17.04.2020 - 15:00 Uhr
AmbergOberpfalz

Reif für die Tonne oder noch genießbar?

Kaum haben Lebensmittel ihr Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten, scheuen sich viele Menschen, die Produkte noch zu verzehren - und werfen sie lieber in den Müll. Doch dabei werden häufig Lebensmittel entsorgt, denen es an nichts fehlt.

Ein Kühlschrank voller Lebensmittel – sie alle haben ein Mindesthaltbarkeitsdatum. Wie damit umzugehen ist, darüber klärt diese Ratgeber-Seite auf.
von Michelle BalzerProfil

Laut einer Studie der Universität Stuttgart landen in Deutschland in nur einem Jahr elf Millionen Tonnen Lebensmittel im Abfall. Die Privathaushalte tragen dabei mit knapp sieben Millionen Tonnen die Hauptverantwortung. Laut Umweltbundesamt sind das pro Person etwa zwei vollgepackte Einkaufswagen mit einem Warenwert von 234 Euro, die einfach in den Müll wandern. Ein Grund für das häufige Wegwerfen von Lebensmitteln, ist der falsche Umgang mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum.

Richtige Lagerung wichtig

Laut Dr. Sonja Forster, Veterinäroberrätin im Landratsamt Amberg-Sulzbach, gibt das Mindesthaltbarkeitsdatum den Zeitpunkt an, "bis zu dem der Hersteller garantiert, dass das ungeöffnete Lebensmittel bei durchgehend richtiger Lagerung seine spezifischen Eigenschaften, wie Geruch, Geschmack und Nährwert behält". Sobald das Lebensmittel dieses Datum überschritten hat, bedeutet das laut Bernhard Saurenbach, dem Vorsitzenden der Amberger Tafel, jedoch nicht, dass es schlecht geworden ist: "Es können sich danach natürlich der Geschmack oder die Konsistenz leicht ändern." Aber: "Das Produkt muss nicht gleich weggeschmissen werden." Michael Ascherl, Geschäftsführer für Produktion und Technik bei der Großmetzgerei Ponnath in Kemnath (Kreis Tirschenreuth), erklärt das am Beispiel von Joghurts: "Ein bis zwei Wochen nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums könnte es sein, dass das Joghurt eine leichte Synärese zeigt. Also, dass sich oben auf dem Joghurt Wasser bildet, das man dann einfach einrühren kann. Das Joghurt ist nicht verdorben, aber eine Eigenschaft, die der Hersteller bis zum Mindesthaltbarkeitsdatum versprochen hat, ist eben nun weniger stabil, was sich an der Bildung des Wassers erkennen lässt." Lebensmittel, die kurz davor sind, ihr Mindesthaltbarkeitsdatum zu erreichen, werden im Handel häufig günstiger angeboten. Laut Bernhard Saurenbach könnte "der Handel eigentlich ohne Weiteres Produkte verkaufen, die das Datum überschritten haben". Ein Verkaufsverbot existiere nicht. Aber: "Doch wir Verbraucher sind abgeneigt und kaufen die Sachen nicht. Wir müssen uns also eigentlich an die eigene Nase fassen." Gründe dafür sind laut Michael Ascherl die große Unwissenheit und die mangelnde Aufklärung: "In den Schulen werden solche Themen wenig bis gar nicht behandelt. Die Verbraucher sind verunsichert und haben auch Angst, Verdorbenes zu essen. Das hält sie dann im Endeffekt auch davon ab, Produkte zu essen, deren Mindesthaltbarkeitsdatum bereits überschritten ist."

Das Joghurt ist seit einem Tag abgelaufen: Schon ist es für viele gleich schlecht und reif für die Tonne. Doch das ist oft der absolut falsche Ansatz.

Über Jahre hinweg

Dr. Sonja Forster ergänzt, dass bei den Verbrauchern oft das Wissen fehle, woher Produkte kommen und wie viel Arbeit und Ressourcen in ihnen steckten. Es werde sich ausschließlich auf das aufgedruckte Datum verlassen. Sobald dieses abgelaufen ist, sei das Lebensmittel für den Verbraucher automatisch nicht mehr gut. "Auf Produkten wie Mehl oder Zucker ist ein Mindesthaltbarkeitsdatum einfach Unfug, da sich diese Lebensmittel über Jahre hinweg halten. Dabei wäre ein Herstelldatum schon eher angemessen. Lebensmittel in Konserven oder in Gläsern halten sich mindestens ein bis zwei Jahre nach dem Ablauf . Ebenso Salz, Zucker, Mehl, Nudeln und auch Reis", weiß Bernhard Saurenbach. Dieser Meinung schließt sich die Veterinäroberrätin an. Sonja Forster: "Reis ist ewig lang haltbar. Mit einer Ausnahme: Der braune, längliche Naturreis ist wegen seines erhöhten Fettgehalts nicht so lange haltbar. Original italienische Pasta besteht zu 100 Prozent aus Hartweizen und ist bei korrekter Lagerung ein fast unzerstörbares Lebensmittel."

Anders als beim Mindesthaltbarkeitsdatum gibt es beim Verbrauchsdatum andere Regeln, an die sich gehalten werden sollte. Laut Michael Ascherl werden mit dem Verbrauchsdatum eher sensible Produkte gekennzeichnet, wie Räucherlachs oder Hackfleisch. Sonja Forster betont, dass diese leicht verderblichen Lebensmittel nach kurzer Zeit eine unmittelbare Gesundheitsgefahr darstellen können: "Das Verbrauchsdatum nennt den letzten Tag, an dem das Lebensmittel verzehrt werden darf."

Ist das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen sollte man die Lebensmittel jedoch nicht sofort wegschmeißen, denn es gibt einfache Tipps und Tricks, wie jeder prüfen kann, ob die Produkte noch gut sind. Laut der Expertin aus dem Landratsamt sollte man sich immer auf die eigenen Sinne wie verlassen. "So hinterlässt zum Beispiel Fett, das nicht mehr frisch ist, einen metallischen Geschmack auf der Zunge", sagt Dr. Forster. Michael Ascherl schließt sich dieser Meinung an: "Zunächst sollte das Produkt genau angesehen werden. Ist Schimmel zu sehen? Sind Verfärbungen zu erkennen? Wenn nicht, dann kommt der Geruch zum Einsatz. Riecht etwas sauer, feucht oder anders als sonst? Wenn nicht, dann sollte der Geschmack getestet werden. Ist dabei auch alles normal, dann kann man das Produkt ohne Bedenken essen."

Hier finden Sie eine Checkliste von der Verbraucherzentrale Hamburg, die Ihnen die Lebensdauer einzelner Lebensmittel nach dem Mindesthaltbarkeitsdatum erklärt.

Am besten satt einkaufen

Damit es gar nicht erst so weit kommt, dass Lebensmittel ablaufen oder überlegt wird, sie wegzuschmeißen, hilft es laut Bernhard Saurenbach schon viel, nicht mit leerem Bauch zum Einkaufen zu gehen: "Man hat Hunger und sieht dann beim Einkaufen das leckere Joghurt oder die Wurst im Kühlregal und nimmt unbewusst mehr mit als man eigentlich will." Außerdem betont Saurenbach: "Wir wissen alle, dass wir nicht horten brauchen. Es wird jeden Tag neue Lebensmittel in den Regalen geben und wer nicht viel hortet, der kann auch am Ende nichts Abgelaufenes wegschmeißen."

  • Sehtest: Ist das Produkt äußerlich beeinträchtigt? Sind Verfärbungen oder Schimmel erkennbar?
  • Geruchstest: Hat das Produkt einen abweichenden oder sauren Geruch?
  • Geschmackstest: Zieht das Produkt Fäden? Ist der Geschmack anders als sonst?
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