01.09.2019 - 09:05 Uhr
BärnauOberpfalz

Mittelalter überwindet Grenzen

14 junge Leute aus aller Welt schwitzen momentan bei einem Workcamp im Geschichtspark Bärnau-Tachov. Dabei müssen sie feststellen, dass die Arbeit „im Mittelalter“ gar nicht so leicht ist.

von Ulla Britta BaumerProfil

Manami hat sich die Arbeit nicht so schwer vorgestellt. Sie stöhnt leise, wenn sie vom Spalten der Granitsteine erzählt. Trotzdem lässt sich die zierliche, 19-jährige Japanerin aus Osaka nicht von ihren männlichen Kollegen helfen. Sie will’s wie alle allein schaffen.

Für Luca aus Köln ist es ein wenig leichter. Die Deutsche ist körperlich etwas kräftiger gebaut, wenngleich natürlich Steine spalten eher Männerarbeit ist. Aber die jungen Leute müssen sich natürlich nicht wirklich überanstrengen. Wird es zu schwer, macht es ein anderer. Es geht hier vielmehr darum, das Mittelalter mit all seinen Vorzügen und Anstrengungen kennenzulernen.

Luca ist 18 Jahre und hat erst ihr Abitur hinter sich. Was sie studieren möchte, weiß die Kölnerin nicht. Sie lässt es auf sich zukommen und probiert sich aus. Sich ausprobieren, fürs Studium Erfahrungen sammeln oder einfach einmal schauen: Das ist der Hauptgrund von fast allen, um beim Jugendworkcamp im Geschichtspark Bärnau-Tachov seit einer Woche zu werkeln, arbeiten und den Sommer zu genießen.

„Die jungen Leute erleben jetzt gar nicht wirklich das Oberpfälzer Wetter“, schmunzelt Archäologe Stefan Wolters mit Blick in den strahlenden Sommerhimmel. Er und Projektmanager Martin Fischer betreuen ihre „Teilzeit“-Mitarbeiter, die drei Wochen bleiben werden. Wolters freut sehr, dass jedes Jahr wieder Jugendliche aus aller Welt zu ihm finden. „Das zeigt, dass das Interesse an unserem Geschichtspark groß ist.“

Die Mexikaner und die Japaner seien am weitesten angereist, sagt er stolz. Er freute sich aber ebenso über Besuch aus Italien, Spanien, der Slowakei, Algerien und Deutschland. Auch die beiden Teamleiterinnen sind zufrieden. Ihr Auftraggeber ist der Internationale Jugendgemeinschaftsdienst (ijgd), wo sich die jungen Leute ihr Workcamp aussuchen.

Janin Müller aus Berlin ist erstmals hier. Sie studiert Denkmalpflege in Bamberg. Bereits Teilnehmerin im Workcamp 2016 war Fiona Radon, die in Berlin Restauration studiert. Die beiden Teamleiterinnen geben nicht etwa nur den Ton an. Sie beteiligen sich an allen Arbeiten. Heute, sagen sie, sollten sie eigentlich in der Unterkunft im Alten Schloss bleiben und kochen. Aber wegen des Pressetermins seien sie hier. Stefan Wolters und Martin Fischer achten darauf, dass die Arbeit bestens verteilt wird. Sie wollen den Jugendlichen viele Eindrücke vom Geschichtspark mitgeben.

In der ersten Woche wurde ein „lebender Zaun“ aus Weidenbäumen geflochten, eine eher leichte Übung. Das Steinespalten ist eine weit größere Herausforderung. Die Workcamp-Teilnehmer benötigen für einen Stein eine gute halbe Stunde. Die Steine sind für den Aufbau der Reisestation von Kaiser Karl IV. Auf diese Baustelle dürfen die jungen Leute nur in Begleitung der Profi-Handwerker.

Der Mexikaner Francisco, 21 Jahre jung, findet nicht nur die Arbeit total aufregend. Er ist begeistert von den Stiftländern. Hier würde man von allen Leuten herzlich begrüßt, sagt er. Das kenne er daheim nicht. In sehr gutem Deutsch erzählt der erst 16-jährige Carlos aus Madrid, dass er Geschichte studieren möchte. Seine Eltern sind deutschstämmig.

Wie Francisco findet es Carlos interessant, hier live in die Geschichte eintauchen zu dürfen und gleichzeitig die deutsche Kultur zu erleben. Letzteres haben die jungen Leute bereits auf der Bamberger „Sandkerwa“ ausgiebig genossen. Eine Wanderung auf der Goldenen Straße ist ebenfalls schon „abgearbeitet“. Am Wochenende ging es zudem nach Prag.

Zwar werden jetzt Hammer und Meißel wieder zur Hand genommen, aber mit Arbeiten wird’s heute nicht mehr viel. Denn mittlerweile sind Bürgermeister Alfred Stier und Alfred Wolf vom Verein „Via Carolina“ da, um die Gruppe zu begrüßen. Der Rathauschef ist begeistert. Er wünscht den Jugendlichen viele positive Eindrücke und Erfahrungen, die sie mit nach Hause nehmen.

Hintergrund:

Das Jugendworkcamp findet zum fünften Mal in Folge im Geschichtspark Bärnau-Tachov statt. Veranstaltet wird es im Rahmen des Projekts "Grenz- und Begegungsraum Goldene Straße“ und gefördert durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien. Die jungen Leute organisieren sich selbst über die Internationalen Jugendgemeinschaftsdienste (ijgd). Das ist die größte und älteste Workcamp-Organisation Deutschlands. Jährlich beteiligen sich daran mehr als 1500 Freiwillige in 100 Workcamps in ganz Deutschland. Die Jugendlichen suchen sich ihr Workcamp selbst aus. Während sie bei der Arbeit betreut werden, gestalten sie ihre Freizeit selbstständig.

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