29.08.2019 - 18:44 Uhr
Oberpfalz

Bundeswehr bildet in Pfreimd Zivilisten zu Reservisten aus

32 Zivilisten absolvieren in der Oberpfalz-Kaserne in Pfreimd eine Ausbildung zum Reservisten. In nur 21 Tagen sollen sie fit für die Bundeswehr werden.

Durch kniehohes Gras marschieren die Teilnehmer einer Ausbildung für Reservisten auf dem Gelände der Kaserne in Pfreimd.
von Elisabeth Saller Kontakt Profil

Die meisten Reservisten sind ehemalige Soldaten, die mindestens den Grundwehrdienst geleistet haben. In Zeiten ohne Wehrpflicht braucht die Bundeswehr eine gute Reserve, um einsatzbereit zu bleiben, sagt Oberstleutnant Thorsten Klapp. Damit die Reserve wächst, gibt es nun auch eine Grundausbildung für Zivilisten. Der stellvertretende Kommandeur des Regionalstabs für Territoriale Aufgaben der Bundeswehr Ost in der Kaserne Bogen hatte die Idee, die Reserveausbildung bei der Bundeswehr wieder anzukurbeln. Zum ersten Mal fand diese nun für die Oberpfalz und Niederbayern statt. Am Donnerstag absolvierten 17 der 32 Teilnehmer ihre Abschlussprüfung in der Oberpfalz-Kaserne Pfreimd (Kreis Schwandorf).

Auf einer abschüssigen Wiese auf dem Gelände der Kaserne lernen die Soldaten, wie sie im Ernstfall einen verletzten Kameraden transportieren. Zwei bilden mit ihren Händen eine kleine Sitzfläche. Der "Verletzte" zieht seine Waffe vom Rücken nach vorne, setzt sich auf die Hände, hält sich an den Schultern der Kameraden fest und lässt sich etwa zehn Meter weit tragen. Hauptfeldwebel Martin Straubinger, der die Übung leitet, ist zufrieden. Dann zeigt er seinen Leuten, wie sie einen angeschossenen Soldaten aus der Kampfzone ziehen. Zuerst soll er die Beine übereinander schlagen. "Warum? Weniger Reibung", erklärt er. Straubinger greift bei einem Kandidaten, der auf dem Boden liegt, von hinten unter den Achseln durch, hält in an der Brust und schleift ihn über die Wiese. Die angehenden Reservisten machen es ihm nach. Atmen schwer, schwitzen unter der für einen Sommertag zu warmen Kleidung, dem Helm, der Tarnmaske. Die Ausbildung ist richtig anstrengend.

„Verteidigung aus Alarmpostenstellungen“ heißt diese Übung. Die feindlichen Soldaten dürfen nicht zu den angehenden Reservisten (im Bild) gelangen.

Anstrengende Ausbildung

"Man kommt an seine Grenzen, auch körperlich", sagt Eva-Maria Rausch. Die 59-Jährige aus Plattling ist die älteste Teilnehmerin. Sie stammt wie ihre Kameradin Monika Hofer (49 Jahre) aus einer Bundeswehr-Familie. Vater, Ehemann, Brüder, Onkel. Alle Männer haben gedient. Für Frauen war die Bundeswehr lange nicht zugänglich. Das wollen sie nun nachholen. Die Grundausbildung für Ungediente "ist eine gute Gelegenheit, mal die ganze Sache von der anderen Seite anzusehen. Jetzt habe ich es am eigenen Leib erlebt, wie anstrengend das ist", sagt Hofer.

30 Jahre lang habe sich die Bundeswehr kaum um eine Reserve gekümmert, die die Soldaten im Urlaub vertreten können oder bei Einsätzen einspringen, wenn die Aktiven eine Pause brauchen, etwa vom Schneeräumen in den Alpen. 2010 gab es laut Klapp noch 40.000 Reservisten, 2018 waren es 32.000, nur 36 Prozent von ihnen sind jünger als 50. Inzwischen habe die Landes- und Bündnisverteidigung wieder an Bedeutung gewonnen. "Nunmehr besinnt man sich auf die Reserve", sagt Klapp. Für den ersten Kurs haben sich mehr als 70 Interessenten beworben. Nach einer Musterung wurden 32 zugelassen. Einer musste die Ausbildung wegen eines Trauerfalls abbrechen, 31 sind noch dabei, berichtet Klapp stolz. Sechs Frauen und 25 Männer zwischen 18 und 59 Jahren. Die meisten kommen aus der Oberpfalz und aus Niederbayern.

Der Übungsleiter erklärt die nächste Aufgabe, die Kursteilnehmer hören konzentriert zu. „Verstanden?“ – „Jawoll.“

Einer davon ist Simon Hecht aus Roding. "Die Bundeswehr hat mich schon immer interessiert", berichtet der 30-Jährige. Bei einer zivil-militärischen Aktion in seiner Heimat sei er mit dem Reservefeldwebel ins Gespräch gekommen. Der habe ihn auf die Idee gebracht, die Grundausbildung für die Reserve zu absolvieren. Dafür hat der Mitarbeiter der Stadtverwaltung Urlaub genommen. Hecht schwärmt wie seine Kollegen von der Kameradschaft: "Das Leben im Feld miteinander, jeder passt auf den anderen auf. Das ist unbeschreiblich."

Die Grundausbildung für aktive Soldaten dauert drei Monate. Nur 21 Tage sind es bei der Reserve. Die Bundeswehr bildet sie in drei Modulen aus, die die Teilnehmer recht individuell in zwei Jahren absolvieren können. Waffen, Erste Hilfe und Recht sind Themen. In Pfreimd steht an diesem Tag etwa die Schießausbildung und der Gefechtsdienst auf dem Programm.

Laut wird es bei der Übung "Verteidigen aus Alarmpostenstellungen". Die Soldaten liegen in Erdlöchern. Auf einem Weg vor ihnen fahren zwei Autos vorbei. Drin sitzen die Feinde. Die Auszubildenden versuchen, den "Zutritt zu ihrem Bereich zu verwehren. Mit der höchsten Form der Gewaltanwendung." Stabsfeldwebel Martin Kohlberger meint damit: töten. Die Soldaten arbeiten mit dem Gewehr G 36, geladen mit Platzpatronen. Ein Mündungsfeuerdämpfer verhindert, dass ein Projektil den Gewehrlauf verlässt.

Ein Video zur Grundausbildung zum Reservisten im Pfreimd

Feind tot, Ziel erreicht

Die Befehle klingen fast selbst wie Schüsse: "Gruppe, Achtung, Motorengeräusch auf 2 Uhr", ruft ein Übungsleiter. Alle tragen Gehörschutz, lauschen ihm dennoch konzentriert. "Fertigmachen zum Feuerüberfall", schreit er, es knallt. Der Feind erwidert. Die Soldaten gehorchen ihrem Leiter. Am Ende heißt es: "feindliche Spähaufklärung vernichtet". "Mich überrascht selbst, dass der Ausbildungsstand so hoch ist - nach so kurzer Zeit", freut sich Klapp.

Am heutigen Freitag dürfen die Reservisten ihre Taschen packen. Zum Abschluss steht Antreten an, sagt der Oberstleutnant. Die Teilnehmer dürfen sich nun "Jäger" nennen. Einige will Klapp für besondere Leistungen auszeichnen. Und er gesteht: "Die sind mir schon ans Herz gewachsen." Er ist sich sicher, dass die Grundausbildung für Reservisten auch nächstes Jahr fortgesetzt wird. Klapp: "Wir hoffen, dass der ein oder andere danach sagt: Ich geh' in die Offizierslaufbahn."

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.