01.01.2020 - 15:20 Uhr
AmbergOberpfalz

Weihnachtstrucker der Johanniter bringen Freude nach Zentralrumänien

Die Fahrt im Konvoi nach Siebenbürgen an sich ist schon ein Erlebnis. Doch es sind die dankbaren Gesichter der in bitterster Armut lebenden Menschen, die das Ganze für jeden, der dabei war, unvergesslich machen.

Das kleine Mädchen freute sich über das Malbuch von Hans Lamminger. Er hatte offensichtlich die richtige Seite aufgeschlagen.
von Hans BernreutherProfil

Zwischen Weihnachten und Neujahr nehmen viele Beschäftigte Urlaub. Sie erholen sich im Kreis der Familie und tanken neue Energie. Nicht so Alois Schreglmann, Chef des gleichnamigen Transportunternehmens, und sein Beifahrer Manfred Nickl. Am Donnerstag, 26. Dezember, um 5.30 Uhr startet Schreglmann den Motor seines Mercedes-Lkw in Oberviechtach, während Nickl einen letzten Kontrollgang um den Sattelschlepper macht.

Während der nächsten fünf Tage werden sie noch etliche Male die Sitzplätze im Führerhaus tauschen. Erstes Etappenziel des Tages ist die Innenstadt von Landshut. Dort treffen sich die Besatzungen von 40 weiteren Sattelzügen. Sie nehmen an der Aktion Weihnachtstrucker 2019 unter der Leitung der Johanniter teil. An ihren bedruckten Sweatshirts sieht man, dass viele nicht zum ersten Mal dabei sind.

Letzte Besprechung kurz vor der Abfahrt in Landshut (von links): Ulrich Bauriedl, Hauptorganisator für Zentralrumänien, Manfred Nickl und Alois Schreglmann, die Männer hinterm Steuer.

62.390 Pakete liefern sie heuer an bedürftige Familien in Bosnien, Rumänien und Bulgarien. In jedem sind Grundnahrungsmittel wie Zucker, Mehl, Reis, Nudeln, Speiseöl sowie Kakaogetränkepulver, Multivitaminbrausetabletten, Kekse und Schokolade; außerdem Hygieneartikel. Als Geschenk für die Kinder sind Malbücher und Buntstifte beigelegt.

Nach einem ökumenischen Reisesegen verlassen die Lastwagen und zahlreiche Begleitfahrzeuge um 10.30 Uhr die Altstadt. Viele Zuschauer winken den Besatzungen zu. Das Ziel von Schreglmann und weiterer zwölf Trucks aus der Oberpfalz und Niederbayern ist Zentralrumänien. Den Konvoi begleiten die Johanniter mit drei Fahrzeugen unter der Führung von Manfred Emmerling.

Die Organisation der Hilfsgüter für diese Region, von Spendenaufrufen über das Sammeln der Pakete aus weiten Teilen Bayerns bis hin zum Zusammenstellen der Ladungen lag in den bewährten Händen von Ulrich Bauriedl. Er ist Betriebsleiter bei der Firma Godelmann und mit seinem Organisationstalent und Engagement der richtige Mann an der richtigen Stelle. Mit großzügiger Unterstützung seines Arbeitgebers bereitete er seit September diese Mammutaktion vor.

Für 2019 stellte er einen neuen Sammelrekord auf: 17.960 Pakete. Auf den einzelnen Lastwagen finden zwischen 1200 und 1500 von ihnen Platz. Wer nicht selbst ein Paket packen wollte, konnte auch Geld spenden. Allein 3000 Pakete, finanziert mit diesen Spenden, wurden in einer Produktionshalle von Godelmann mit 100 Helfern innerhalb von drei Stunden gepackt. Auch das war ein neuer Rekord.

Unterwegs in den Karpaten

Auf einem Autohof südlich der ungarischen Stadt Kecskemet stellen Alois Schreglmann und seine Kollegen, die meisten sind Berufskraftfahrer, ihre Trucks ab. Er und sein Beifahrer haben exakt 947 Kilometer abwechselnd am Steuer zurückgelegt. Die bisherige Fahrt verlief reibungslos, auf den Autobahnen herrschte kaum Betrieb. An den Grenzübergängen nach Österreich und Ungarn gab es keine Probleme. Die Fahrer übernachten größtenteils in ihren Fahrzeugen.

Am nächsten Tag müssen noch weitere 650 Kilometer unter die Räder genommen werden. Das Vorwärtskommen in Rumänien wird anspruchsvoller und dauert deutlich länger. Die Autobahn A1 ist noch nicht vollständig ausgebaut, und so führt die Route über teils sehr enge, kurvige Straßen und durch höhergelegene kleine Orte. Pferdefuhrwerke müssen vorsichtig überholt werden. Eine Frau mit einem Kind auf dem Schoß hält die Zügel ihres Einspänners fest in der Hand. Der kalte Schneewind setzt ihnen sichtbar zu. Schafherden grasen bis an den Fahrbahnrand.

Pferdefuhrwerke gehören noch immer zum Straßenbild.

Gegen 19.30 Uhr Ortszeit kommt der Konvoi an seinem Zielort in Odorheiu Secuiesc (Kreis Harghita) in Siebenbürgen an. Ein Baustoffhändler hat sein bewachtes Betriebsgelände als Parkplatz zur Verfügung gestellt. Übernachtet wird in den nächsten beiden Tagen im nahe gelegenen Ort Tanreni, in einer Unterkunft für betreutes Wohnen. Mit finanzieller Unterstützung durch die deutsche Herrmann-Niermann-Stiftung leben hier sieben körperlich und geistig behinderte Frauen im Alter zwischen 23 und 39 Jahren. Besonders berührt das Schicksal der blinden Melinda, deren Sehnerven durch brutale Schläge ihres Vaters unheilbar zerstört wurden. Sie kämpft momentan mit großen psychischen Problemen. Gäbe es nicht diese Einrichtung, wäre ihr Schicksal das Leben in der Psychiatrie.

Mit vereinten Kräften sind auch größere Paketmengen zügig umgeschlagen

Der Samstag steht ganz im Zeichen der Paketverteilung. Die Organisation hat für die Johanniter die LIA e.V. Rumänienhilfe übernommen. LIA heißt übersetzt Jugendstiftung Lokod. Sie arbeitet mit regionalen sozialen Verbänden zusammen, die im Umkreis von 200 Kilometern die Geschenkpakete an kinderreiche und hilfsbedürftige Familien und Einzelpersonen verteilen.

Der wichtigste Partner ist nach Auskunft von Herbert Flöck, dem deutschen Ansprechpartner von LIA, die unitarische Kirche Siebenbürgen. Weitere Empfänger sind unter anderem Vereine und Stiftungen im Sozialbereich, die Diakonie, das Rote Kreuz und die sogenannten Dorfvereine. Teilweise werden die Hilfsgüter bei dem Baustoffhandel abgeholt oder von den einzelnen Sattelschleppern an Verteilerzentren in bis zu 100 Kilometer Entfernung transportiert.

Alois Schreglmanns erste Abladestation ist an einer Tankstelle in Jigodin Bai. In zwei Kastenwagen und einigen Pkw stapeln sich bald die ersten umgeladenen Pakete. Magdolna Bakai, die auf seiner Tour als Dolmetscherin fungiert, protokolliert die Anzahl und lässt sich die Übergabe per Unterschrift bestätigen. Einen Missbrauch mit den Hilfspaketen will man weitestgehend ausschließen.

Langsam nähert sich der Konvoi den Ausläufern der Karpaten.

Während der weiteren Fahrt über Land erzählt Schreglmann von seinen Erlebnissen und Eindrücken von seinen zwölf Teilnahmen an Weihnachtstrucker-Fahrten nach Rumänien. Seine Motivation: „Es gefällt mir, den Menschen eine Freude zu machen, sie strahlen zu sehen, wenn sie so ein kleines Päckchen erhalten“. Dazu bedürfe es nicht großer Dinge.

Die nächste Anfahrtsstelle liegt auf dem Gelände der Kosar-Farm in Bancu. Hier wird mehr als die Hälfte der Wagenladung umgeschlagen. Ein Teil kommt in eine leerstehende Maschinenhalle. Das Abladen geht dank vieler Helfer, die eine Menschenkette bilden, schnell über die Bühne.

Traktoren mit Anhängern und Kleintransporter stehen schon zum Beladen bereit. Genaues Abzählen der Pakete und Unterschrift, diesmal sogar mit Stempel des Pfarrers, sind wieder obligatorisch. Für die Übergabe der folgenden Pakete müssen Schreglmann und sein Kollege Nickl in ein geländegängiges Allradfahrzeug der Firma Godelmann, das Uli Bauriedl steuert, umsteigen. Bauriedl weiß aus seiner neunjährigen Erfahrung bei Einsätzen in diesem Landesteil, dass die Nutzung eines derartigen Gefährts durchaus Sinn macht.

Nur mit einem solchen Fahrzeug sind einzelne Anwesen im Dorf Eghersec zu erreichen. Es liegt kurz vor einem Talschluss auf knapp 1200 Metern Höhe am Westrand der Karpaten. Seine Bewohner gehören zum Volksstamm der Ciango, einer ungarischen Minderheit in Rumänien. Das Befahren der schneeglatten Straße erfordert wegen des abschüssigen Geländes besondere Vorsicht.

Die Anwesen strahlen nach unseren Maßstäben oft bittere Armut aus.

In einem zweiten Fahrzeug fährt ein örtlicher Führer voraus, er legt ein strammes Tempo vor. Die ausgebaute Straße und die Stromleitung in dieses mehrere Kilometer lange Tal existieren erst seit wenigen Jahren. Um die einzelnen, oft nur aus Holz gefertigten Häuser zu erreichen, müssen Bäche in Furten oder auf wenig vertrauenerweckenden Holzbrücken überwunden werden. Dank ausreichender Geländefähigkeit der beiden Fahrzeuge können die steilen, schmalen Hohlwege mit den tiefen Fahrspuren gemeistert werden. Ein Bauernhof ist nur durch Überqueren großer Schneeflächen ohne erkennbaren Weg zu erreichen. Das Fahrzeug des ortskundigen Führers schlägt wilde Haken, gerät in Löcher, kommt aber durch. Bauriedl folgt entschlossen und erfolgreich.

Das Bild, das die Besucher beim Betreten der meisten Häuser erwartet, ist schwer zu beschreiben. Bitterste Armut schlägt ihnen entgegen. In einem nur wenige Quadratmeter großen Raum leben, essen und schlafen Familien mit bis zu fünf kleinen Kindern. Bauriedls Mitfahrer Ludwig Greß ist sichtlich betroffen. Eine 73-jährige allein lebende Frau bietet trotz ihrer ärmlichen Verhältnisse den Gästen selbstgebackenen Kuchen an.

Das Ehepaar nahm das große Paket, das sie von Ludwig Greß erhielten, dankbar entgegen

Auf der Rückfahrt aus diesem Tal ist es sehr still im Fahrzeug. Jeder hängt seinen eigenen Gedanken nach und verarbeitet die Eindrücke. Es kostet Überwindung, die Menschen in dieser Not zu filmen oder zu fotografieren. Die Dolmetscherin fragt selbstverständlich jeden Einzelnen um Erlaubnis. Das Lächeln in die Kamera ist nicht gekünstelt, es ist herzlich und dankbar.

In tief gebückter Haltung kam dieser Mann den deutschen Weihnachtstruckern entgegen. Seine Frau freute sich über das Paket, das Ludwig Greß überreichte.

Ein letzter Halt zur vollständigen Entladung des Aufliegers steht noch bevor. Es ist bereits dunkel, es schneit immer stärker. Schreglmann lenkt seinen Lastwagen rückwärts in einen engen, unübersichtlichen Weg. Der Verkehr auf der belebten Hauptstraße wird kurzzeitig angehalten. Kein Gehupe wie auf deutschen Straßen. Für ihn als erfahrenen Trucker stellt das Manövrieren mit Spiegeln in solchen Situationen keine besondere Herausforderung dar. Glücklicherweise warten auch hier schon genügend helfende Hände, und die restliche Ladung des Anhängers ist bald in einem großen Raum verstaut.

Entladen mit tatkräftiger Unterstützung durch die Bevölkerung.

Am Sonntagvormittag steht der Besuch des kleinen Karpatendorfes Lokod auf dem Programm. Hier finden mit deutscher Unterstützung Waisenkinder und Kinder aus schwierigen familiären Verhältnissen ein neues, sicheres Zuhause. In fünf Familienhäusern leben über 25 Kinder mit ihren Pflegeeltern und Betreuern.

Zum Abschluss und als Dankeschön überrascht eine Seniorengruppe in Landestracht mit einem typischen Volkstanz. Kurz vor der Abfahrt gegen 14 Uhr gibt der Konvoileiter der Johanniter, Manfred Emmerling, letzte Informationen: Übernachtung im ungarischen Bajarat, Tagesetappe 533 Kilometer.

Auf einem Autohof im österreichischen Oed löst sich am Montag, 30. Dezember, der Konvoi offiziell auf. Die weitere Rückfahrt zu den Niederlassungen der beteiligten Spediteure erfolgt in Eigenregie. Für Alois Schreglmann und Manfred Nickl werden es heute insgesamt nochmals 833 Kilometer bis ins heimische Oberviechtach. Sie erreichen es um 19.55 Uhr.

Seit der Abholung der Pakete von mehreren Sammelstellen und dem Beladen des Lkw mit 1504 Paketen bei Godelmann legten Alois Schreglmann und Manfred Nickl für diese Weihnachtsaktion 3420 Kilometer zurück und saßen über 56 Stunden hinterm Steuer. Auch die übrigen 24 Fahrer dieses Konvois haben ähnliche Leistungen erbracht. Ihnen allen gebührt für diesen freiwilligen Einsatz Respekt und Anerkennung.

Konvoileiter Manfred Emmerling (rechts im Johanniteranzug)
In tief gebückter Haltung kam dieser Mann den deutschen Weihnachtstruckern entgegen.

Ein Video zur Fahrt der Weihnachtstrucker nach Rumänien

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