20.03.2020 - 16:14 Uhr
AmbergOberpfalz

Tag der Kriminalitätsopfer: Sexueller Missbrauch von Kindern auch in Amberg-Sulzbach

Der 22. März ist der "Tag der Kriminalitätsopfer". Die Opferschutzorganisation Weißer Ring rückt hier heuer das Thema sexualisierte Gewalt in den Blickpunkt. Die kommt auch in der Region in nicht geringem Maß vor.

Symbolbild.
von Markus Müller Kontakt Profil

Aus der bundesweiten Kriminalitätsstatistik der Polizei geht hervor, dass in Deutschland alle acht Minuten ein Mensch Opfer von sexualisierter Gewalt wird. Allein für das Jahr 2018 sind hier knapp 64.000 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung verzeichnet.

Für die Region Amberg-Sulzbach gibt das Polizeipräsidium Oberpfalz folgende Zahlen für Sexualdelikte im Jahr 2019 an: Sexuelle Nötigung gab es in Amberg fünfmal, im Landkreis dreimal. Vergewaltigung kam in Amberg sechsmal vor, in Amberg-Sulzbach siebenmal. Auch bei der Beleidigung auf sexueller Basis liegen die Zahlen nahe beieinander (Amberg 8, Amberg-Sulzbach 7). Die meisten Fälle gab es beim sexuellen Missbrauch von Kindern: 12 in Amberg, 18 im Landkreis.

Sowohl deutschlandweit als auch regional gilt: Das sind nur die Fälle, die von der Polizei erfasst wurden – die Dunkelziffer liegt sehr viel höher. "Nicht einmal jede 15. Tat wird bei der Polizei angezeigt, das belegen kriminologische Studien", schreibt der Weiße Ring, Deutschlands größte Hilfsorganisation für Opfer von Kriminalität, in einer Pressemitteilung zum Tag der Kriminalitätsopfer. Der Weiße Ring geht deshalb von bis zu einer Million Taten pro Jahr aus. "Nicht alle acht Minuten, sondern vermutlich in jeder einzelnen Minute des Tages wird demnach ein Mensch Opfer von sexualisierter Gewalt. Doch viel zu oft schweigen die Betroffenen über das Erlebte: aus Angst, aus Unwissenheit, aus Scham, aus falsch verstandener Loyalität, weil die meisten Taten in den privaten vier Wänden geschehen."

Zur Homepage des Weißen Rings

Mit dem 29. Tag der Kriminalitätsopfer am 22. März will der Weiße Ring das Schweigen brechen: Aktionen in ganz Deutschland sollen die Öffentlichkeit für das Thema sexualisierte Gewalt sensibilisieren und Betroffenen Mut machen, sich Hilfe zu holen.

„Sexualisierte Gewalt ist extrem schambehaftet und wird noch immer gesellschaftlich tabuisiert“, sagt Helmut Reinhardt, Außenstellenleiter des Weißen Rings für Amberg und Amberg-Sulzbach. „Viele Betroffene bringen nicht die Kraft auf, den sexuellen Übergriff zu thematisieren, vor allem, wenn er in den eigenen vier Wänden geschieht. Opfer sollten sich jedoch nie selbst die Schuld für das Verhalten des Täters geben.“

Sexualisierte Gewalt: "Das sind alle Formen von sexuellen Handlungen, die einer Person aufgedrängt oder aufgezwungen werden. Dazu gehören sexuelle Nötigung, sexuelle Belästigung, Vergewaltigung oder sexueller Missbrauch. Sexualisierte Gewalt ist häufig Ausdruck eines emotionalen und wirtschaftlichen Macht- und Abhängigkeitsverhältnisses zwischen Täter und Opfer", beschreibt es der Weiße Ring in seiner Pressemitteilung.

Und weiter: "Vor allem Frauen sind solcher Gewalt ausgesetzt, in der Öffentlichkeit, im Beruf, zu Hause. Partnerschaftsgewalt und häusliche Gewalt kann sich bis zum Mord und Totschlag steigern: 123 Frauen wurden laut der Kriminalstatistik 2018 von ihren Partnern umgebracht – mehr als jedes dritte Tötungsopfer. Die Opfer kommen aus allen Bildungs- und Einkommensschichten, aus allen Altersgruppen, Nationalitäten, Religionen und Kulturen."

Sexualisierte Gewalt an Mädchen und Jungen finde täglich und überall statt, häufig auch innerhalb der eigenen Familie. "Schätzungen zufolge erfährt jedes fünfte Mädchen und jeder neunte Junge vor dem 18. Geburtstag (mindestens) einmal sexuelle Gewalt, die der Gesetzgeber als Straftat einstuft – also Nötigung, Missbrauch, Exhibitionismus oder Vergewaltigung. Nicht selten beeinflusst das Erleiden sexualisierter Gewalt den gesamten weiteren Lebensverlauf."

Sexuelle Handlungen an oder mit Kindern sind grundsätzlich strafbar. Aufgrund seiner emotionalen und intellektuellen Entwicklung kann ein Kind einer sexuellen Handlung nicht wissentlich zustimmen – und somit niemals dafür verantwortlich sein, wenn es Opfer eines sexuellen Missbrauchs wird. Begünstigt wird der Missbrauch durch das Macht- oder Wissensgefälle zwischen dem Täter und seinem kindlichen Opfer.

"Alle Opfer von sexualisierter Gewalt leiden unter psychischen Folgen wie Angst, Vereinsamung, Depressionen oder chronischen Gesundheitsproblemen", heißt es in der Pressemitteilung. Die Belastung quäle die Betroffenen oft viele Jahre, manchmal das ganze Leben lang. „Betroffene Frauen und Männer befinden sich in einer Ausnahmesituation, die sie als bedrohlich und demütigend empfinden“, sagt Helmut Reinhardt. Der Weiße Ring rät Betroffenen, unbedingt mit Personen ihres Vertrauens über das traumatische Gewaltereignis zu sprechen, ärztliche Unterstützung in Anspruch zu nehmen oder sich Hilfe zu suchen, zum Beispiel beim Weißen Ring.

Die 2900 professionell ausgebildeten Opferhelfer in den 400 Außenstellen des Weißen Rings stehen allen Betroffenen in der Notlage persönlich zur Seite. Zum Tag der Kriminalitätsopfer 2020 hat der Weiße Ring auch eine neue Broschüre mit dem Titel „Intime Verbrechen: Hilfe bei sexualisierter Gewalt“ herausgegeben. Informationen bieten zudem zwei neue Informations-Videos, die auf der Homepage des Weißen Rings abrufbar sind.

Tag der Kriminalitätsopfer:

Seit 1991 macht der Weiße Ring mit dem Tag der Kriminalitätsopfer alljährlich am 22. März auf Menschen aufmerksam, die durch Kriminalität und Gewalt geschädigt wurden. Er soll das Bewusstsein für Opferbelange in Deutschland stärken und Informationen zu Prävention, Schutz und praktischen Hilfen geben. Inzwischen ist der Aktionstag fester Bestandteil im Kalender von Institutionen aus den Bereichen Politik, Justiz und Verwaltung, aber auch Vereinen und Schulen geworden.

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