Woher kommt der Begriff "Sudetenland"?
Die Sudeten sind ein Gebirgszug an der tschechisch-polnischen Grenze, der Begriff "Sudetenland" hat sich aber als Bezeichnung für die damals überwiegend deutsch besiedelten Gebiete Böhmens und Mährens etabliert – das sind die Randgebiete entlang der heutigen Grenzen zu Österreich im Süden, Bayern im Westen, Sachsen im Norden und Polen im Osten von Tschechien. "Pilsen galt bis 1945, von der Oberpfalz aus gesehen, als 'erste' Stadt mit tschechischer Mehrheit", sagt Tschechien-Expertin Magdalena Becher im Podcast "Aus böhmischen Dörfern." Becher selbst hat sudetendeutsche Wurzeln.
Wie kam es dazu, dass so viele Deutsche im heutigen Tschechien gelebt haben?
Tschechen und Deutsche haben über mehrere Jahrhunderte auf dem Gebiet der heutigen Tschechischen Republik zusammengelebt. "Deutsche wurden ab dem 10./11. Jahrhundert von den böhmischen Herrschern ins Land gerufen, das damals dünn besiedelt war. Man wollte sie zur Kultivierung, als Bergleute und als Handwerker. Durch diese Einwanderung hat sich eine enge, teils multiethnische Struktur innerhalb des Heiligen Römischen Reichs und der Habsburger-Monarchie ergeben", sagt Becher.
Was ist passiert, dass dieses Zusammenleben schließlich nicht mehr funktioniert hat?
Vereinfacht gesagt: Der Nationalismus, der nach dem Ende des ersten Weltkrieges aufkam. "Die Habsburger-Monarchie, zu der das heutige Tschechien jahrhundertelang gehörte, war ein Vielvölkerstaat. Deutsch war die dominante Kultur-und Verwaltungssprache, weil die Habsburger ja eine österreichische Dynastie waren", erklärt Becher. "In der neu gegründeten Tschechoslowakischen Republik gab es schließlich starke nationalistische Bestrebungen – und gleichzeitig war die deutschsprachige Bevölkerung in einem nun wesentlich kleineres Staatsgebilde auf einmal in der Minderheit."
Nach Zweitem Weltkrieg und Vertreibung teilte der Eiserne Vorhang die Region in Ost und West. Wie ging das Leben der Vertriebenen in dieser Zeit in Deutschland weiter?
"Die Wunden und traumatischen Erfahrungen waren auf beiden Seiten sehr tief", sagt Becher. Gut 40 Jahre lang gab es keine Verständigung, keine Annäherung. "Die Vertriebenen haben sich im Laufe der Jahre hier ein neues Leben aufgebaut, Familien gegründet und eine neue Heimat gefunden. Eine Rückkehr in die alte Heimat wurde immer unwahrscheinlicher." In der Landsmannschaft haben sich die Sudetendeutschen sehr stark organisiert. "Ein Großteil von ihnen stand den Tschechen lange Zeit sehr unversöhnlich gegenüber", sagt Becher. Das habe sich mittlerweile aber geändert: Es gibt innerhalb der Sudetendeutschen inzwischen sehr konstruktive und versöhnliche Gruppierungen, sagt sie.
Nach Mauerfall und Grenzöffnung gab es für die Vertriebenen dann die Möglichkeit, zum ersten Mal nach so langer Zeit wieder in die ehemalige Heimat zu fahren. Wie wurde das auf tschechischer Seite beobachtet?
"Viele wollten sehen, ob sie ihr altes Haus noch finden, ob sie die Gegend wiedererkennen und wie es dort heute aussieht. Einige Tschechen waren dadurch verunsichert: Sie konnten nicht einschätzen, mit welchen Absichten die Sudetendeutschen kamen", sagt Becher. Die gegenseitigen Vorurteile und das Misstrauen waren groß.
Wie ist das Verhältnis der Tschechen und Sudetendeutschen heute?
"Die Sudetendeutschen sind heute eine wesentlich heterogenere Gruppe als früher", sagt Becher. Auf beiden Seiten gibt es inzwischen die nächste und die übernächste Generation, viele engagieren sich sehr für Versöhnung. "Leider gibt es aber nach wie vor auch die Unversöhnlichen, was ich umso befremdlicher finde, je jünger die sind." Gegenüber der Erlebnisgeneration, sagt Becher, habe sie einen großen Respekt. "Aber wenn man die Unversöhnlichkeit der Vorfahren übernimmt, während sich die Zeiten absolut geändert haben, finde ich das komisch."
Wie werden die Sudetendeutschen heute in Tschechien gesehen?
"Als Munition für populistische Stimmungsmache taugt das Thema in Tschechien noch immer", sagt Becher. Da werde schon mal das Klischee bedient, dass die Deutschen kommen und ihre Häuser zurück wollten. "Solche Fälle", ordnet Becher ein, "gab es in den ersten Jahren nach dem Fall des Eisernen Vorhangs schon. Ich weiß aber aus Erzählungen, dass es auch sehr schöne Begegnungen gab und kenne Angehörige sudetendeutscher Familien, die in die 'alte Heimat' gefahren sind und von den heutigen Besitzern der Häuser freundlich empfangen wurden und sich dort umschauen durften." Das Thema, sagt Becher, habe zwar an Schärfe verloren. Trotzdem sei ihrer Erfahrung nach der Kreis derer, der sich in Tschechien aktiv mit der gemeinsamen Geschichte beschäftige, recht klein. "Ich kenne viele Tschechen, die sagen, lassen wir die Vergangenheit doch ruhen. Die haben heute nichts gegen die Deutschen, wollen sich aber mit der Vergangenheit auch nicht auseinandersetzen."
Es gibt also die Sudetendeutschen, die “ihr” Land zurückholen wollen und die, die auf Verständigung setzen?
Ja, sagt Magdalena Becher. "Erfreulicherweise gewinnt die Vernunft, was die Einstellung angeht, aber immer weiter die Oberhand." Zwischenzeitlich, sagt Becher, sei sogar die Satzung der Sudetendeutschen Landsmannschaft geändert worden. "2015 wurde der Rückforderungsanspruch aus der Satzung gestrichen, der hatte zuvor die 'Wiedergewinnung der Heimat' als Ziel der Landsmannschaft definiert." Seitdem wird der Anspruch auf Rückgabe von Eigentum oder Entschädigung nicht mehr aktiv verfolgt, der Fokus liegt stattdessen auf Dialog und Zukunft. "Das war nicht einfach und da gab es harte Diskussionen darüber", erinnert sich Becher.













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