18.09.2019 - 17:38 Uhr
AmbergOberpfalz

Verkehrsverbund Nürnberg gibt Gas bei Digitalisierung

Die App sucht einem die beste Verbindung zum günstigsten Preis heraus. Bezahlt wird der Fahrschein bargeldlos mit dem Smartphone. Zukunftsmusik im öffentlichen Personennahverkehr? Vielleicht in fünf bis acht Jahren in Amberg Realität.

Der VGN-Tarif soll künftig auf allen Linien gelten.
von Andrea Mußemann Kontakt Profil

Bei der Sitzung des Zweckverbandes Nahverkehr Amberg-Sulzbach (ZNAS) stellte Geschäftsführer Hans-Jürgen Haas das Innovationspaket vor. Geschnürt hat es der Verkehrsverbund Großraum Nürnberg (VGN). Bereits im Juni hatte der Zweckverband beschlossen, daran teilzunehmen und sich finanziell zu beteiligen.

Reiner E-Tarif?

Haas gab den Verbandsmitgliedern jetzt eine Übersicht über den Sachstandsbericht und kam ins Schwärmen: Ausweitung des Handytickets, automatische Best-Preis-Fahrpreisfindung mit Handy-App, Ausweitung der 9-Uhr-Abos verbundweit, Digitalisierung des Schülerverkehrs und des Abos, Einführung eines reinen E-Tarifs - so die Themen. Zur Einführung des E-Tarifs wurde zudem eine Machbarkeitsstudie vorgestellt, die zu dem Schluss kommt, dass das Ziel, wie auch immer es im Detail aussieht, in fünf bis acht Jahren erreicht werden könne. Während stellvertretende Landrätin Brigitte Bachmann (SPD) befürchtete, dass "ältere Menschen auf das Abstellgleis" geraten, sah CSU-Stadtrat Herbert Wasner darin eine Chance: "Das Verfahren muss so einfach wie möglich sein." Haas gab die Devise aus: "Wir können die Entwicklung nicht aufhalten, aber es wird auch weiterhin Wege geben, für die, die kein Smartphone haben."

Grünen-Stadtrat Helmut Wilhelm sah dagegen in den vorgestellten E-Tarifen "Modelle für Computerklimperer". "Ich will nicht erst auf dem Kontoauszug sehen, was eine Fahrt gekostet hat." Hintergrund des Innovationspaketes sind Förderungen des Freistaats Bayern in Höhe von 12,8 Millionen Euro jährlich auf fünf Jahre, vorausgesetzt dass sich die Aufgabenträger vor Ort mit 50 Prozent der Kosten beteiligen und die Gelder nicht für Tarif-Senkungen, sondern Innovationen verwendet werden.

Haas berichtete zudem von Unstimmigkeiten bei der Einführung des 365-Euro-Jugendtickets im VGN. Zwei Drittel des Defizits hätte der Freistaat übernommen, ein Drittel wäre bei den Verbünden hängen geblieben. Für den ZNAS wurden dadurch Einnahmeausfälle von rund 155 000 Euro pro Jahr ermittelt. "Allerdings war von Anfang an klar, dass die vom Freistaat gewünschte Einführung zum 1. September unmöglich umsetzbar ist", sagte Haas.

Problem: 365-Euro-Ticket

Denn zum Beispiel steht hier die Kostenfreiheit des Schulweges im Weg. Darin ist geregelt, dass die Schüler lediglich die Strecke von Zuhause bis zur Schule erstattet bekommen. Das 365-Euro-Ticket würde Fahrten zu jeder Tageszeit im VGN ermöglichen - was vielleicht Auswirkungen auf Schülerströme haben könnte. Das würde heißen, dass jeder Schüler im VGN-Tarifverbund seinen Schulstandort frei wählen könnte. Haas beschrieb auch die Kritik an der Bezeichung "365-Euro-Ticket". In Wien, wo das Angebot 2012 eingeführt worden sei und man aus Marketing-Gründen den Begriff gewählt habe, gab es enorme finanzielle Zusatzbelastungen, da auf Preisanpassungen verzichtet werden muss.

Geschäftsleiter Hans-Jürgen Haas, Verbandsversammlung des Zweckverbandes Nahverkehr Amberg-Sulzbach (ZNAS).

Näher an Nürnberg orientiert

Für eine vollständige Integration in den Verkehrsgroßraum Nürnberg (VGN) – vorbehaltlich der Kosten – stimmte am Donnerstag die Verbandsversammlung des Zweckverbands Nahverkehr Amberg-Sulzbach (ZNAS). Allerdings mit einer Gegenstimme.

Bisher war geregelt, dass der VGN-Tarif zunächst im Schienenverkehr gilt, auf den ein- und ausbrechenden Linien aus dem VGN-Raum sowie auf den Zubringern zur Schiene. Jetzt sollen auch die übrigen Linien in den VGN integriert werden.

2011 sei ein Versuch gestartet worden, einen eigenen Tarifverbund zu entwickeln, so Geschäftsleiter Hans-Jürgen Haas. Diesen Versuch des Tarifs Oberpfalz Nord (TON) sah Haas mittlerweile als gescheitert an – zumal jetzt auch der Landkreis Tirschenreuth einen Antrag auf VGN-Beitritt gestellt habe und vermutlich aus TON austreten werde. Wesentliche Gründe für die Entscheidung pro VGN lagen laut Haas unter anderem in den bestehenden vertraglichen Verpflichtungen sowie an den unterschiedlichen Methoden zur Ermittlung der Zahlungen der Einnahmeausfälle. Zudem würden Pendlerverflechtungen eindeutig in Richtung VGN-Gebiet laufen.

Grünen-Stadtrat Helmut Wilhelm bezeichnete die Einführung des TON-Tarifs als genial und befürchtete eine Tarif-Verteuerung durch den VGN. Verbandsmitglied Günter Cermak aus Auerbach erklärte, dass aus TON „der Oberpfälzer Tarif“ hätte werden sollen. „Aber das Interesse war nicht da.“ Haas betonte, dass die Tarife errechnet werden können und es „keine großen Unterschiede“ geben werde.

Die Alternative wäre nichts zu machen, keine Werbung zu haben und auch kein 365-Euro-Ticket, so Haas. OB Michael Cerny erinnerte an die eingangs gesteckten Ziele der Verbandsversammlung: Einfachheit im Tarif-Dschungel und das 365-Euro-Ticket. „Wie erreichen wir die Ziele am schnellsten?“, wollte der OB wissen. „Ganz klar mit dem VGN“, antwortete Haas.

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