Bruck
14.09.2018 - 17:11 Uhr

Abschied ohne Groll

15 Jahre am Kabinettstisch in München, sechs Jahre Landtag: Staatsministerin Emilia Müller (CSU) tritt nach einer beeindruckenden Karriere bei den Landtagswahlen nicht mehr an. Ihr Hauptthema wird sie weiter beschäftigen.

Staatsministerin a. D. Emilia Müller blickt in ihrer Bibliothek im heimischen Hinterrandsberg auf ihre politische Karriere zurück. Zur Landtagswahl im Oktober tritt sie nicht mehr an. Bild: Gerhard Götz
Staatsministerin a. D. Emilia Müller blickt in ihrer Bibliothek im heimischen Hinterrandsberg auf ihre politische Karriere zurück. Zur Landtagswahl im Oktober tritt sie nicht mehr an.

Arbeit mit und für Frauen. Das Thema begleitet Staatsministerin a.D. Emilia Müller seit ihrem Einstieg in die Politik. Der ist jetzt knapp 35 Jahre her. Damals gründete sie mit einigen Mitstreiterinnen die Frauen-Union in der Heimat-Marktgemeinde Bruck. Bei der Kommunalwahl 1990 zog sie als erste Frau mit einem tollen Ergebnis in den Marktrat ein - nicht für die CSU. Die Frauen hatten eine eigene Liste aufgestellt.

"Wir haben uns damals schon für Kinderbetreuung für unter Dreijährige eingesetzt", erzählt Müller in ihrem Haus in Hinterrandsberg. Ein Thema, dass sie als Mutter zweier Söhne durchaus auch selbst betraf. "Deshalb habe ich auch 13 Jahre Familienpause eingelegt," erzählt Müller. 1988 stieg sie wieder ins Berufsleben als Chemotechnikerin ein. "Ohne die volle Unterstützung meiner Mutter wäre das nicht gegangen." Und natürlich nicht ohne ihren Gatten Erich Müller. Der habe ihre politische Karriere immer unterstützt. "Da gehört ein emanzipierter Mann dazu", sagt sie. Die Familie hat Müller aus der Öffentlichkeit herausgehalten. Mit zwei Ausnahmen: Einer Kochstunde mit dem "Neuen Tag" und einer Home-Story mit einem Münchener Blatt.

Europa als Garant

Die politische Karriere der heute 66-Jährigen ging steil nach oben. "Wie im Aufzug", meint Müller im Gespräch. Erster Stock: Das Europaparlament. 1999 schafft sie den Einzug. "Europa ist und bleibt der Garant für eine gute Zukunft", ist Emilia Müller überzeugt. Sie arbeitet sich ein, ihr Beruf kommt ihr bei Themen wie Nahrungsergänzungsmitteln zugute. "Ich wollte im Europäischen Parlament bleiben", sagt sie, die Osterweiterung habe gerade für die Oberpfälzer Heimat viele Chancen geboten. Die Demokratien in den Mitgliedsländern im Osten sieht sie nach wie vor als "zartes Pflänzchen, das gepflegt werden muss".

Die Arbeit in Brüssel - und wohl auch die ein- oder andere forsche Forderung Müllers für die Frauen in der CSU, der sie 1989 beigetreten war - ließen Edmund Stoiber hellhörig werden, 2003 holt er Müller, ohne Mandat im Landtag, als Staatssekretärin ins Ministerium für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz nach München. Nur zwei Jahre später wird sie Staatsministerin für Europa- und Bundesangelegenheiten. Ministerpräsident Günter Beckstein holt Müller dann 2007 als Ministerin ins Wirtschaftsressort. 2008 bis 2013 ist Emilia Müller, immer noch ohne Landtagsmandat, wieder Staatsministerin für Bundes-und Europaangelegenheiten bei Ministerpräsident Horst Seehofer. Das gute Ergebnis der CSU bringt der Bruckerin dann bei der Wahl 2013 über die Liste den Sitz im Maximilianeum - und den Posten als Staatsministerin für Arbeit und Soziales, Familie und Integration.

"Ich empfand das als Abrundung meiner politischen Arbeit", sagt Müller, "doch die Funktion hat mich dann mehr gefordert als alles andere." Mit der Flüchtlingswelle im Jahr 2015 kamen extreme Aufgaben auf Müller und ihre Mitarbeiter zu. "Der 12. September 2015 ist unvergessen. Da kamen 13 000 Menschen am Münchener Hauptbahnhof an". Bis Dezember 2015 wurden 165 000 Plätze in Unterkünften aus dem Boden gestampft. "Politik, Hilfsorganisationen und Ehrenamtliche haben eine hervorragende, gesamtgesellschaftliche Leistung erbracht", sagt Müller nicht ohne Stolz. "Bayern hat eine phantastische Visitenkarte der Humanität abgegeben. Das war unglaublich." Die Wirtschaft zog mit, viele Geflüchtete haben heute einen Job. Die vielen Diskussionen, auch in den Kommunen, die Aufnahmeeinrichtungen bekommen sollten, sind Müller gut in Erinnerung. "Das war nicht immer so einfach."

"Gut vorbereitet"

Anfang des Jahres hatte Emilia Müller angekündigt, nicht mehr zur Landtagswahl anzutreten. "Eigentlich war das schon 2015 klar, als ich den CSU-Bezirksvorsitz abgegeben habe, dass ich nicht mehr antreten werde." Mit dem damals noch designierten Ministerpräsidenten Markus Söder gab es ein offenes Gespräch, das sie als "fair" bezeichnet. Im März 2018 gab sie ihr Ministerium ab.

"Ich war gut drauf vorbereitet und gehe ohne Groll", sagt Müller. "Für mich war es eine sehr interessante, auch sehr anstrengende Zeit mit vielen Höhen und Tiefen. Ich möchte aber keinen Tag missen," blickt Müller zurück. Enttäuschungen auf einem so langen politischen Weg blieben nicht aus. Wer erfolgreich sein wolle, müsse da durch, sagt die 66-Jährige. Zumal ihr Hauptthema sie auch nach der Zeit im Landtag begleiten wird: Im Juni wählte sie der Katholische Frauenbund zur Landesvorsitzenden. Der Landesverband Bayern zählt rund 165 000 Mitglieder. "Der Frauenbund ist kampagnenfähig", sagt Müller, ihre Noch-Kollegen im Landtag dürfen sich wohl auf einige Initiativen gefasst machen. Chancengleichheit sowie die Anerkennung und Wertschätzung der Arbeit von Frauen gerade auch in den Familien stehen ganz oben auf ihrer Agenda. Sie möchte vor allem junge Frauen mit neuen Angeboten für die Arbeit des Frauenbunds gewinnen.

Was ihr nicht fehlen wird? Die Aktenberge. "Ich bin am Wochenende immer mit einigen Pilotenkoffern voll Akten nach Hause gekommen, die bis Montag durchzuarbeiten waren." Ganz ohne Akten geht's aber auch momentan nicht. Schließlich sind noch zwei Sitzungen im Landtag angesetzt, am 18. und 27. September. Ihre letzten. Im Kreistag, dem sie seit 1996 angehört, will sie noch bis 2020 bleiben. "Danach ist Schluss".

Trotz der neuen Aufgabe im Frauenbund will sie mehr Zeit für die Familie haben, auch für die zwei Enkelkinder. Wanderausflüge nach Südtirol, wo ihr Mann Erich seine Wurzeln hat, werden nach einer Knieoperation noch etwas warten müssen, umso mehr freut sich Müller darauf. Und am 14. Oktober? "Ich wünsche mir ein sehr gutes Ergebnis für die CSU. Bayern ist spitze in Deutschland und Europa, das soll so bleiben", sagt die scheidende Abgeordnete, "ich würde es sehr begrüßen, wenn wieder zwei Oberpfälzer am Kabinettstisch sitzen würden." Auf die Menschen zugehen und ihnen zuhören, das sei das Erfolgsrezept,

Emilia Müller und Joachim Hanisch, damals noch Bürgermeister von Bruck. Bild: Gerhard Götz
Emilia Müller und Joachim Hanisch, damals noch Bürgermeister von Bruck.
Emilia Müller in ihrem Münchner Büro als Staatsministerin für Europaangelegenheiten. Bild: Gerhard Götz
Emilia Müller in ihrem Münchner Büro als Staatsministerin für Europaangelegenheiten.
Ministerpräsident Edmund Stoiber (vorne, Vierter von links) holte Emilia Müller (vorne, Zweite von links) 2003 als Staatssekretärin ins Kabinett. Bild: exb/Bayerische Staatskanzlei
Ministerpräsident Edmund Stoiber (vorne, Vierter von links) holte Emilia Müller (vorne, Zweite von links) 2003 als Staatssekretärin ins Kabinett.
 
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