17.05.2019 - 14:29 Uhr
BärnauOberpfalz

Bis zu 50 Wandergesellen sind derzeit zeitgleich im Geschichtspark Bärnau-Tachov anzutreffen

Freiheit und Abenteuer für echte Kerle und taffe Frauen. Gibt es das noch? Ja, für etwa 50 Wandergesellen aus ganz Deutschland ist derzeit der Geschichtspark Bärnau-Tachov das lohnendste Ziel dieser selten gewordenen Spezies.

Armin Troppmann und Andreas Mann (von links) haben das Steintreffen 2019 im Geschichtspark organisiert.
von Norbert Grüner Kontakt Profil

Im Mittelalter war die Walz Voraussetzung, um es im Beruf zur anerkannten Meisterschaft zu bringen. Damals gingen die Gesellen auf Wanderschaft, um ihren Horizont beruflich und menschlich zu erweitern. Heute ist das Wandern eine freiwillige Sache und derzeit wieder im Trend. Berufliche und persönliche Weiterentwicklung auf ihrem Weg durch die Welt erfahren die Gesellen heute genauso, wie in grauer Vorzeit.

"Wir bekommen schon viel von den verschiedenen Arbeitstechniken mit", sagt Andreas Mann aus Stuttgart, "letztlich fehlt uns aber die Routine. Aber was man einmal gesehen und ausprobiert hat, bleibt schon irgendwo im Hinterkopf abgespeichert." Mann hat zusammen mit Armin Troppmann aus Kemnath, Leiter des Handwerkerteams im Archaeo-Zentrum und selbst ehemaliger Wandergeselle das diesjährige Steintreffen im Geschichtspark organisiert.

Wie es der Name sagt, bei den Steintreffen, die seit 25 Jahren einmal im Jahr abgehalten werden, sind in der Regel Steinmetze, Zimmerer und Schmiede anwesend. Anders im Geschichtspark. Wie Andreas Mann erklärt, seien derzeit Zimmerer, Schreiner, Dachdecker, Bootsbauer, Ofenbauer, Steinmetzte, Maurer, Schmiede, Fliesenleger, Schlosser, Stoffdrucker und Kunstgießer im Geschichtspark. Sogar eine Bierbrauerin und eine Goldschmiedin waren zwei Tage hier.

"Ein Wunschkonzert"

Das sei schon außergewöhnlich, stellt der Steinmetz fest. Aber man sei hier ja schließlich im Mittelalter und die alten Handwerkstechniken seien so ziemlich für alle Zünfte genauso interessant wie für die Wissenschaft, ergänzt Stefan Wolters der wissenschaftliche Leiter des Freilichtmuseums. Er sagt: "Das Steintreffen ist für uns ein Wunschkonzert. Wenn wir etwas benötigen, zum Beispiel einen bestimmten Holzrahmen, gefertigt in alter Zimmerertechnik, mit dem wir auf Messen überzeugen können, brauchen wir das nur zu sagen und tagsdrauf ist das Stück fertig.

Im Geschichtspark wird derzeit geschmiedet, Bronze gegossen, Eisen verhüttet, Kalk gebrannt. Es werden Unterstände gebaut, unsere Mauer an der Schaubaustelle gemauert - ein Traum für uns, denn es gibt zahlreiche Berührungspunkte von traditionellem Handwerk und unserer Arbeit im Archaeocentrum." "Am Ende des Steintreffens werden hier sicher gut 50 Wandergesellen durchgegangen sein, manche bleiben ein paar Tage, die anderen die ganz Zeit über", sagt Armin Troppmann. Zur Tradition der Wandergesellen gehört es, dass sie kein Handy auf der Walz dabeihaben. Allerdings seien die Schächte (derzeit 8), wie die verschiedenen Vereinigungen heißen schon gut untereinander vernetzt. Unterwegs machten sich die Wanderer schon mal im Internetcafé schlau, was denn so los sei in der Szene, wo es lohne einmal an die Tür eines Meisters zu klopfen.

Start mit fünf Euro

Wenn ein Wandergeselle von zu Hause loszieht, hat er fünf Euro in der Tasche, wenn er zurückkehrt ebenfalls. "Alles was wir verdienen, geben wir auch aus", erklärt Andreas. Drei Jahre und einen Tag ist ein Wandergeselle im Normalfall unterwegs auf der Walz. Viele gehen aber noch länger. Von einem Franzosen weiß man, dass er seit acht Jahren durch die Lande zieht. Als "Glöckchen" ist eine Steinmetzin seit 6,5 Jahren unterwegs. Andreas Mann sagt: "Man darf es nicht übertreiben, muss schon nach gewisser Zeit zurück, sich wieder ins richtige Leben einfinden." "Viele Gesellen, die auf Wanderschaft waren, werden Meister und machen sich selbstständig, weiß Projektleiterin Carina Wagner.

Als ehrbare Reisende beschreibt Andreas Mann die Gesellen, die trampend auf der Straße unterwegs sind. Wandergesellen seien schon von weitem erkennbar. Berufsgruppen unterschieden sich in der Kleidung und seien schon allein daran vom Fachmann leicht einzuordnen. Alle tragen schwarze Hüte, das könne ein Schlapphut, eine Melone oder auch ein Zylinder sein. Ihre Westen haben im Brustbereich acht Knöpfe, was auf einen Acht-Stunden-Tag hinweist. Am Jackett befinden sich sechs Knöpfe, entsprechend sechs Wochenarbeitstagen. An beiden Ärmeln sind je drei Knöpfe aufgenäht, eine Reihe für drei Lehrjahre, die andere für drei Wanderjahre. Wandergesellen tragen Cord-Schlaghosen, wie das bereits ihre Kollegen vor 100 Jahren getan haben.

Schneider in rot

Auch die Farben der Uniformen verraten viel über Schächte und Zünfte, der Gesellen. Schneider, Schuster und Polsterer tragen rote Kluft, Zimmerer und Schreiner schwarze, Schmiede blaue und Steingewerke graue oder beige. Hinter karierten Klamotten verbergen sich Brauer oder Bäcker. 500 bis 600 Gesellen seien aktuell im deutschsprachigen Raum unterwegs. Vergleichbare Vereinigungen existierten in Frankreich, Skandinavien und England.

Grundsätzlich würden die Wanderer wohlwollend aufgenommen. Schnell lerne man unterwegs eine offene, kommunikative Art. Damit komme man eigentlich überall gut zurecht, ob im Sudan, in Australien oder am Baikalsee. Für Unterkunft gibt ein Wandergeselle kein Geld aus. Oft werde er eingeladen, schliefe er auf einem Sofa oder auf dem Fußboden einer WG, "denn es sei nicht ganz so lustig, im Winter in der Tiefgarage oder im Park zu nächtigen.

Maximal dürfe ein Wandergeselle drei Monate an einem Ort verweilen und dabei der Heimat nicht näher als 50 Kilometer kommen. Für Armin Troppmann sei es wichtig gewesen, nie dieselbe Arbeit zu machen, sondern das ganze Spektrum, das das Handwerk bietet auszuloten. Das beste Handwerk gebe es in Mitteleuropa, sagen die Organisatoren. Es sei aber genauso spannend mit Nichts irgendwo in der Welt eine gute Arbeit hinzubekommen.

Bis 26. Mai

Die Wandergesellen sind noch bis Sonntag, 26. Mai im Geschichtspark und lassen sich bei ihrer Arbeit auch gerne über die Schulter schauen.

Kalk wird im eigenen Kalkofen gebrannt wird, eingesumpft und in einer verschließbaren Kiste gelagert.
Für die Baustelle der Reisestation Karl IV. wurde ein historischer mobiler Kran gebaut.
Simon Freudig aus dem Schwarzwald vermengt den gelöschten Kalk wird mit Wasser, bis er eine cremige Konsistenz aufweist. Vermischt mit Sand entsteht der perfekte Mörtel für die Mittelalter-Baustelle.
Steinhauer Julian Kohl kommt aus dem Odenwald und ist seit drei Jahren unterwegs. Ein Jahr will er noch anhängen. Bevor er in Bärnau anreiste, war er in Frankfurt, am Bodensee, in Leipzig, Saarbrücken und Danzig. Auch in England, Österreich, der Schweiz und Frankreich war er schon unterwegs. Nach Bärnau geht es weiter nach Irland.
Zimmerer und Schreiner kümmern sich um die Dächer auf der Schaubaustelle.
Der Schmied, Christian Bulling aus Ellwangen an der Jagst ist seit einem Jahr und sieben Monaten auf der Walz.
Am Schmiedeofen ist es bei den aktuellen Temperaturen sehr angenehm.
Heiko Felice Klein aus Bielefeld ist Ofenbauer. Im Geschichtspark agiert er auch als Stoffdrucker und fertigt sogenannte "Charlottenburger", Tücher in denen die Wandergesellen ihr Hab und Gut transportieren, als Erinnerung an das Steintreffen 2019.

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