-Individualisten, das sich der Symbolkraft des Tags der Deutschen Einheit als gemeinschaftsstiftend bedient, im Ringen um die Deutungshoheit parteipolitisch vereinnahmt wird.
Groteskerweise kommt es – wenn die Ankündigungen umgesetzt werden – bei der DeutschlandRush 2018 im Bundestagswahlkreis Amberg-Neumarkt nun dazu, dass der Berliner CSU-Abgeordnete dem AfD-Abgeordneten „viel Erfolg und Durchhaltevermögen“ wünschen wird.

Michael Zeißner

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