Bayern
28.02.2019 - 16:40 Uhr

Zeig mir dein Kostüm und ich sag dir, wer du bist

An Karneval in sexy Polizei-Uniform, im Alltag ein Spießer: Wer bislang im Narrenkostüm seine Identität vertuschen wollte, hat Pech gehabt. Psychologe Ralf Schmiel erklärt, was das Kostüm über den Träger sagt.

Jedes Kostüm sagt etwas über seinen Träger aus, erklärt der Psychologe Ralf Schmiel aus Essen. Bild: Rolf Vennenbernd
Jedes Kostüm sagt etwas über seinen Träger aus, erklärt der Psychologe Ralf Schmiel aus Essen.

Kleider machen Leute – das gilt auch an Karneval. Wer bislang als prunkvolle Prinzessin protzte oder als fromme Nonne durch die Straßen zog, verrät seine geheimen Sehnsüchte, sagt Psychologe und Motivationsexperte Ralf Schmiel aus Essen. In einer Studie hat er vor einigen Jahren einen Blick hinter die Maske geworfen. Ob klassisch, modern oder gewagt: Das Kostüm sieht er als Spiegel des Charakters.

Der Klassiker

Der Klassiker: Piraten, Cowboys, Indianer und Co. Bild: Petra Hartl
Der Klassiker: Piraten, Cowboys, Indianer und Co.
Der Klassiker: Piraten, Cowboys, Indianer und Co. Bild: Rolf Vennenbernd dpa/lrs
Der Klassiker: Piraten, Cowboys, Indianer und Co.

Alle Jahre wieder gehen sie über die Ladentheken der Kaufhäuser: "Jeder schreit nach Piraten und Co", sagt Jürgen Wirtz, Abteilungsleiter der Spiel- und Karnevalsabteilung der Galeria Kaufhof in Köln. "Cowboy und Indianer geht immer", bestätigt Dieter Tschorn, Sprecher der Fachgruppe Karneval im Verband der deutschen Spielwarenindustrie. Die Klassiker, wie sie Schmiel nennt, landen vor allem in den Einkaufstüten der Konservativen. Experimentierfreudig? Eher Fehlanzeige. "Die Träger wollen kein Risiko eingehen und haben ein erhöhtes Sicherheitsbedürfnis", sagt der Psychologe.

Der Moderne

Nicht mal im Fasching können einige moderne Maschkerer auf Smartphone, Handy und ähnliches verzichten und verkleiden sich sogar als solche. Bild: Petra Hartl
Nicht mal im Fasching können einige moderne Maschkerer auf Smartphone, Handy und ähnliches verzichten und verkleiden sich sogar als solche.

Karnevalisten, bei denen im Alltag das Smartphone hinter dem Ohr klemmt oder der Laptop in der Tasche steckt, verspüren bei Säbel und Colt wohl eher gähnende Langeweile. Stattdessen verkleiden sie sich im digitalen Zeitalter lieber als Handy oder tragen blinkende Apps auf der Brust. Aus Sicht des Psychologen signalisieren solche Narren vor allem "Ich bin up to date". Trendsetter seien sie allerdings weniger. "Sie schwimmen nur auf der Welle mit", sagt Schmiel. "Wer sich dafür entscheidet, sieht in der Regel eine Herausforderung oder sogar Überforderung mit den neuen Medien."

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Oberpfalz26.02.2019

Der Gewagte

Einige Kostüme lassen in der Faschingszeit tief blicken. Bild: Alexander Unger
Einige Kostüme lassen in der Faschingszeit tief blicken.

Überfordert sind bei diesem Trend wohl eher die anderen: Wer mit üppigem Busen prahlt oder seinen nackten Oberkörper zur Schau stellt, hat Schmiel zufolge exhibitionistische Tendenzen. Hoch im Kurs stehen kurze Röcke und tiefe Ausschnitte trotzdem. "Egal ob sexy Polizist oder sexy Bienchen, sowas kommt immer gut an", sagt Uta David vom Kostüm-Ausstatter Schlaudt in Koblenz. Auch Wirtz sagt: "Je kürzer, desto besser." Hinter der Maske stecken aber nicht nur offenherzige Menschen, sondern vor allem die Verklemmten. "Gerade diejenigen trauen sich dann ausnahmsweise, zu Karneval diese Facette zu leben", sagt Schmiel.

Der Historiker

Historische Kostüme stehen immer wieder hoch im Kurs. Der Psychologe sagt, diese Menschen sehen nicht nach einer "glorifizierten Scheinwelt mit dem schönen Happy End." Bild: Peter Steffen dpa/lni
Historische Kostüme stehen immer wieder hoch im Kurs. Der Psychologe sagt, diese Menschen sehen nicht nach einer "glorifizierten Scheinwelt mit dem schönen Happy End."

Früher war alles besser. Wer an Fasching als Knecht, Magd oder Baron durch die Straßen zieht, sehnt sich nach einer "glorifizierten Scheinwelt mit dem schönen Happy End", sagt Schmiel. Besonders Träumer flüchten dem Psychologen zufolge im historischen Kostüm in die "gute, alte Zeit". Je belastender der Alltag, desto intensiver werde dann gefeiert.

Der Politische

Als Angela Merkel und Edmund Stoiber verkleidet ein politisches Statement setzen. Bild: Rolf Vennenbernd dpa/lnw
Als Angela Merkel und Edmund Stoiber verkleidet ein politisches Statement setzen.
Ein Maschkerer mit Obama-Maske, auch er gehört für Psychologen Ralf Schmiel zu den Politischen Karnevalisten. Bild: Andreas Arnold/dpa
Ein Maschkerer mit Obama-Maske, auch er gehört für Psychologen Ralf Schmiel zu den Politischen Karnevalisten.

Träumen ist für den politischen Kostümierten der Nacht vorbehalten. Mit seinem Kostüm setzt er sich mit dem aktuellen Weltgeschehen auseinander und versteckt sein Gesicht hinter Merkel- und Obama-Masken. "Diese Menschen wollen eine Botschaft senden und ihr politisches Mitteilungsbedürfnis ausdrücken", sagt Schmiel. Aber auch hier gebe es zwei Typen: Die Lauten, die immer ihre Meinung sagen – und die Schüchternen, die sich nur im Kostüm trauen, den Mund aufzumachen.

Der Individualist

Die Individualisten seien kreative Menschen. Sie fügen viele Einzelteile zu einem wunderbaren "Do it yourself"-Kostüm zusammen. Bild: Sven Hoppe dpa/lby
Die Individualisten seien kreative Menschen. Sie fügen viele Einzelteile zu einem wunderbaren "Do it yourself"-Kostüm zusammen.

Der Hut aus der Bastelabteilung, das T-Shirt vom Nachbarn und die Piratenklappe aus der Vorsaison: Der "Do it yourself"-Trend ist auch unter Karnevalisten immer beliebter, sagt Kostümausstatterin Uta David. Narren, die selbst Hand anlegen, haben in den Augen von Schmiel Mut und eine starke Persönlichkeit. Sie seien außerdem kreative Menschen, die sich gerne auf Spielsituationen und andere Welten einlassen. "Dafür wollen sie dann aber auch Anerkennung."

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