24.05.2019 - 16:42 Uhr
AmmerthalOberpfalz

Von Partnern zu Freunden

Die Beziehung zum israelischen Modi’in besteht seit 1989. Um die 30-jährige Freundschaft zu feiern, bereitet Ammerthal der Delegation aus Israel einen gebührenden Empfang. Die Verbindung sei inzwischen „nationale Pflicht“.

Landrat Richard Reisinger und Bürgermeisterin Alexandra Sitter präsentieren Shimon Susan, dem Bürgermeister von Modi'in, die Gründungsurkunde von 1989. Diese ist zweisprachig, in Deutsch und Hebräisch, verfasst.
von Tobias GräfProfil

Während Polizisten aus Sicherheitsgründen Streife fahren, präsentiert die Kindertagesstätte St. Nikolaus den Gästen eine Gesangseinlage. Im Empfangsraum schließen sich Grundschüler und die Ammerthaler Flötenmusik an. Mit diesem Aufgebot heißt die Gemeinde die zwölfköpfige Delegation aus der israelischen Partnerstadt Modi’in mit ihrem Bürgermeister Shimon Susan willkommen. Bürgermeisterin Alexandra Sitter spricht von „unseren Freunden aus Israel“.

Gemeinsam mit Gerhard Doerfler, dem Vorsitzenden des Modi'in-Partnerschaftsvereins, und Landrat Richard Reisinger überreicht Sitter den Besuchern ein Gemälde als Gastgeschenk. Das Bild zeigt eine über dem Ammerthaler Rathaus aufsteigende Friedenstaube - in den Flügeln trägt sie als Symbol der Verbindung die Gemeindewappen von Ammerthal und Modi'in.

Weitere Ehrengäste, die der Delegation ihre Aufwartung machten, sind André Freud von der israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg, Klaus Haußmann, Pfarrer in St. Nikolaus in Ammerthal, sein Amtskollege Joachim von Kölichen aus der Paulanergemeinde Amberg, die SPD-Politiker Reinhold Strobel und Armin Nentwig sowie der Leiter der Polizeiinspektion Amberg, Thomas Lachner. Dass Sitter den Polizeidirektor in ihrer Begrüßung zum "Polizeichef von Ammerthal" degradiert, sorgt in der Runde für Erheiterung. Der Beamte nimmt den Versprecher mit Humor.

Der Bürgermeister der israelischen Partnergemeinde, Shimon Susan (Mitte), trägt sich ins Goldene Buch ein. Weil der Gast nur Hebräisch spricht, helfen Ammerthals Bürgermeisterin Alexandra Sitter (links) und ein Delegationsmitglied.

"Einmalige" Beziehung

Landrat Richard Reisinger würdigt die außerordentliche Bedeutung der 30-jährigen Beziehung. "Ich bin sehr stolz, euch in unserem Kreis zu haben. Wir haben hier in der Umgebung viele Beziehungen mit anderen Ländern, zum Beispiel mit Frankreich oder England. Aber nicht mit Israel. Das ist einmalig." Reisinger hebt auch den lebendigen Jugendaustausch zwischen den beiden Gemeinden hervor. Er wolle "nicht zu pathetisch werden", fügt der Landkreischef an, aber "gerade in einer Zeit, in der wir viel mehr solcher Zeichen von Frieden und Freundschaft bräuchten, ist diese Partnerschaft eine sehr wertvolle". Der Kontakt habe sich im Lauf der vergangenen drei Jahrzehnte von "einer Partnerschaft zu einer Freundschaft" entwickelt.

Eine Gruppe des Kindergartens St. Nikolaus Ammerthal begrüßt die israelischen Freunde aus Modi'in mit einem Ständchen.

Auch Shimon Susan sagt, er sei "glücklich, unsere 30-jährige Freundschaft gemeinsam feiern zu können". Für den Bürgermeister der aufstrebenden, inzwischen über 90 000 Einwohner zählenden "Stadt im Herzen Israels" hat die Beziehungspflege höchste Priorität, der er vieles unterordnet: "Immer wenn ich gefragt werde, eine Delegation anzuführen, muss ich abwägen zwischen wichtigen Terminen und dem Pflegen einer Freundschaft. Meine heutige Anwesenheit in Ammerthal ist die Antwort auf meine Entscheidung."

Susan erklärt auch, warum. Der in seiner Heimat in höchste politische Kreise involvierte Politiker empfindet es als "nationale Pflicht, als Führer einer Region Israels den Staat zu vertreten und die Bedeutung der Beziehung zum Ausdruck zu bringen". Dies sei insbesondere für Israel wichtig. Das Land am Mittelmeer habe "viele äußere und innere Feinde", die von "extremer Eifersucht, Rassismus und Antisemitismus" getrieben würden. Gerade deshalb sei es wichtig, Jugendliche einzubinden. An die Ammerthaler Bürgermeisterin gerichtet erklärte Susan: "Alexandra und ich verpflichten uns zu dieser engen Beziehung. Wir sind das Beispiel für die nächste Generation. Der Generation, die schon an der Grundschule beginnt, Israel kennenzulernen und zu mögen."

Gewachsene Freundschaft

Als Beleg für die gewachsene Freundschaft zu den Bewohnern von Modi'in präsentiert Sittner den Gästen die Gründungsurkunde von 1989. "Die Gründungsväter von damals sitzen jetzt bestimmt auf einer Wolke im Himmel und freuen sich bei einem gemeinsamen Bier mit uns", sagt sie lachend. Der damalige Bürgermeister Alois Simon hatte die Urkunde an der Rückseite eines Wandgemäldes befestigt. In Deutsch und Hebräisch ist dort die gemeinsame Beziehung dokumentiert.

Ihren Anfang nahmen die Kontakte, als 1988 im Landkreis ein Tanz- und Musikfestival stattfand, und daran auch Gruppen aus Israel teilnahmen. Weil diese bei Familien in der Umgebung untergebracht waren, entstand hieraus schließlich eine Partnerschaft, die bis heute anhält und teils bereits in der dritten Generation fortgeführt wird. So werden auch dieses Jahr im Sommer 14 Jugendliche aus der Region für knapp zwei Wochen Modi'in einen Gegenbesuch abstatten und dabei wieder Kultur und Religion in einem gar nicht mehr so fremden Land kennenlernen. Nur durch die "tolle Unterstützung der Sparkasse" könne der Jugendaustausch "in dieser Form regelmäßig gemacht werden", dankt Gerhard Doerfler.

Shoppen und Bier

Pfarrer Haußmann informiert die israelischen Gäste darüber, dass die jüdische Kultur historisch gesehen im Landkreis keineswegs unbekannt ist. So produzierte die Firma Rosenthal ab 1962 in der Amberger Elisabethhütte ihre berühmten Glas- und Porzellanwaren. Mit dem Bauhaus-Gründer Walter Gropius gelang es dem Juden Philip Rosenthal sogar, einen weltberühmten Architekten für den Neubau der heute als Glaskathedrale bekannten Fabrik zu gewinnen.

Die Glaskathedrale Amberg

Das Besuchsprogramm sieht für die israelischen Gäste jedoch nicht nur Empfänge vor. In den nächsten Tagen ist laut Doerfler "auch freie Zeit eingeplant". Seine Ideen fasst er schmunzelnd zusammen: "Die Frauen gehen shoppen. Dann haben die Männer Zeit für ein gutes bayerisches Bier."

Deutsch-israelische Freundschaft symbolisch versinnbildlicht: Die Ammerthaler Bürgermeisterin Alexandra Sitter überreicht ihrem Freund Shimon Susan (Bürgermeister der Partnerstadt Modi'in) ein Gastgeschenk.
Im Blickpunkt:

Video-Botschaften

Ein Highlight war für die israelischen Gäste, dass Ammerthal in der Schulaula auf einer Leinwand den Eurovision Song Contest aus Tel Aviv einspielte. Ein besonderer Gast war per Video-Botschaft in Ammerthal: Israels Generalkonsulin Sandra Simovich dankte auf diesem Weg allen, die sich für die deutsch-israelischen Beziehungen engagieren. Die enorme Tatkraft und der unermüdliche Glaube an die deutsch-israelische Verbindung seien Grundstein für die Vertiefung der Beziehungen: „Ich bin stolz, behaupten zu können, dass es unsere Gesellschaften geschafft haben, die gemeinsame Geschichte, Kultur und Herkunft in eine fruchtbare Partnerschaft und Freundschaft umzuwandeln.“ An den gegenseitigen Besuchen nähmen „bereits Kinder und Enkel teil – das ist etwas Besonderes“.

Persönlich konnte sie nicht nach Ammerthal kommen - aber die israelische Genralkonsulin Sandra Simovich grüßte per Video-Botschaft.
In gemütlicher Runde blicken alle über eine Leinwand nach Israel – zum European Song Contest.

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.