01.06.2018 - 17:18 Uhr
AmbergOberpfalz

Seltene Afrikaner in Edelsfeld

Fußbodenheizung, Tropenhaus und drei Schubkarren Fressration täglich. Die Schildkrötenfarm der Familie Kopp ist ein Hingucker. Um zwölf Arten und bis zu 130 Jahre alte Tiere artgerecht halten zu können, ist viel Logistik nötig. Und Wissen.

Züchterin Jennifer Kopp zeigt stolz ein rund 700 Gram schweres, zehnjähriges Männchen (griechische Landschildkröte). Die Farm erstreckt sich über den kompletten Garten der Familie Kopp. Auch der Anbau im Hintergrund (links) und das Nebengebäude (Tropenhaus, rechts) dienen als Terrain für die 12 Schildkrötenarten, die hier ihr Zuhause haben.

Ihr Alter sieht man Maggi nicht an, wenn sie gemächlich den Aufgang vom Tropenhaus herabsteigt und sich an die Trinkschüssel zu den Riesenschildkröten gesellt. Mindestens 120 Jahre dürfte das Weibchen der Rasse Testudo Hermanni inzwischen auf dem Buckel haben. Genau lasse sich dies jedoch nicht bestimmen, sagt Jennifer Kopp. Gemeinsam mit ihrem Mann Patrick betreibt sie in Edelsfeld seit acht Jahren eine Schildkrötenfarm in Eigenregie.

Maggi lebte bereits 1903

Die älteste Aufzeichnung über das Tier stammt von 1903 - damals war Deutschland noch Kaiserreich. Die Notiz ist ein Tagebucheintrag einer älteren Frau, die darin die griechische Landschildkröte (so die deutsche Bezeichnung) erwähnt. Weil ihr der Aufwand für die Haltung des Tieres zu groß wurde, kam das rund 20 cm große Exemplar schließlich über ihre Enkel auf die Edelsfelder Farm. Dort ist Maggi nun die älteste Bewohnerin. Und wird es wohl noch einige Zeit bleiben: Ein baldiges Ende ist vorerst nicht zu befürchten. "Bei artgerechter Haltung liegt die Lebenserwartung bei bis zu 150 Jahren", erklärt Jennifer Kopp. Doch genau daran scheitere es bei vielen Haltern, klagt die begeisterte Schildkrötenbesitzerin.

Wer sich ein solches Haustier zulege, müsse sich seiner Verantwortung bewusst sein, appelliert sie an alle Interessenten: "Viele haben keine Ahnung, was da auf sie zukommt. Das ist nicht wie bei Hund, Katze oder Maus - diese Tiere überleben uns alle, manche um mehrere Generationen." Besitzer müssten sich folglich frühzeitig auch Gedanken über die Weitergabe der Tiere machen. Viele Schildkröten würden aber auch weitaus früher sterben, als die natürliche Lebenserwartung zulässt, bedauert die Expertin. "Dies liegt an der falschen Haltung", ist Kopp überzeugt: "Manche verfüttern Trockenfutter für Hunde oder Katzen. Andere stören ständig die Winterstarre", nennt sie häufige Fehler unerfahrener Halter. Die Folge: Das natürliche Wachstum der Schildkröten wird unterbrochen, die Nieren- und Leberwerte verschlechtern sich, insgesamt steigt die Erkrankungsgefahr. Um solche Fehler zu vermeiden, Tipps zu geben und Wissen auszutauschen, lädt das Farmer-Ehepaar zu regelmäßigen "Schildkrötenstammtischen" ein - das nächste Mal am Samstag, 16. Juni, um 14 Uhr.

Mit welchem Elan die Kopps, Eltern von vier Kindern zwischen 6 und 13 Jahren, ihrer Leidenschaft nachgehen, sieht man sofort, wenn man den Garten hinter dem Einfamilienhaus betritt. Oder das, was davon noch übrig ist. "Wir haben eigentlich keinen Garten mehr", erklärt die 32-Jährige: "Wir brauchen inzwischen das komplette Grundstück für die Gehege." Jede der zwölf Arten hat ein eigenes Terrain, das nach den spezifischen Bedürfnissen angelegt ist. Dazu gehören Trinkstellen, ein Schutzhaus als Rückzugsort, Grünflächen sowie Steine, Sand und Erde als natürliche Bodenflächen. Die dienten den Reptilien auch zur Eiablage, erklärt die Züchterin.

Neben den europäischen Schildkröten leben auf der Farm auch drei Arten mit ursprünglichem Verbreitungsgebiet in Afrika: Die Strahlenschildkröten kommen aus Madagaskar, die Pantherschildkröten aus Somalia und Äthiopien und die Aldabras sind auf den Seychellen heimisch. Letztere können bis zu 250 kg schwer und über 1,5 Meter groß werden. "Das ist die Größe eines mittleren Hundes", erläutert Kopp.

So groß wie ein Hund

Die "Afrikaner", wie sie ihre Tiere vom Nachbarkontinent liebevoll nennt, seien auch die teuersten. Ihre europäischen Artgenossen graben sich über den Winter in Buchenlaub ein, entleeren im Herbst vollständig ihren Darm und fahren ihren Stoffwechsel herunter. Die Afrikaner dagegen kennen keine Winterpause, sind also durchgehend aktiv. Um ihnen auch in den hierzulande kalten Monaten einen ursprünglichen Lebensraum zu gewähren, haben die Kopps in einem Nebengebäude ein Tropenhaus eingebaut - mit Fußbodenheizung, Wärme- und UV-Lampen für Wohlfühl-Temperaturen.

Der Energieaufwand hierfür ist nicht zu unterschätzen. "Das Tropenhaus allein frisst mehr Strom als unser gesamtes Wohnhaus", erklärt die Schildkröten-Mutter. Und auch darüber hinaus ist das Ehepaar mit seinem Hobby gut beschäftigt. Weil alle Tiere zusammen täglich rund drei Schubkarren Gräser und Heu fressen, mussten die Farmer bereits zwei Wiesen pachten, um ausreichend Frischfutter zu haben.

Wie viele Tiere die Farm insgesamt bewohnen, möchten die Besitzer inzwischen nicht mehr verraten. "Das ist zum Schutz der Tiere", sagt die Edelsfelderin - denn "auch Neid und Diebstahl" seien ein Thema. Insider wissen, dass hier schnell vierstellige Summen zusammenkommen. Europäer sind grundsätzlich günstiger. Die Männchen kosten im ersten Lebensjahr rund 70 Euro. Weibchen sind bis zu viermal jährlich trächtig und legen Eier ab, die weiterverkauft werden können. Die Preise erreichen deshalb bis zu 400 Euro. Sind die Schildkröten älter als 50 Jahre, sind Preise um die 1000 Euro realistisch. In einer ganz anderen Liga spielen afrikanische Arten. So seien die Aldabras eine wahre Wertanlage: "Für die zwei Riesenschildkröten würde ich vermutlich ein Haus kaufen können", sagt Kopp.

Auch der bürokratische Aufwand, den das Ehepaar betreiben muss, ist enorm. "Jede einzelne Schildkröte hat Papiere", erklärt Kopp. Die Tiere müssten mit eigenem Foto bei der zuständigen Naturschutzbehörde im Landratsamt angemeldet sein, in seltenen Fällen gebe es auch Inspektionen. Zudem unterliegen die europäischen Tiere der höchsten Artenschutzklasse A: Damit soll illegaler Handel verhindert und die Tiere geschützt werden.

Obwohl beide Hobby-Farmer berufstätige Eltern sind, lässt ihre Begeisterung nicht nach. "Wir sind schildkrötenverrückt", sagt Kopp lachend über sich und ihren Mann. Auch die Kinder hätten die Tiere längst ins Herz geschlossen und würden gerne mithelfen. "Das ist wie auf einem Bauernhof, da packen ja auch alle mit an."

Dieses Jahr geht es im Sommer nun erstmals seit langem wieder in den Urlaub. Die Schwiegermutter, die mit im Haus lebt, wird sich in dieser zeit um die Tiere kümmern. Reiseziel ist Kroatien. Doch wer denkt, dass sich die Familie dann eine kurze Auszeit von den Vierbeinern nimmt, täuscht sich: "Mein Mann will dort nach Schildkröten Ausschau halten, Fotos machen und sich über natürliche Lebensräume informieren", sagt Jennifer Kopp. Sie lacht. "Wir können eigentlich nicht genug bekommen."

An Größe, Gewicht und an der Musterung des Panzers lässt sich die Art bestimmen. Hier zum Beispiel die Pantherschildkröte Kongo, ein 35-jähriger legaler Wildfang aus Somalia, der bis zu 60 Kilo schwer werden kann.
Info:

Ernährungstipps

Viele Halter begehen den Fehler und verfuttern Trockenfutter. Auch Essensreste und Obst sind tabu, weil das Verdauungssystem der Tiere auf den hohen Zuckergehalt nicht ausgelegt ist. Salat gibt es in seltenen Fällen und nur für afrikanische Arten. „Schildkröten sind keine Allesfresser“, lautet Kopps Hinweis. Falsche Ernährung führt zu Darmproblemen, Krankheiten, Höckerbildungen und einem früheren Tod.

Die Expertin empfiehlt als Hauptspeise vor allem ungespritzte Wiesenkräuter wie Klee, Bärlauch, Löwenzahn oder Minze und im Winter Heu. Tägliches Frischwasser ist ebenso wichtig.

Drei- bis viermal jährlich legen europäische Weibchen im Jahr Eier ab, pro Wurf bis zu 14 Stück. Weil das Sexualverhalten der europäischen Männchen im Gegensatz zu den Artgenossen aus Afrika sehr aufdringlich ist, ist eine 1:1-Haltung zu stressig für die Weibchen. Empfohlen wird die Kombi aus drei Weibchen und einem Männchen.
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