01.03.2020 - 18:07 Uhr
BärnauOberpfalz

Archäologin Viviane Diederich forscht im Bärnauer Ackerbürgerhaus

Alte Gebäude bergen so manche Schätze. Diese den Böden im Ackerbürgerhaus zu entlocken, ist die Aufgabe der Archäologin Viviane Diederich. Hunderte, vielleicht sogar Tausende Unikate hat sie schon ausgegraben.

von Norbert Grüner Kontakt Profil

Viviane Diederich ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Sie leitet dort zusammen mit Rainer Schreg, Lehrstuhlinhaber der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit das deutsch-tschechische Forschungsprojekt "Socioeconomic spaces crossing borders - Archäologische Untersuchungen in einer Stadt an der bayerisch-tschechischen Grenze".

Die 29-jährige Archäologin stellt dabei das Bärnauer Ackerbürgerhaus in den Mittelpunkt ihrer Doktorarbeit, mit dem Arbeitstitel "Stadtarchäologie und Öffentlichkeit". Drei Grabungen (Kampagnen) im Ackerbürgerhaus hat sie für ihre Forschungsarbeit vorgesehen. Auch außerhalb der Grabungen ist die Wissenschaftlerin immer wieder mal vor Ort.

Bei ihrem letzten Besuch durfte Oberpfalz-Medien ihr bei der Arbeit im Ackerbürgerhaus und in der Archaeo-Werkstatt über die Schulter schauen. Seit November und noch das ganze Jahr über steht ihr der Archäologiestudent Markus Rühle aus Thüringen, der in Bamberg studiert, zur Seite. Im Ackerbürgerhaus fanden bisher eine archäologische Voruntersuchung und eine Ausgrabungskampagne statt, bei denen zahllose Fundstücke geborgen wurden. Eine letzte Kampagne steht im März und April bevor.

Dabei hofft die Wissenschaftlerin die Reste einer mittelalterlichen Latrine oder Abfallgrube, wie es sonst bei stadtarchäologischen Ausgrabungen in einer Hausparzelle typisch sei, zu finden. Sie rechnet damit im Hinterhofbereich fündig zu werden. Solche Örtchen lieferten immer sehr spannende Hinweise aus alten Zeiten, weiß sie aus Erfahrung. Den größten "Schatz", den sie bisher zutage förderte ist ein hervorragend erhaltenes Tongefäß inklusive Deckel für eine Nachgeburtsbestattung. Die Art des Keramikbehältnisses lasse eine große Zeitspanne zu, denn diese Töpfe seien vom 16. bis ins 18. Jahrhundert produziert worden. Diederich geht davon aus, dass der Fund auf das 17. Jahrhundert zurückgeht.

Dinge des täglichen Lebens

In der Hauptsache sind es Bruchstücke von Dingen des täglichen Lebens, die bei den Grabungen im Fußbodenuntergrund zuhauf gefunden werden. Keramik, Geldstücke, Knöpfe oder Griffel, wie sie Kinder in der Schule zum Beschreiben der Schiefertafeln benutzten, sind bisher aufgetaucht. Der älteste Teil im Haus sei sicher der Keller, der zeitlich auf die Gründungsphase der Stadt ins 14. Jahrhundert eingeordnet werden könne. "Das Tonnengewölbe mit Schildmauer sind eindeutig die ältesten Gebäudeteile", so Diederich.

Dabei ist sich die Archäologin sicher, dass der heutige Eingang zum Keller nicht der ursprüngliche sei. Einen Verdacht wo sich der befindet hat sie bereits. Bei der Grabungskampagne im Frühjahr will sie das näher untersuchen.

Den kompletten August vergangenen Jahres war die Dozentin hier im Ackerbürgerhaus. Ansonsten ist sie zwei bis drei mal pro Monat, meist nur einen Tag, vor Ort. Bis April soll die archäologische Arbeit im Ackerbürgerhaus abgeschlossen sein.

Die Grabungen dienten als Datenbasis für die folgenden Auswertungen. Dabei gelte die Faustregel: Vier bis sechs Wochen Grabung, beziehungsweise Kampagne, ziehen etwa ein Jahr Schreibtischarbeit nach sich. Abschließend werden die Unikate im Landesamt für Bodendenkmalpflege in Regensburg archiviert.

Archäologischer Mehrwert

Derzeit sind sie in der Archaeo-Werkstatt gelagert, werden dort gereinigt, beschriftet, verpackt und katalogisiert. Nach der Archivierung folgt die wissenschaftliche Ausarbeitung. "Für meine Dissertation liegt der archäologische Mehrwert in der wissenschaftlichen Analyse des archivierten Materials. Das bedeutet, alles in allem habe ich die kommenden Jahre genug zu tun - und das mit Freude."

Vielleicht ist das ja der Beginn des Bärnauer Stadtkatasters - das wäre schön.

Archäologin Viviane Diederich

Eine super wissenschaftliche Infrastruktur biete hervorragende Arbeitsbedingungen, stellt die Archäologin der Archaeo-Werkstatt die Bestnote aus. Und die Nähe zum Ackerbürgerhaus sei ebenfalls sehr von Vorteil. Drei Stationen hat Diederich in der Archaeo-Werkstatt aufgebaut. "Die entsprechen gleichzeitig drei Arbeitsschritten", erklärt sie.

Zuerst werden die Funde gewaschen und vom Schmutz der Jahrhunderte befreit. Nicht selten kommt dabei die Zahnbürste zum Einsatz. Außer es handelt sich um Metall, wie etwa Münzen. Die werden trocken gereinigt um zusätzliche Korrosion zu verhindern. Anschließend werden die Fundstücke feinsäuberlich sortiert auf säurefreiem Papier ausgelegt, beschriftet und elektronisch katalogisiert.

17. bis 21. Jahrhundert

Neben zahlreichen Knöpfen und Keramikfragmenten aus verschiedensten Zeiten vom 17. bis zum 21. Jahrhundert finden sich auch immer wieder Tierknochen unter den Fundstücken. "Da sieht man zum Beispiel kleine Rippen und das hier ist der Rest eines Wirbelkörpers", erklärt die Wissenschaftlerin, während sie auf die beschriebenen Teile zeigt. Die tierischen Knochen stammten aus Speiseresten, ist sie sich sicher.

Drei Schränke füllen die bisherigen Funde, "und es werden bestimmt noch mehr", sagt Diederich. Alle Funde seien im häuslichen Alltag zu verorten. Dinge aus der Haushaltsperspektive zu beleuchten sei archäologisch äußerst interessant. "Ich bin da ein bisschen hineingewachsen und das Thema wird immer spannender, je intensiver ich mich damit befasse."

Die Erkenntnisse aus der Haushaltsarchäologie ließen sich oft mit dem Leben in einer Stadt und einer ganzen Region verbinden. "Vielleicht ist das ja der Beginn des Bärnauer Stadtkatasters - das wäre schön."

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