13.07.2020 - 17:23 Uhr
BrandOberpfalz

Kostbarkeiten aus weißem Gold

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25 Jahre Leidenschaft haben Hendrik Zaus zu einer wertvollen Porzellan-Sammlung verholfen. Er hat ein Ausstellungsgebäude in zwei Jahren Arbeit ohne fremde Hilfe errichtet. Das Sammeln soll nie enden.

Das Gebäude am Ortsrand von Fuhrmannsreuth fällt von weitem auf. Drinnen findet sich die Sammlung wertvollen Porzellans von Hendrik Zaus. Er hat den Bau in zweijähriger Arbeit ohne eine Stunde fremde Hilfe errichtet.
von Bertram NoldProfil

Die Erwartung, nach dem Öffnen der Türe auf Kippa oder Gebetslocken tragende, schwarz gekleidete Männer mit großen Hüten zu treffen, erfüllt sich nicht. Die „Synagoge von Fuhrmannsreuth“ ist nämlich keine. Strahlende Helle, ausgehend von viel Weiß auf Porzellan, springt dem Besucher entgegen und veranlasst ihn unweigerlich, innezuhalten, sich langsam zu drehen und seine Blicke über die Glasvitrinen und Regale schweifen zu lassen, die die acht schmalen Wände des achteckigen Raumes bedecken.

Vorsichtig und bewusst gemächlich geschieht das, um bei einem ersten Rundblick möglichst schon alles zu erfassen. Ruhig und besonnen muss das passieren, denn leicht Zerbrechliches verträgt keine „eckigen“ und harten Bewegungen. Das Verhalten in einer Porzellanausstellung muss adäquat sein zur Zerbrechlichkeit seiner kostbaren Objekte.

Hendrik Zaus, befallen von Sammler-Leidenschaft, hat hier in dem synagogenähnlichen Gebäude in Fuhrmannsreuth einen würdigen Platz für seine wertvolle Sammlung geschaffen. Leichter und berechtigter Stolz überzieht sein Gesicht, wenn er selbst mitten im Raum steht und seine Kostbarkeiten betrachtet. Und wenn er eine von ihnen vorsichtig aus der Vitrine nimmt, beginnen seine Augen zu glänzen. Jedes einzelne Stück liegt ihm am Herzen, über jedes kann er dessen Geschichte erzählen, hat die genaue Herkunft im Hinterkopf – sei es aus einer Versteigerung oder als edles Fundstück auf dem Porzellanflohmarkt gefunden – und kennt die Entstehung.

Parallel zum Sammeln hat er sich zum Fachmann für Porzellan entwickelt, kennt seine Fachbücher in- und auswendig und hat selbstverständlich auch ein Faible für bestimmte Künstler. Einer ist ihm besonders ans Herz gewachsen: Ole Winther! Ole Winther wurde 1929 in Dänemark geboren, studierte Lehramt und begann seine berufliche Laufbahn in den 1950er Jahren als Industrie- und Grafikdesigner in der renommierten Holmegaard-Glashütte und war später auch für Hutschenreuther tätig. Eines dieser kostbaren Stücke in die Hand zu nehmen, bedeutet auch, ein Stück weit einen Blick in die Seele seines Schöpfers schauen zu dürfen. Nicht das handwerkliche Können alleine besticht; wohlüberlegt sind die Themen, zu denen der Künstler mit viel Liebe zum Detail und einem keineswegs geringen emotionalen Aufwand Motive entwickelt, die es dem Betrachter zur Aufgabe machen, genau hinzuschauen, jede Kleinigkeit zu erkennen, die Farbwahl zu interpretieren, um Möglichkeiten einer Motivation für die Umsetzung einer bestimmten Thematik zu entdecken: Liebe zur Natur, Schönheit und Anmut der Bewegung des weiblichen Körpers, mehr, weniger oder gar nicht bekleidet. „Mutter und Kind“ ist eine Serie überschrieben, die keinerlei Rätsel aufgibt, sondern von weitem erkennen lässt, dass es hier um ein Beschützen, um Geborgenheit geht: Eine große Blüte breitet ihren Schirm über eine kleinere aus. Die komplette Serie „Liebespaare der Weltliteratur“ nennt Hendrik Zaus sein eigen und mehrere Vitrinen beinhalten die Serien seines Lieblingskünstlers: Jahresglocken und Monats-Serie. Mit 256 Teilen alles komplett und in oft mühevoller Kleinarbeit in den 25 Jahren seiner Sammlertätigkeit zusammengetragen. Noch ist der Name Rosenthal nicht gefallen. Hendrik Zaus nennt ihn dann mit einem weiteren Favoriten: Björn Wiinblad, der seine Arbeit 1956 für kunstindustrielle Firmen begann und ab 1957 über 49 Jahre Chefdesigner der Rosenthal AG war. Nun macht es dem Sammler große Freude, Vergleiche anzustellen und Unterschiede zwischen den Künstlern – er kennt und nennt noch viele weitere - anzustellen. Andy Warhol bei Rosenthal? Man muss drüber nachdenken und sich vielleicht auch die Geschichte von des „Kaisers neue Kleider“ erinnern.

Hendrik Zaus kennt aber nicht nur die Historie seiner Exponate, ebenso kann der studierte Bauingenieur und Betonbauer die Zusammensetzung der einzelnen Porzellanarten umfassend erklären: „Bone China“: Da ist entsprechend der Bezeichnung Knochenmehl untergemischt! „Biscuit-Porzellan“, das ist jene weiße, farblose Masse mit leicht rauer Oberfläche, aus der die Köpfe großer Dichter, Denker und Komponisten gegossen sind und die in vielen Größen zu haben sind. Schiller und Goethe gehören in dieser Ausführung zu Hendriks Sammlung.

All diese Werte brauchen einen würdigen Platz. 2012 musste sich Hendrik Zaus entscheiden: Alle Schränke und Ablagen voll! Wohin damit? So entstand in zwei Jahren Bauzeit dieser achteckige Bau, der einer Synagoge ähnelt. Vor der handwerklichen Leistung des Erbauers kann man nur den Hut ziehen: „Ich habe keine einzige Stunde fremde Hilfe gebraucht!“ Fünf Meter Kreisdurchmesser und ebenso hoch, dem Pantheon in Rom nachempfunden, das genau neunmal größer ist. Eine wahre Meisterleistung, die ihm so schnell keiner nachmacht!

Nun war Platz geschaffen und das motivierte: In all seiner Verliebtheit für das, was aus dem weißen Gold gemacht ist – bislang waren es nur Teller – öffnete Hendrik Augen und Herz auch für Figuren. Wer einmal in der Ausstellung war, kann das nur begrüßen: Ein kostbares Kleinod, das man nicht vermutet, ist hier entstanden.

Wie wächst eine solche Sammlung? Natürlich hilft das Internet. Hendrik ist aber auch Stammgast auf dem Porzellanflohmarkt in Selb. Und weil die Chancen, etwas Schönes zu finden, bei der Öffnung am größten ist, hält er sich dort zwei Tage auf, schläft im Wohnmobil und ist dann um 5 Uhr früh sicher einer der Ersten. „Nie fertig werden mit dem Sammeln“ ist sein Grundsatz und er verrät auch, wie er vorgeht: „Ich suche nicht nach bestimmten Sachen. Ich kaufe und überleg mir dann erst, was man damit machen kann!“

Das betrifft auch einen kleinen Behälter mit Scherben eines Tellers am Eingang. Nichts wird weggeworfen! Irgendwo werden die Scherben als Teil eines Mosaiks verwendet!

Weitere Infos zum Weißen Gold

An eine Ausstellung an einem gut frequentierten Ort denkt der leidenschaftliche Sammler. Er wird ihn finden und seine Freude am weißen Gold dann mit denen teilen, die auch Gespür haben für Kunst, Handwerk und Historie und sich von den Kostbarkeiten aus Porzellan begeistern lassen.

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