10.02.2020 - 12:24 Uhr
BayernOberpfalz

Orkan wütet in Bayern: „Sabine“ kommt an „Kyrill“ heran

Keine Züge, kein Strom, keine Schule: Stellenweise hat das Orkantief „Sabine“ Bayern kräftig durchgewirbelt. Meteorologen ziehen Vergleiche zum Orkan „Kyrill“ von 2007.

Eine große dunkle Gewitterzelle über der Marktgemeinde Fürstenzell bei Passau in Niederbayern. Foto: Bernd März/dpa/Archivbild
von Agentur DPAProfil

Das Sturmtief „Sabine“ hat den Freistaat zum Wochenstart ordentlich durchgepustet und das öffentliche Leben teils zum Erliegen gebracht. Die Deutsche Bahn stellte den Regionalverkehr ein, Flüge wurden annulliert, Schulen blieben geschlossen, Veranstaltungen wurden abgesagt. Bäume stürzten um und blockierten Straßen und Gleise. In einigen Gegenden fiel der Strom aus.

Orkanartige Böen fegten über das Land. Bei Fürstenzell im niederbayerischen Landkreis Passau wurden nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes (DWD) 154 Stundenkilometer gemessen. „Das ist in solchen Tieflagen eine absolute Spitze“, sagte der Meteorologe vom Dienst, Martin Schwienbacher, am Montag. Über den Großen Arber, mit 1455 Metern höchster Berg des Bayerischen Waldes, fegte der Orkan mit bis zu 161 Stundenkilometern - bisher die stärkste Böe in Bayern. Auf Deutschlands höchstem Berg, der 2962 Meter hohen Zugspitze, registrierte die dortige Messstation 158 Stundenkilometer.

„Sabine“ komme zumindest in Bayern ziemlich nahe an den Sturm „Kyrill“ heran, der im Januar 2007 auch hier schwere Schäden verursacht hatte. Damals waren im Flachland in Bayern 144 Stundenkilometer und auf der Zugspitze knapp über 180 km/h gemessen worden.

Am Flughafen München, Deutschlands zweitgrößtem Airport, wurden mehr als 400 von normalerweise mehr als 1000 Flügen gestrichen. Der Flughafen verhängte einen Abfertigungsstopp: Seit dem Morgen wurden keine Flugzeuge am Boden mehr be- oder entladen. Zunächst konnte kein Flugzeug abheben. „Wir haben noch vereinzelt Landungen“, sagte ein Sprecher. Auch am Nürnberger Flughafen fielen Flüge aus. Am Flughafen Memmingen gab es Verspätungen.

Während die Deutsche Bahn am Vormittag in Teilen Deutschlands den Fernverkehr nach und nach wieder aufnahm, mussten sich im Freistaat Reisende gedulden. Die Bahn hatte den Regionalverkehr eingestellt. „Solange der Sturm noch in voller Stärke über Bayern unterwegs ist, wird der Zugverkehr weiterhin nicht rollen können“, betonte die Bahn. Mehrere umgestürzte Bäume blockierten Strecken vor allem im Süden. Betroffen waren auch die Münchner und die Nürnberger S-Bahn.

Auch die privaten Züge von Meridian, Bayerischer Oberlandbahn und Bayerischer Regiobahn verließen die Bahnhöfe nicht. Fahrgäste konnten die Waggons teils dennoch nutzen: „Es stehen Züge bereit, in denen sich die Leute aufwärmen können“, sagte eine Sprecherin. „Die meisten Fahrgäste haben sich aber vorab informiert und sind gar nicht erst zum Bahnhof gekommen.“

Auf den Straßen blieb das ganz große Chaos aus. Auf der Autobahn 92 von Deggendorf Richtung München erfasste der Sturm einen Lastwagen und warf ihn um. „So wie es aussieht, ist der Lastwagen witterungsbedingt ins Schleudern gekommen und umgestürzt“, sagte ein Sprecher der Autobahnpolizei. Der Fahrer wurde leicht verletzt. Mehrere Unfälle gab es in verschiedenen Orten, weil Autos gegen umgestürzte Bäume stießen.

Wer konnte, blieb offenbar zu Hause: Der übliche morgendliche Stau in München fiel geringer aus als sonst an einem Montagmorgen. Auch ungewöhnlich viele Parkplätze waren frei. Viele hatten wohl ihre Autos vorsorglich in die Garage gefahren, um sie zu schützen.

Den Schülern in Bayern bescherte „Sabine“ einen freien Tag. Die zuständigen Koordinierungsgruppen in den Landkreisen und kreisfreien Städten hätten beschlossen, dass die Schule flächendeckend ausfalle, teilte das Kultusministerium mit. An den meisten Schulen sollte eine Notbetreuung für Schüler eingerichtet werden. Auch an einigen bayerischen Universitäten fielen Lehrveranstaltungen aus. Die Staatsexamensprüfungen sollten jedoch wie geplant stattfinden.

Wegen „Sabine“ blieben mancherorts Mülltonnen ungeleert. Der Abfallwirtschaftsbetrieb München (AWM) stellte seinen Betrieb ein. Die Wertstoffhöfe blieben geschlossen. „Die Abfall- und Wertstofftonnen können von den Orkanböen erfasst und damit zu gefährlichen Geschossen werden. Das gleiche gilt für umherfliegende Abfälle und Sperrmüll auf den Höfen“, sagte Sabine Schulz-Hammerl, die zweite Werkleiterin des AWM. Auch andernorts blieb der Müll teils stehen, etwa im Landkreis Bamberg, im Landkreis Augsburg sowie in Weiden in der Oberpfalz.

Auf den städtischen Friedhöfen in München, Nürnberg und Augsburg wurden Beerdigungen abgesagt. Die Behörden wollen damit verhindern, dass Besucher von herunterfallenden Ästen oder umstürzenden Bäumen verletzt werden, hieß es. Allein in München standen für Montag mehr als 30 Bestattungen und Trauerfeiern im Kalender.

Aus Sicherheitsgründen blieben auch Ausflugsziele wie der Tierpark Hellabrunn in München, der Hofgarten Würzburg und mehrere Nationalparkzentren im Bayerischen Wald geschlossen bleiben. Der Nürnberger Tiergarten schloss ebenfalls seine Pforten, ebenso der Wild-Park Klaushof in Bad Kissingen.

Forstministerin Michaela Kaniber (CSU) rief die Menschen auf, Wälder zu meiden. „Bei den aktuellen Windstärken können selbst stabil verwurzelte Bäume unvermittelt umfallen oder große Äste verlieren. Gehen oder fahren Sie nicht durch Wälder und halten Sie sich nicht unter Bäumen auf“, riet die Ministerin.

In der Nacht zum Montag war wegen des Orkantiefs in mehreren Regionen Bayerns die Stromversorgung ausgefallen. Etwa drei Stunden nach Mitternacht habe es erste Stromausfälle in Unterfranken gegeben, teilte die Bayernwerk AG in Regensburg mit. Dann weiteten sich die Stromausfälle auf Oberfranken aus, in den Morgenstunden auf die Oberpfalz und Oberbayern. Zehntausende Haushalte waren zeitweise ohne Strom. „Ursache für die Ausfälle sind meistens Bäume oder Äste, die Stromleitungen berühren oder beschädigen“, erklärte ein Sprecher. Am Morgen meldete auch die N-Ergie Netz Stromausfälle in Mittelfranken.

Flughafen Nürnberg

Warnseite des Deutschen Wetterdienstes

Sturmblog Deutsche Bahn

Meldungen zu größeren Bahneinschränkungen

Flughafen München

DB zu Sturmauswirkungen in Bayern

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