29.10.2020 - 11:27 Uhr
AmbergOberpfalz

Süße Steinlinger Sensation: die Sommer-Sußbirn

Selbst zu Zeiten der Flurneuordnung kam niemand auf die Idee, Hand an sie zu legen: Die großen alten Birnbäume genießen in Steinling den Status eines Wahrzeichens.

Den größten Sommer-Sußbirnbaum den Wolfgang Subal bei Steinling untersucht hat, ist vermutlich mindestens 200 Jahre alt. Er steht im Tal zwischen Steinling und Weißenberg, östlich der Straße.
von Öko-Modellregion Barbara StröllProfil

Blickt man in Steinling vom nördlichen Ortsausgang über das weite Tal Richtung Weißenberg, springen sie ins Auge: die großen alten Birnbäume, die einzeln in der Feldflur stehen. "Das sind die rotbaschigen Sußbirnen.", weiß Alfred Weidner. Er lebt seit 75 Jahren in Steinling.

Sein Sohn Norbert erzählt, dass diese großen alten Sußbirn-Bäume so etwas wie ein Wahrzeichen für Steinling sind. "Bei der Flurneuordnung hieß es, das seien ganz besondere Bäume, die sollten unbedingt erhalten bleiben. Die sind quasi geschützt." Der größte noch erhaltene Sußbirn-Baum steht im Tal östlich der Straße. Sein Stamm hat einen Durchmesser von einem Meter, und seine Krone ist etwa 15 Meter breit. An der Stelle, wo sich der Stamm verzweigt, wird er durch ein breites Metallband zusammengehalten.

Der Pomologe Wolfgang Subal schätzt das Alter des Baumes auf mindestens 200 Jahre. Die kleinen rundlichen Früchte sind sehr saftig und schmecken süß. Im südlichen Mittelfranken hat er etliche Bäume dieser Sorte gefunden. Die Bäume bei Steinling sind der einzige weitere Fund bisher. Allerdings gibt es noch große Gebiete, die bis heute nicht untersucht wurden.

"Seit 20 Jahren versuche ich herauszufinden, um welche Sorte es sich handelt. Ich hatte ihr den Arbeitstitel "Schmeckerbirne" gegeben, weil sie köstlich süß schmeckt. Nachdem sie in Steinling "Sußbirn" genannt wird, muss es sich um die Sommer-Sußbirn handeln. Diese ist eine von drei historisch bekannten Sußbirn-Sorten", führt er aus. Dank der Begegnung mit Familie Weidner hat Wolfgang Subal dieses pomologische Rätsel nun endlich gelöst. Die Sommer-Sußbirn wird in einem Baumschul-Katalog von 1852 beschrieben. Daher vermutet er, dass diese Sorte früher eine große Bedeutung hatte und häufig gepflanzt wurde. "Ich werde die Früchte dieses Baumes genetisch untersuchen lassen. So können wir ganz sicher prüfen, ob es sich um die gleiche Sorte handelt wie die, die ich aus Weißenburg kenne. Diese Sußbirn-Sorte habe ich jedenfalls noch nirgendwo sonst gefunden", sagt Wolfgang Subal.

Der Name Sußbirn oder Sousbirn ist nicht im ganzen Amberg-Sulzbacher Land bekannt. In einigen Dörfern sagt man "Holzbirne" zu allen kleinfrüchtigen Birnensorten. "Für die Menschen, mit denen ich gesprochen habe, sind "Holzbirnen" Birnen, mit denen man nichts anfangen kann. Die werden kompostiert oder verfüttert", stellt die Projektmanagerin der Öko-Modellregion Amberg-Sulzbach und Stadt Amberg, Barbara Ströll, fest.

Kunigunde Weidner weiß noch, wie ihre Schwiegermutter die Sußbirn verwendet hat: "Da wurde eine Suppe mit Einbrenne draus gekocht, und getrocknet wurden die auch zu Hutzeln. Da hat man dann zum Beispiel Tee draus gekocht." Familie Weidner bewirtschaftet noch einen alten Obstgarten mit seltenen Sorten wie dem Kleinen Herrenapfel und dem Kaiser Alexander. Eine Besonderheit ist dort auch der "Gelbe Spilling"; eine seltene gelbe Pflaumenart.

Das Projekt zur Suche nach alten Birnen- und Apfelsorten im Amberg-Sulzbacher Land wird im Rahmen der Bayerischen Biodiversitätsstrategie gefördert. Barbara Ströll hofft nun auf mehr Informationen zur Sommer-Sußbirn. Sie bittet um Hinweise auf weitere Bäume dieser Sorte in der Region und interessiert sich für Geschichten zu den Bäumen und über die Verwendung der Früchte. Sußbirn-Kenner können sich im Projektbüro der Öko-Modellregion melden unter 09621/39-238 oder eine E-Mail an oekomodellregion[at]amberg-sulzbach[dot]de schreiben.

Ein gemeinsames Projekt der Öko-Modellregion und der Jura-Werkstätten

Sulzbach-Rosenberg
Die mächtigen Sommer-Sußbirn-Bäume um Steinling sind vermutlich mehr als 200 Jahre alt. Sie tragen heuer viele Früchte.
Diese kleinen Sußbirnen hat Wolfgang Subal bei Steinling gefunden. Diese schmecken sehr süß und sind “rotbaschig“, wie man in Steinling sagt, haben also rote Wangen.
Links zwei Früchte der Wahren Kleinen Sußbirn. Diese schmeckt süß mit deutlicher Säure. Rechts vier Früchte der sehr süßen Sommer-Sußbirn aus Steinling.
Sußbirn-Sorten:

In einem alten Baumschul-Katalog nachgeschlagen

In einem Cadolzburger Baumschul-Katalog von 1852 werden drei Sußbirn-Sorten kurz beschrieben. Dieser Katalog ist bisher die einzige bekannte Quelle.

  • Die häufigste, in Franken und angrenzenden Gebieten verbreitete Sorte, ist die Wahre Kleine Sußbirn. Ihre Früchte sind gelbgrün und enthalten mehr Säure.
  • Die Sommer-Sußbirn ist gelb und hat meist rote Wangen. Sie schmeckt saftig süß.
  • Die dritte Sorte ist die Welsche Sußbirn. Von dieser ist aktuell kein sicherer Standort bekannt.

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