Amberg
14.09.2018 - 14:05 Uhr

Tonale Handschrift im Zentrum

Strömungen, Schwingungen, Notationen: Diese entstehen in einem über drei Meter hohem Atelier. Als Hilfsmittel dient Astrid Schröder ein fast so langes senkrechtes Lineal auf einer waagrechten Schiene. Und dann setzt sie den Pinsel an.

Astrid Schröter stellt im Stadttheater Amberg acht ihrer Exponate aus. Zwischen Bewegung und optischer Täuschung fließen ihre "Strömungen, Schwingungen, Notationen".
"Strömung" - Acryl auf Leinwand Bild: Dagmar Williamson
Astrid Schröter stellt im Stadttheater Amberg acht ihrer Exponate aus. Zwischen Bewegung und optischer Täuschung fließen ihre "Strömungen, Schwingungen, Notationen". "Strömung" - Acryl auf Leinwand

Klassische Musik läuft im Haus den ganzen Tag. Als Hintergrundgeräusch, kaum wahrgenommen von der Künstlerin. Während des Schaffens überlässt Astrid Schröder nichts dem Zufall. Sie ist fasziniert von Naturwissenschaften und bringt es auf den Punkt: „Alles in der Natur ist Mathematik.“ Errechenbar und berechenbar. Wie die Fibonacci-Folge die Unendlichkeit der natürlichen Zahlen erklärt. Auf der Leinwand ist sie verkörpert durch den Pinsel-Ansatz, wo die Farbe am kräftigsten ist, bis der Strich senkrecht verläuft und die Farbe an Nuancen verliert. Auf dunklem Hintergrund beginnend. Oft über sieben Schichten hinaus. So entstehen optisch verkörperte Strömungen, Schwingungen und Notationen – wie auch der Name ihrer Ausstellung im Stadttheater Amberg.

Acht Exponate der Regensburgerin sind ab jetzt fast ein Jahr im Oberen Foyer ausgestellt. Sakral mittig hängt die „Feldordnung“. Blaue Farbabstufungen führen zu einer dreidimensionalen Ansicht, vorausgesetzt das Werk wird aus der richtigen Perspektive betrachtet. Keine der Malereien verliert an Bewegung. Lichtgegebenheiten und Entfernung des Betrachters, ob von der Seite oder direkt davor stehend, beeinflussen den entstehenden Rhythmus. Wie das Bild „Schwingung“ beweist. Es ist das einzige Exponat, das sich farblich, verglichen mit den anderen, unterscheidet. Kräftige rote Pinsel-Linien zeichnen eine digitale Ton-Spur mit aufeinanderliegenden unterschiedlichen Ebenen der Nebengeräusche.

Was gehört wird, liegt im Auge des Betrachters. Genauso, wie das Gefühl der farblichen Präsenz dem Gemüt überlassen ist. Blau wirkt kalt, aber dennoch entspannend und steht für distanzierte Objektivität. Wärme strahlt das Rot aus. Gleichzeitig ist es alarmierend und erinnert an die Glut des Lebens. So wird es in Fachkreisen der Grafiker gelehrt. Astrid Schröder absolvierte 1984 an der Staatlichen Akademie für das Graphische Gewerbe in München ihre Ausbildung. Der Hang zur Farbe und zur handwerklichen Darstellung zog sie 1991 zu Professor Jürgen Reipka. An der Akademie der Bildenden Künste München war sie Meisterschülerin und erhielt ihr Diplom nach acht Jahren.

Kunsthistorikerin Michaela Grammer setzt sie auf eine Stufe mit Bridget Riley oder Jesus Rafael Soto, die sich vor allem der Kinetik widmeten. Die Laudatorin beschreibt das Visuelle auf sehr poetische Art und erweckt dabei den Eindruck der Verliebtheit: „Weil sie zeitlos, elegant mit großer Geste, traumwandlerische pure Ästhetik serviert.“ Dabei ist Astrid Schröder sehr faktisch und präzise, wenn sie zum Beispiel über ihre Wandgestaltung des Schwurgerichtssaals in Regensburg erzählt. Diese musste einem strikten Konzept folgen: Die unterschiedlichen Gelb-Nuancen vorher getestet und die genaue Länge der Pinsel-Striche akribisch festgesetzt werden. „Ausbessern gibt es nicht beim direkten Malen auf der Wand“, sagt die Künstlerin. Ob die farbliche Bestimmung im Hintergrund der Richter zu einem positiven Beschluss für alle Beteiligten führt, wissen nur diejenigen, die in dem Saal, wohl oder übel, verweilen müssen.

Es ist kein Muss das Obere Foyer des Stadttheaters in Amberg aufzusuchen, aber eine unbedingte Empfehlung. Für diejenigen, die es zu schätzen wissen, durch Malerei herausgefordert zu werden. Mathematische Fragmente, nicht etwa digital dargestellt, sondern mit der Handschrift, wie es die Künstlerin selber nennt, von Astrid Schröder.

Auszug aus "Shifting Shapes" - Acryl auf Leinwand Bild: Dagmar Williamson
Auszug aus "Shifting Shapes" - Acryl auf Leinwand
Astrid Schröder im Gespräch - im Hintergrund ihr Werk "Schwingung". Bild: Dagmar Williamson
Astrid Schröder im Gespräch - im Hintergrund ihr Werk "Schwingung".
"Strömung" - Acryl auf Leinwand Bild: Dagmar Williamson
"Strömung" - Acryl auf Leinwand
"Feldordnung" - Acryl auf Leinwand Bild: Dagmar Williamson
"Feldordnung" - Acryl auf Leinwand
 
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