22.10.2018 - 10:48 Uhr
AuerbachOberpfalz

„Der Faust in der Tasche“ feiert Premiere in Nitzlbuch

"Rhabarber, Rhabarber, so geht es weiter, das Gelaber": Goethes Faust gibt es am Samstagabend modernisiert und im Schnelldurchlauf. Der Aufführungsort ist dabei mit Bedacht gewählt.

Mephisto (Barbara Wunsch) umgarnt Gretchen (Mona-Isabelle Aurand).
von Autor SCKProfil

Bereits zum dritten Mal traten die Darsteller von "Theater in der Kneipe" (TiK) Neuenmarkt als Gast der Maffeispiele in Auerbach auf. In der Halle des Bergbaumuseums erwarteten sie rund 50 gespannte Fans. Zur Aufführung kam brandneu "Der Faust in der Tasche - eine Goethe-Revue".

Der Ort passte für diesen Klassiker der deutschen Literaturgeschichte. Eine bekannte Szene spielt in "Auerbachs Keller"; einer Studentenkneipe in Leipzig, die der Stadtarzt und Universitätsprofessor Heinrich Stromer erbaut hat. Mit der Hilfe Goethes setzte er seiner Heimatstadt Auerbach ein Denkmal.

Tik nahm das Publikum mit an die Ursprünge von Faust und in die Welt Goethes. Maestro, der Mann am Klavier, schuf in der Kompressorhalle Kneipenatmosphäre. Studenten, zwei Frauen und ein Mann, rätseln und philosophieren bei der Vorbereitung auf die Examensprüfung, ob Johann Wolfgang von Goethe in seinem "Faust I" tatsächlich die ganze Wahrheit verraten hat. Alle drei schlüpfen dabei in die Rolle von Doktor Faust, Gretchen und Mephistopheles.

Während die TiK-Vorsitzende Mona-Isabelle Aurand das Gretchen mimt, übernimmt ihr Vater, der oberfränkischen Kulturpreisträger und künstlerische Leiter Jürgen Peter, die Rolle von Goethe. Das Trio geht im Laufe des Stücks vielerlei Fragen und Überlegungen nach. Dies geschieht mit Musik, Gesang, Spiel und Witz aus verschiedenen Blickwinkeln.

Leise Kritik ergibt sich bereits am Beginn des Abends durch die Rolle von Faust. Das in Originalzitaten rezitierte Werk wird unterbrochen von eigenen Kommentaren in Versform und Verfremdungen. Gretchen-Passagen werden dabei mit extrem hoher Piepsstimme vorgetragen. Beschleunigt durch "Rhabarber, Rhabarber, so geht es weiter das Gelaber" wird das Geschehen vorangetrieben. Für den ganzen "Faust I" im Schnelldurchlauf genügen dadurch runde fünf Minuten. Für "Faust in der Tasche" ist das Werk der Weltliteratur in der Reclam-Taschenbuch-Ausgabe gerade passend.

Zwischen den berühmten Zeilen finden sich mal Weisheiten, mal spitzfindige Interpretationen und Aufklärungsversuche über "des Pudels Kern". Und was es wirklich auf sich hatte mit dem Dichterfürsten, mit Gretchen, Faust und Mephisto, darauf ergeben sich teils überraschende Antworten.

Als Faust im Bündnis mit Mephisto von diesem ein Haar oder ein Strumpfband von Gretchen fordert, verwahrt sich dieser gegenüber Faust als "Wäscheschnüffler", der sich benimmt "wie ein Kartoffelbauer im Samenkollerfieberschauer", gegen "Beschaffungskriminalität für Fetischisten". Vielfach prallen Mephisto und Faust zum Amüsement ihres Publikums derart verbal aufeinander. In unterschiedlicher Darbietung, sowohl rezitiert als auch gesungen, mal klassisch und mal als Rap, sind die bekannten Verse "Meine Ruh ist hin, mein Herz ist schwer ..." zu hören.

Viele interessante Fragestellungen ergeben sich beim Studium von Goethes Lebenslauf, und amüsante Vermutungen ranken sich um die Beziehungen Goethes zur Damenwelt. Mephisto wandelt sich schließlich zur prüfenden Professorin, und Faust wie Gretchen werden wieder zu Studenten. Der Student erhält bei den Prüfungsfragen Hilfe von Goethe selbst, und Gretchen erhält volles Lob von der Frau Professorin.

"Super! Ein wunderbarer Abend mit einem fantastischen Ensemble und einer tollen Inszenierung!", hieß eine begeisterte Reaktion beim Verlassen der Kompressorhalle. Scharfsinnig und hintergründig wurden die Anspielungen auf die aktuelle deutsche Politik empfunden.

Professorin (Barbara Wunsch) erhält die Antwort auf die Prüfungsfragen unbemerkt von Goethe (Jürgen Peter) hinter der Schattenwand.

 

 

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