22.11.2019 - 13:32 Uhr
AmbergOberpfalz

Prozess in Amberg: Anwalt auf der Anklagebank

Es ist der seltene Fall, dass ein Anwalt einen Anwalt braucht. Vor dem Landgericht sitzt seit Freitag ein Jurist, dem die Staatsanwaltschaft vorwirft, nahezu 80.000 Euro veruntreut zu haben.

Der 45 Jahre alte Jurist soll Mandantengelder veruntreut haben.
von Autor HOUProfil

Fälle wie diesen gab es in Amberg während der letzten Jahrzehnte nur zwei Mal. Jetzt kommt ein dritter hinzu. Es ist die seltene Situation, dass ein Rechtsanwalt das Vertrauen von Mandanten missbraucht und sich Gelder aneignet, die seinen Klienten zustehen. Vor der Ersten Strafkammer des Landgerichts sitzt ein 45 Jahre alter Jurist, der in Amberg eine Kanzlei unterhielt und oftmals im Auftrag der Justiz als Insolvenzverwalter und Treuhänder tätig wurde.

Sieben einzelne Begebenheiten hat Staatsanwalt Oliver Wagner in seine sehr ausführliche Anklageschrift geschrieben. Nur eine davon fällt aus dem Rahmen. Dabei hatte der 45-Jährige wegen einer gegen ihn angestrengten Zivilklage selbst einen Fachanwalt benötigt und blieb ihm die Gebührenrechnung schuldig. Alle anderen Vorwürfe drehen sich um Insolvenzverfahren, bei denen der Jurist nicht vorschriftsmäßig abgerechnet haben soll. Die Anklagebehörde wertet das als Untreue und sieht in den nahezu 80 000 Euro, die der Rechtsanwalt mutmaßlich für eigene Zwecke hernahm, einen gewerbsmäßig begangenen Vertrauensbruch.

Zu Beginn der Verhandlung regte Selina Riemer, die den 45-Jähigen verteidigt, ein Rechtsgespräch an. Doch dazu sah Richter Christian Frey, der die Strafkammer führt, keinen Anlass. "Ein Geständnis ist viel wert", unterstrich er und hielt eine Haftstrafe im Bewährungbereich für möglich, wenn reiner Tisch gemacht werde. Das tat der Jurist, dessen Zulassung als Rechtsanwalt unterdessen erloschen ist. Zwischenzeitlich hat er seine Kanzlei geschlossen und wohnt nicht mehr in Amberg.

Was führte zu den Unregelmäßigkeiten, die einem Anwalt nie hätten passieren dürfen? Im Gerichtssaal war zu vernehmen, dass da wohl "ein Loch das andere stopfen" sollte. Man hörte von psychischem Druck und von Überforderung bei der täglichen Arbeit. Die Vorfälle hatten sich großteils schon vor Jahren zugetragen. Im Sommer 2017 wurde Haftbefehl gegen den Juristen erlassen. Er wurde aber erst knapp ein Jahr später vollzogen. Dann saß der Mann fünf Tage hinter Gittern und kam danach wieder auf freien Fuß.

Die Richter haben es mit einem Beschuldigten zu tun, der seine Verfehlungen weitgehend einräumt. Er weiß offenbar, dass vom Gesetz her streng geregelte Abläufe bei ihm aus dem Ruder gerieten. Am nächsten Prozesstag werden Zeugen gehört. Dann kommt auch der Facharzt Thomas Lippert (Nürnberg) zu Wort. Er soll sich zur psychischen Verfassung des Angeklagten äußern.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.