04.06.2021 - 11:48 Uhr
Deutschland und die WeltOberpfalz

Berichte über ein Sexualverbrechen und eine Massenschlägerei kritisiert

Zwei Zeitungsartikel, zwei Beschwerden beim Presserat. Dieser urteilt: Ein Gerichtsbericht verletzt die Menschenwürde des jungen Opfers nicht, die Berichterstattung über eine Massenschlägerei ist von öffentlichem Interesse.

Ein Spielplatz, im Sand die Schatten eines Mannes und eines schaukelnden Kindes. Wir haben diese Aufnahme als Symbolbild gewählt, um das Thema sexueller Missbrauch von Kindern zu illustrieren.
von Jürgen Kandziora Kontakt Profil

In jeder Ausgabe der "Drehscheibe" stellt eine Referentin des Deutschen Presserates einen aktuellen Fall aus der Rechtssprechung des Gremiums vor. Fälle, die für Lokalredaktionen besonders bedeutsam sind. Mit freundlicher Genehmigung von Stefan Wirner, dem Redaktionsleiter der "Drehscheibe", veröffentlichen wir hier zwei Beiträge von Sonja Volkmann-Schluck, die beim Presserat als Referentin für Öffentlichkeitsarbeit tätig ist.

Keine Verletzung presseethischer Grundsätze

Der Fall

Eine Lokalzeitung veröffentlicht unter der Überschrift "Sexuelle Kontakte gegen Geschenke" einen Beitrag über einen Gerichtsprozess wegen sexuellen Missbrauchs. Der Angeklagte ist geständig, sagt aber aus, dass das Mädchen sich seine Taten gegen Geschenke habe gefallen lassen. Die Aussagen des Angeklagten werden im Bericht ausführlich wiedergegeben. Eine Vertreterin eines Verbandes von Frauenberatungsstellen beschwert sich. Sie kritisiert, dass die Aussagen des Angeklagten einseitig dargestellt und verharmlost wurden. Der Beschuldigte erscheine als Opfer einer vermeintlichen Verführung durch ein elfjähriges Mädchen. Die Überschrift stelle sogar infrage, ob das Mädchen überhaupt sexuelle Gewalt erlebt habe. In der Berichterstattung finde eine Täter-Opfer-Umkehr statt, was die Würde des Mädchens verletze.

Die Redaktion

Der Chefredakteur betont, seine Zeitung sehe es als Pflicht an, ihre Leserschaft ausführlich über das gesellschaftliche Zusammenleben zu informieren. Die unerwartet umfangreichen Schilderungen des Beschuldigten im ersten Teil des Prozesses hätten daher ihren Niederschlag im Bericht gefunden. Angesichts der Schwere der Tat sei es aus Sicht der Redaktion von öffentlichem Interesse gewesen, die Denkweise des Angeklagten zu beschreiben. Der Autor habe sich dessen Aussage nicht zu eigen gemacht, sondern er habe darüber distanziert und im Kontext der Anklage berichtet.

Das Ergebnis

Der Beschwerdeausschuss erkennt keine Verletzung presseethischer Grundsätze. Der Presserat kann die Beschwerde zwar nachvollziehen, da ausschließlich die Sicht des Angeklagten dargelegt wird. Gleichzeitig stellt er jedoch fest, dass in dem Artikel korrekt das wiedergegeben wird, was an diesem Verhandlungstag vor Gericht gesagt wurde. Die Redaktion hat zudem ihre Leser in der Folge auch über die Befragung des Mädchens und den Schuldspruch informiert. Unter diesen Gesichtspunkten ist der Beitrag presseethisch akzeptabel. Er verstößt weder gegen die journalistische Sorgfaltspflicht noch verletzt er die Menschenwürde des minderjährigen Opfers.

Redaktion durfte auch über Hintergründe berichten

Der Fall

Eine Zeitung berichtet über eine Schlägerei mit 60 Beteiligten aus zwei Roma-Familien. Die Vorgänge rund um ein Mietshaus (der Autor nennt die Adresse) werden näher beleuchtet. Es sei zu einem großen Polizeieinsatz gekommen. Im Text kommt ein Sozialarbeiter zu Wort, der Teile einer Familie betreut hat. Er wird zitiert, es habe sich wohl um eine Familienfehde gehandelt. Vorstellbar sei auch, dass es um Bettelreviere gegangen sei. Der Sozialarbeiter spricht über das Grundproblem der Roma-Familien, die patriarchalisch organisiert seien und nach ihren eigenen Regeln lebten. Eine Organisation für soziale Arbeit beschwert sich. Sie sieht einen Verstoß gegen die Richtlinie 8.8, wonach Angaben über den Wohnsitz zu vermeiden sind. Außerdem sieht sie bestimmte Ausführungen in dem Artikel als diskriminierend nach Ziffer 12 des Pressekodex an, etwa über die "schwer oder gar nicht integrierbaren" Zugewanderten, die ihre Heimat nur verließen, um hier Kindergeld zu beantragen. Viele von ihnen würden kriminell. In dem Bericht würden antiziganistische Bilder aufgegriffen und unreflektiert wiederholt.

Die Redaktion

Der Chefredakteur der Zeitung teilt mit, die Redaktion habe über eine massive, öffentlich ausgetragene Schlägerei im Zentrum einer Großstadt berichtet. Sie habe es als journalistischen Standard begriffen, es nicht bei der alltäglichen nachrichtlichen Berichterstattung zu belassen. Sie sei dem Vorgang und seinen Ursachen noch einmal nachgegangen. Die Redaktion habe einen differenzierten und keinesfalls stigmatisierenden Text veröffentlicht.

Das Ergebnis

Der Beschwerdeausschuss stellt keinen Verstoß gegen presseethische Grundsätze fest. Die Berichterstattung über die Massenschlägerei ist von öffentlichem Interesse. Öffentliche Schlägereien in einer derartigen Größenordnung mit dem damit verbundenen Polizei- und Rettungseinsatz sind selten. Die Redaktion durfte daher auch über die Hintergründe der Tat, gemeinsame Merkmale der Akteure und die Ursache der Schlägerei - den Konflikt zweier Familien aus einem Kulturkreis - berichten, um einen Anhaltspunkt zum Verständnis des Vorgangs zu geben. Die Nennung der Adresse im Bericht ist nicht zu beanstanden. Sie ist ebenfalls durch ein öffentliches Interesse gerechtfertigt.

Eine weitere Entscheidung des Presserats

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Hintergrund:

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