Obgleich diese Sammlungen in chronologischer Reihenfolge rein wissenschaftlicher Natur sein sollen - der Inhalt ist weit weg von Emotionslosigkeit. Aus ihren Büchern "Hundert Briefe" und "Unfrieden und Krieg - Neidhardt von Gneisenau schreibt an seine Frau 1809 bis 1815" liest Regina Henscheid in der Provinzialbibliothek. Vor 222 Jahren schrieb der bedeutende preußische General seinen ersten Liebesbrief. "Meine gütige, angebetete Caroline. Mögen Sie auch Fehler haben, um mich Ihnen näher zu bringen. Kaum traue ich meinen Sinnen, dass ich es bin, den Sie gewählt haben. Ihr ewig treuer Kapitän." Regina Henscheid, Ehefrau des Amberger Schriftstellers Eckhard Henscheid, fordert die Zuhörer nebenbei heraus, eigene Versuche auf diesem Gebet zu starten.
Jahrgang 1760
Das waren Zeiten, als Mann noch Kavalier war und dies auch schriftlich kundtat. Zum Trost: August Wilhelm Antonius Graf Neidhardt von Gneisenau fiel als solcher nicht vom Himmel. Auf einem Feldzug seines Vaters wurde er 1760 geboren. Danach folgten sieben Jahre in Armut und in Pflege. Seine reiche Großmutter aus Würzburg holte ihn eines Tages zu sich und ermöglichte ihm ein Leben mit Bildung und vielen Freiheiten. In der hauseigenen Bibliothek verliebte er sich in Werke von Schiller. Er war ein Hallodri, dem Alkohol recht zugetan und raufte sich oft - ab und zu beim Duellieren. Was ihm folglich den Verweis des Hauses zum Militär einbrachte, damit er Anstand und Regeln lernen könne.
Nach der französischen Niederlage im Russlandfeldzug war Neidhardt von Gneisenau in London, um nach britischer Unterstützung zu bitten. In dieser Zeit schreibt er an seine Baronin Caroline von Kottwitz: "Wer sich nicht hier in den Wirbel der Zerstreuungen wirft, für den ist der aschgraue Winter dieses Landes eine erdrückende Zeit. Da sehne ich mich dann im höchsten Trübsinn nach meinen Kindern zurück. Wann wird sie endlich kommen, diese Zeit, auf die ich unablässig meinen Blick richte und die ich nimmer erreichen kann?" Da wusste er noch nicht, dass er Napoleon persönlich verfolgen und Preußen zum Sieg bei der Schlacht von Waterloo verhelfen würde.
Auch Alltägliches
Die Briefe, die im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz verweilen, werden von Regina Henscheid transkribiert und in einer Orthografie vorgelegt, die sich jener der Vor-Rechtschreibreform annähert. Sie ermöglichen Einblick in militärisches Handeln während der Befreiungskriege und den ganz banalen alltäglichen Dingen. Der General witzelt über die überzogene Art von Gemahlinnen hoher Amtsträger bei einem Ausflug und wie diese von der Kutsche fallen. Er beschwert sich über die Schreibfaulheit seiner Caroline und bedankt sich bei ihr, wenn sie seinen Anweisungen folgt. "Dennoch war Neidhardt von Gneisenau sehr seiner Wortwahl bedacht, denn die Briefe gingen durch mehrere Hände", erklärt Regina Henscheid. Durch das Zusammenfügen von Historischem und Persönlichem erfährt der Leser eine neue Art von Verständnis für menschliches Handeln.













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