03.09.2020 - 10:06 Uhr
Oberpfalz

Begleiter auf allen Wegen

Den Glauben an Schutzengel gibt es durch alle Zeiten und in vielen Religionen. Der Erzengel Gabriel ist auch im Islam als "Jibril"bekannt. Kunst und Kultur beflügeln Engel ebenso.

In der Kirche St.Georg in Amberg posaunt der Erzengel Gabriel. Er gilt als Botschafter Gottes, kündigte laut biblischer Überlieferung die Geburt Jesu und auch Johannes des Täufers an. Auch im Islam wird Gabriel hoch geachtet. Er soll die Offenbarungen an Mohammed übermittelt haben.
von Rainer ChristophProfil

Wenn wir anderen etwas Gutes wünschen, verbinden wir das gerne mit dem Bild eines Engels, der ihn begleiten und beistehen möge. Die Kirche sieht den Engel als Inbegriff der Zuwendung Gottes. In der Bibel haben Engel einen hohen Stellenwert. Sie verbinden Himmel und Erde. Der Traum des Jakobs von der Himmelleiter wird vielfach zitiert. Die Engel haben auch den Alltag und die Populärkultur erobert. Es gibt Karten mit Schutzengel- Sprüchen und -Gedichten, Schutzengel-Geschenke - Engel und Schutzengel sind gefragte Begleiter von der Geburt bis in den Tod.

Eine Umfrage des Das Meinungsforschungsinstituts Forsa 2005 im Auftrag des Magazins "Geo" zeigte, dass rund zwei Drittel aller Deutschen an Schutzengel glauben. Selbst die atheistisch geprägte DDR kam nicht an Engeln vorbei, auch wenn sie "Jahresend(zeit)figur mit Flügeln" hieß.

Schutzengelfest im Oktober

In der katholischen Kirche bildeten sich im Laufe der Jahrhunderte eigene Traditionen und sogar eigene Feste: Jedes Jahr am 2. Oktober begeht die Kirche das Schutzengelfest. Eingeführt hat es 1670 Papst Clemens X. für die gesamte Kirche gleich nach seiner Wahl zum Oberhaupt der Kirche. Politisch war es eher ein ruhiges und friedliches Jahr in Mitteleuropa.

Das Fest der Erzengel Michael, Gabriel und Raphael steht alljährlich am 29. September im Kalender. Besonders verehrt wird der Erzengel Michael. Bereits Anfang des 5. Jahrhunderts wurden ihm zahlreiche Kapellen und Kirchen geweiht. Er war es, der den Kampf der himmlischen Heerscharen gegen den Drachen, Satan, anführte. Der Vorname Michael kommt über das Griechische aus dem Hebräischen (Mi-kha'-el) und bedeutet: "Wer ist wie Gott?" Der Sieg des Erzengels führte dazu, dass der Drache verstoßen wurde und das Böse auf die Erde fiel.

Im Jahr 492 wurde von einer Erscheinung Michaels auf dem süditalienischen Berg Gargano berichtet, Anlass für die Errichtung einer Kirche ihm zu Ehren. Das führte zu einer ungewöhnlichen Popularität des Erzengels, die sich in Mitteleuropa ausweitete.

Boten Gottes

Engel gibt es nicht nur im Christentum. Dass in den christlichen Kirchen Engel Boten Gottes sind, erkennen auch Weltreligionen wie der Islam und das Judentum an.

Der Erzengel Gabriel verkündet als "Jibril" Mohammed den Koran. Der Prophet war von der Existenz der Engel überzeugt. Im Koran finden sich Beschreibungen zu ihrer Erscheinungsform, ihren Aufgaben und ihrem Wirken.

Im Buddhismus werden Bodhisattvas verehrt. Das sind Wesen, die der höchsten Erkenntnis sehr nahe sind und ihr Wirken zum Wohle der Menschen einsetzen. In der von Rudolf Steiner (1861 bis 1925) begründeten Anthroposophie spielen Schutzengel ebenfalls eine Rolle. Steiner, Entwickler der Waldorf-Pädagogik, Publizist und Esoteriker, beschreibt in einem Vortrag Engel nicht nur in ihrer Rolle als Boten, sondern auch in ihrer Eigenschaft als Wächter. Sie sollen nach seiner Vorstellung die aufeinanderfolgenden menschlichen Erdenleben mit ihrem Bewusstsein begleiten und jeden Schritt unserer Entwicklung verfolgen.

Auch die Antike kannte Engel. Als geflügelte Knaben werden die römischen Cupidos dargestellt, zuständig für die Liebe, auch Amor genannt. Eros ist die griechische Entsprechung. Für die Römer waren die sogenannte "Genien" Schutzgeister, die den Menschen auf ihrem irdischen Weg geleiteten, ihn behüteten und rettend durch Drangsale und Gefahren führten.

Sechs Flügel

Als in Altenstadt/WN vor rund 30 Jahren der junge Kaplan Franz Speckbacher, heute Pfarrer in Niederbayern, von Engeln mit sechs Flügeln sprach, schüttelten viele den Kopf. Doch die Kirche kennt Seraphim, "feurige, sechsflügelige Engel, die Gottes Thron umschweben" und immerfort "Heilig, heilig, heilig", ausrufen. Diese dreifache Anrufung Gottes hatte großen Einfluss auf Theologie, Literatur und Kunst. Nach dem Propheten Jesaja besitzen die Seraphim sechs Flügel sowie ein Gesicht, Hände und Füße. In der Kunst wurden die Seraphim teilweise als sechsflügelige, menschenähnliche Wesen dargestellt, teilweise auch als Wesen, die nur aus Flügeln bestehen - zu sehen unter anderem in der Kuppel der Hagia Sophia in Istanbul.

Weitere Engel werden in Gruppen eingeteilt. In der westlichen Christenheit sollte die Vielzahl an Engeln überschaubar und begreifbarer gemacht werden. So kam es zu einer hierarchischen Einteilung der Engel in "neun Chöre und drei Hierarchien". Basis ist die Aufteilung des Philosophen und Theologen Dionysios von Areopagita im 6. Jahrhundert:

Zur ersten Hierarchie gehören Engel mit Dienst am Thron Gottes. Dazu gehören die Seraphim, als die höchsten Engel in ununterbrochener Anbetung Gottes begriffen, die Cherubim, als Abglanz der göttlichen Weisheit, und Throne, als das Aufleuchten der göttlichen Majestät, um Gerechtigkeit im Sinne der Schöpferkraft.

In der zweiten Hierarchie stehen drei Kategorien von Engeln, die das Universum verwalten. Vergleichbar einem Personalbüro verteidigen sie das Gute und arbeiten daran, dass der Wille Gottes ausgeführt wird. Sie wollen das Böse zurückdrängen und wachen über die Sonne, Planeten und die Natur.

Zur dritten Hierarchie gehören auch die Erzengel. Sie stehen über den einfachen Engeln und bringen Gottes Botschaften. Alle anderen Engel dieser Kategorie sind für den Dienst am Menschen zuständig, achten auf die Länder, Völker und Städte.

Sie sind bestimmten Menschen, Orten oder einem Land zugeteilt. Ihre Aufgabe ist es, uns zu begleiten, zu beschützen und im täglichen Leben beizustehen - typische Aufgaben von Schutzengeln. Sie versuchen, Liebe und Harmonie unter die Menschheit zu bringen.

Katechismus

Eindeutig heißt es im katholischen Erwachsenen-Katechismus Gott habe "jedem Gläubigen, ja jedem Menschen einen besonderen Schutzengel beigegeben". "Diese Glaubensüberzeugung stößt heute, zumal in der verniedlichenden Form eines falschen Kinderglaubens, auf Skepsis. Sie hat indes - recht verstanden - einen Anhalt in der Aussage Jesu über die Kinder: 'Ihre Engel im Himmel sehen stets das Angesicht meines himmlischen Vaters'. Sie bringt nochmals zum Ausdruck, dass die sichtbare Welt eine unsichtbare Tiefendimension besitzt und dass jeder einzelne Mensch, auch und gerade das kleine Kind, vor Gott einen unendlichen Wert besitzt. Die Engel sind uns Helfer und Bürgen dafür, dass unsere Hoffnung und Sehnsucht nicht ins Leere gehen, dass uns der Himmel offensteht."

In der darstellenden Kunst hatte das Schutzengel-Motiv seinen Ursprung bei den Nazarenern zu Beginn des 19. Jahrhunderts, später wurden diese in die religiöse Salonmalerei übernommen.

Im Gegensatz zum mittelalterlichen Bildtypus des Engels trat der religiöse Charakter der Bilder zunehmend in den Hintergrund. Die bekannten Schlafzimmer-Bilder mit Schutzengeln hängen heute nur noch in Antiquitätengeschäften oder Cafés. Sie waren als künstlerisches Motiv ab dem ausgehenden 19. Jahrhundert sehr beliebt.

Johannespassion

Engel berührten auch Komponisten wie Johann Sebastian Bach. Er beendet seine Johannespassion mit einem tröstenden Choral.

In ihm erschließt sich die Verbindung zwischen Himmel und Erde anschaulich: "Ach Herr, lass dein lieb Engelein / Am letzten End die Seele mein / In Abrahams Schoss tragen, / Den Leib in seim Schlafkämmerlein / Gar sanft ohn eigne Qual und Pein / Ruhn bis am jüngsten Tage! / Alsdenn vom Tod erwecke mich, / Dass meine Augen sehen dich / In aller Freud, o Gottes Sohn, / Mein Heiland und Genadenthron! /Herr Jesu Christ, erhöre mich, / Ich will dich preisen ewiglich!".

Auf Friedhöfen bewachen Engel die Gräber. Archivbild: Rainer Christoph
Hintergrund:

Bauernregeln

(St. Michael am 29. September)

„Bleiben die Zugvögel noch nach St. Michael da, so wird bis Weihnachten mildes Wetter sein.“

„Fallen die Eicheln vor Michael ab, so steigt der Sommer früh ins Grab.

„Wenn die Vögel nicht ziehn vor Michael furt, so wird es nicht Winter vor Christi Geburt.“

„Gibt’s Michaeli Sonnenschein, wird’s in zwei Wochen Winter sein.“

„Bringt St. Michael Regen, kannst Du gleich den Pelz anlegen.“

In der Stiftsbasilika Waldsassen wacht dieser Engel.
Hintergrund:

Gedichte

„Das Kind ruht aus vom Spielen, /Am Fenster rauscht die Nacht, /Die Engel Gottes im Kühlen / Getreulich halten Wacht, / Am Bettlein still sie stehen, / Der Morgen graut noch kaum, / Sie küssens, eh sie gehen, /Das Kindlein lacht im Traum.“ (Joseph von Eichendorff)

„Doch die Existenz der Engel, / Die bezweifelte ich nie; / Lichtgeschöpfe sonder Mängel, / Hier auf Erden wandeln sie.“ (Heinrich Heine)

„Keiner singt so froh und hell / wie der Engel Israfel. / Es verstummt bei diesem Klang /selbst der Sterne Lobgesang.“ (Edgar Allan Poe)

„Abends, wenn ich schlafen geh, / vierzehn Engel bei mir stehn, / zwei zu meiner Rechten, / zwei zu meiner Linken, / zwei zu meinen Häupten, / zwei zu meinen Füßen, / zwei, die mich decken, / zwei, die mich wecken, / zwei, die mich weisen, / ins Himmels Paradeisen.“ (Clemens von Brentano)

Moderne Engel sind auf allen möglichen Dingen des Alltags zu finden, wie auf diesen Tassen.
Hintergrund:

Schutzengelsprüche

„Wenn ein Kind stolpert, hält ein guter Engel seine Hand hin.“ (jüdisches Sprichwort)

„So sehr verlangen wir manchmal Engel zu werden, dass wir vergessen, gute Menschen zu sein.“ (Franz von Sales)

„Wo Engel hausen, da ist der Himmel, und sei’s auch mitten im Weltgetümmel.“ (Quelle: Daumer, Hafis. „Eine Sammlung persischer Gedichte“)

„Man weiß erst, ob man einem Engel ins Gesicht gesehen hat, wenn er wieder gegangen ist.“ (jüdisches Sprichwort)

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