Update 23.07.2018 - 16:33 Uhr
AmbergOberpfalz

"Runterspielen eine Frechheit"

Ein kleines Härchen löst bei Alfons Graf Ausschlag und akute Atemnot aus. Der 76-Jährige kam schon mehrfach in Berührung mit dem Eichenprozessionsspinner. Er empfiehlt dem Kreistag zu handeln. Dort gibt es eine andere Meinung.

Während in der Stadt Amberg schon an einem Konzept zum Umgang mit dem Eichenprozessionsspinner gearbeitet wird (im Bild ein gesperrter Parkplatz bei Ammersricht), ärgert sich ein AZ-Leser über die Aussage von Bürgermeister Josef Reindl im Kreisausschuss, dass es sich um ein mehr mediales denn reales Problem handle.
von Andrea Mußemann Kontakt Profil

(roa) Das ärgert Alfons Graf. Großflächiger Ausschlag und Atemnot sind die Auswirkungen einer Berührung mit kleinen Raupenhärchen. Die Aussagen von Schnaittenbachs Bürgermeister Josef Reindl (AZ vom Montag, 16. Juli; siehe unten) zum Eichenprozessionsspinner brachten den Leser in Rage. Darin bezeichnete das Stadtoberhaupt das Thema als mehr mediales denn reales Problem. Der Bürgermeister sah bei richtigem Verhalten keine große Gefahr vom Eichenprozessionsspinner ausgehen. "Man geht ja auch nicht mit einer kurzen Hose durch ein Brennnesselfeld", wird Reindl zitiert.

Dieses "Runterspielen ist eine Frechheit", sagt Alfons Graf. Dass die Population explosionsartig zugenommen hat, musste der passionierte Radfahrer am eigenen Leib erfahren. Mittlerweile radelt er sogar Umwege, wenn er von Poppenricht in die Stadt will, damit er nicht an Eichen vorbei muss. Mundschutz, lange Ärmel und Hosenbeine gehören für ihn mittlerweile zur Standardausrüstung. Vor drei Jahren noch legte er 3000 Kilometer auf dem Bike zurück. Heuer schaffte er gerade einmal 150. Zu riskant ist für ihn die Begegnung mit dem Eichenprozessionsspinner. Das erste Aufeinandertreffen endete für ihn mit einer mehrtägigen Behandlung mit Cortison-Salbe. Nach vier Tagen war der Ausschlag noch nicht abgeklungen. Deshalb habe er für sich eine Faustregel gefunden: "Alles was nach vier Tagen trotz Salben immer noch stark juckt und schmerzt, ist vom Eichenprozessionsspinner."

Pollenfilter ins Auto

Er appelliert auch an Familien mit Kindern: "Unbedingt mit Pollenfilter Auto fahren." Und: "Ernst nehmen, wenn ein Kind plötzlich hustet." Denn sein Lungenfacharzt habe ihm bestätigt: Mit jedem Kontakt würden die Auswirkungen schlimmer werden. Alfons Graf ist der Meinung, dass das Absaugen der Eichen an Rad- oder Fußwegen vom Landratsamt koordiniert werden müsste. Dort erklärt Sprecher Harald Herrle: "Das ist Sache der Ordnungsämter der Kommunen." Allerdings gibt es vom Gartenbauamt bereits eine Handlungsempfehlung mit dem Titel: "Was ist beim Eichenprozessionsspinner zu beachten?".

In der Stadt Amberg wird seit 2015 der Befall der Eichen erfasst. Bernhard Frank vom Team Grün: "Wir tun alles, um besonders sensible Bereiche abzudecken. Dazu gehören vor allem Spielplätze oder Kindergärten." Auf lange Sicht soll ein Konzept erarbeitet werden, das einer Handlungsempfehlung gleichzusetzen ist. Gegen Ende des Jahres, so hofft Frank, könne eine entsprechende Vorlage dem Stadtrat präsentiert werden. "Eine letztendlich gute Lösung müsste aber eigentlich von der Regierung kommen." Wie viele Bäume in der Stadt Amberg betroffen sind, kann Bernhard Frank nicht sagen. "Es gibt keine Meldepflicht." Dennoch hat die Behörde alle Eichen auf städtischem Grund erfasst und kontrolliert in regelmäßigen Abständen, insbesondere in sensiblen Bereichen, ob abgesaugt werden müsse. In Wäldern könne man den Eichenprozessionsspinner jedoch kaum bekämpfen.

Schutz ohne Panik

Bernhard Frank empfiehlt jedem, persönliche Schutzmaßnahmen zu ergreifen - ohne in Panik zu verfallen. "Auch Zeckenbisse sind gefährlich. Die Raupennester sind aber viel besser zu erkennen." Dazu passt der Kommentar von Landrat Richard Reisinger, der ebenfalls in der Sitzung fiel: "Wir haben eigentlich wesentlich mehr Grund, uns um Zecken zu kümmern."

Hier hakt Alfons Graf nach: "Und wie will er das machen?" Für Bürgermeister Josef Reindl hat er einen Rat parat: "Er kann sich glücklich schätzen, wenn er mit dem Eichenprozessionsspinner in Schnaittenbach keine Probleme hat. Noch nicht." Den Kreisräten würde es seiner Meinung nach gut anstehen, sich um die Sache zu kümmern.

Der Bericht aus dem Kreisausschuss:

So berichteten wir in der AZ vom 16. Juli über die Äußerungen zum Eichenprozessionsspinner im Amberg-Sulzbacher Kreisausschuss:

Wäre da noch die Sache mit dem Eichenprozessionsspinner. Gebenbachs Bürgermeister Peter Dotzler fürchtet angesichts der zunehmenden Zahl befallener Bäume, im kommenden Jahr könnte es zu einer regelrechten Epidemie durch das lästige Raupentier kommen. Ganz anders sieht das allerdings Josef Reindl, Dotzlers Kollege aus Schnaittenbach. Seiner Meinung nach ist das Thema Eichenprozessionsspinner mehr ein mediales denn ein reales. Reindl plädierte dafür, den Ball flach zu halten: „Wenn wir nicht aufpassen, müssen wir nächstes Jahr die ganze Oberpfalz absperren und abtrassieren.“

Bei richtigem Verhalten gehe vom Eichenprozessionsspinner keine so große Gefahr aus, wie es gerne dargestellt werde. „Man geht ja auch nicht mit einer kurzen Hose durch ein Brennnesselfeld“, verglich Reindl. Irgendwie, so Landrat Richard Reisinger, habe Reindl schon recht. „Wir haben eigentlich wesentlich mehr Grund, uns um Zecken zu kümmern.“ Deren Population habe praktisch explosionsartig zugenommen. (ass)

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.