Von Brigitte Gschwendtner
„Das klappt doch nie“, seufzte Frauenhaus-Mitarbeiterin Janet Pribert, als AWO-Kreisgeschäftsführer Alexander Wagner 2019 bei seinem ersten Besuch im maroden Selber Frauenhaus beschloss: „Etwas Neues muss her.“ Denn in derart katastrophalen Zuständen dürften von Gewalt betroffene Frauen und ihre Kinder nicht untergebracht werden, fand der AWO-Chef, der die Trägerschaft vom Selber Verein „Hilfe für Frauen in Not“ übernommen hatte.
„Naiv und unerfahren wie ich war, verfolgte ich meine Idee weiter – ehrenamtlich neben meiner Arbeit als Justizvollzugsbeamter.“ Wagner: „Eine Riesen-Lebenserfahrung.“ Er „lernte viel dazu“. Dass er tatsächlich sein Ziel erreichte, „macht mich stolz“.
Schon voll belegt
Denn heute, fünf Jahre später, steht in Arzberg ein nagelneues Frauenhaus. Die genaue Adresse soll nicht veröffentlicht werden, um die Bewohnerinnen nicht zu gefährden. Nun ist die Einrichtung feierlich eröffnet worden. Sobald noch die Überwachungskameras installiert sind, ziehen in der kommenden Woche acht Gewaltopfer mit ihren Kindern in die Einrichtung mit 790 Quadratmetern Wohnfläche. Dann sind auf Anhieb alle vier Appartements voll belegt. Was zeigt: Der Bedarf an Schutzräumen für Opfer häuslicher Gewalt bleibt ungebrochen.
„Wir müssen immer wieder Frauen ablehnen, weil wir mehr Anfragen bekommen als uns Plätze zur Verfügung stehen“, erklärt Wagner. Versucht werde dann, die Hilfesuchende an andere Einrichtungen zu vermitteln. Freie Plätze seien in einer bundesweiten Internet-Datenbank registriert.
Höhere Kosten als geschätzt
Mit 500.000 Euro rechnete der zwar unerfahrene, aber auch unerschrockene AWO-Kreisgeschäftsführer anfangs – letztendlich seien es 3,5 Millionen Euro geworden, die der Neubau mit vier Appartements kostete – darunter auch ein behindertengerechtes und barrierefreies. Für Frauen und Kinder gibt es insgesamt acht Zimmer, vier Bäder sowie Küchen und Wohnzimmer, dazu noch Büros und Verwaltungsräume für die Mitarbeiter.
„Aber das ist kein Luxus. Wir haben kein Hotel hingestellt, sondern ein Wohnhaus mit dem Standard des Jahres 2024 statt dem von 1914“, betont der Träger. Man legte Wert auf umweltfreundliche Bauweise mit Luft-Wärme-Pumpe, PV-Anlage und Batteriespeicher. Das moderne Haus liege in einem Wohngebiet, gut angebunden an die Infrastruktur. Zum Schutz der Frauen dienten Überwachungskameras, ein Zaun, elektronische Schlösser, ein Notruf-Telefon direkt zur Polizei sowie die Möglichkeit, die Mitarbeiter per Handy auf die Kameras zu schalten.
„Katastrophale Kommunikation“
Bei der Einweihungsfeier verhehlt Wagner nicht, wie steinig der Weg bis zur Eröffnung war: Zu Belastungen wie Corona, Baukrise und Preissteigerungen sei die „katastrophale Kommunikation“ mit der Förderstelle des Bundes gekommen. Bei laufendem Bau musste er monatelang auf Rückmeldungen warten, klagt der AWO-Chef. Zudem kämpfe er gerade um die Kostenerstattung für die Außenanlagen und den Zaun – daher fehle beides noch.
Dank des Förderprogrammes „Gemeinsam gegen Gewalt an Frauen“ trage der Bund 90 Prozent der Kosten für das neue Frauenhaus, das Land Bayern 10 Prozent, erklärt Wagner. „Klar war: Unser kleiner AWO-Kreisverband kann das nicht stemmen“ – ebenso wenig wie die Landkreise Wunsiedel und Hof sowie die Stadt Hof. „Ich habe ihnen auch noch keine Rechnung geschrieben“, sagt Wagner. Verantwortlich seien die beiden Landkreise und die Stadt Hof aber für die laufenden Kosten des Frauenhauses Hochfranken – rund 250.000 Euro pro Jahr. In diesem Zeitraum betreuten sechs Angestellte hier durchschnittlich 45 Frauen und Kinder.
Aufklärungsarbeit
Fast 40 Jahre sei es her, dass sechs engagierte Bürgerinnen in Selb den Verein „Hilfe für Frauen in Not“ gründeten. Daran erinnert die Vorsitzende Tanja Lang. Heute fungiere der Förderverein nicht mehr als Träger und Arbeitgeber, sondern biete finanzielle Unterstützung und gesellschaftliche Aufklärungsarbeit.













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