30.08.2020 - 11:32 Uhr
DieterskirchenOberpfalz

Dieterskirchen bewahrt das Erbe eines Wein-Liebhabers

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"Plo" nennen die Dieterkirchener den großen Platz neben dem Rathaus. Unter dem rustikalem Kopfsteinpflaster beginnt die Unterwelt: Erbe eines Barons, der viel von gutem Wein hielt. Jetzt lagert dort so manche Überraschung.

Johann Köppl demonstriert mit einem Eimer, wie klar das Wasser ist, das sich hier im Felsenkeller unter dem ehemaligem Schloss in Dieterskirchen sammelt.
von Monika Bugl Kontakt Profil

Von ihrem Amtszimmer aus hat Bürgermeisterin Anita Forster einen guten Blick auf die neue Tür aus Eichenholz mit ihren alten Beschlägen. Erst seit wenigen Tagen ersetzt sie ein Provisorium, das den Zugang zu einem ungewöhnlichen kulturellen Erbe sichert: ein gut erhaltenes Kellersystem, in dem sich wie in einer Tropfsteinhöhle schon kleine Stalaktiten gebildet haben. Nur zu besonderen Anlässen gibt es einen Einblick in dieses weitläufige unterirdische Lager, dass sich einst ein Mann mit vielen Vornamen erdacht hat: Franz Anton Alois Bonaventura Joseph Maria von Horneck.

"Vielleicht wollte der Erbauer damit seiner jungen Frau imponieren", spekuliert Johann Köppl, der Ursprung und Funktion der Keller erforscht hat und seinen Wissensschatz an die Nachwelt weitergeben will. Ein Schöngeist, kein Wirtschafter sei dieser Bauherr gewesen, darauf lasse schon die Inschrift an dem Torpfeiler aus Granit schließen: "Erbauer dieser Höhle war dir zu Ehren, mein Bachus, Anton Freiherr von Horneck." Dem Gott des Weines und der Fruchtbarkeit (Bacchus in der heute gebräuchlichen Schreibweise) hatte der Adlige ein Mammut-Projekt gewidmet.

19 Jahre Bauzeit

Der Kellerausbau zog sich von 1779 bis 1798, also über 19 Jahre hin. Dass dort ein Goldschatz lagerte, ist allerdings eher unwahrscheinlich. "Mit dem Labyrinth in Schwandorf kann man unsere Keller nicht vergleichen, aber beachtlich sind sie doch", sagt Hobby-Historiker Köppl. Über 30 ausgetretene Granitstufen geht es hinab in die Dunkelheit.

Mit dem Labyrinth in Schwandorf kann man unsere Keller nicht vergleichen, aber beachtlich sind sie doch.

Johann Köppl

Johann Köppl

Johann Köppl leuchtet mit der Taschenlampe in kleinere und größere Räume, die vom Hauptgang abzweigen. Senkrechte Rillen an den Wänden sind für ihn ein Indiz, dass hier vor 200 Jahren fleißig gemeißelt wurde. In der Nacht zuvor hat es geregnet, ein kleines Rinnsal findet seinen Weg durch den Tunnel, der leicht bergab führt und sich dann mehrmals gabelt. Ein Ausgang ist verschüttet, ein weiterer wäre nur kriechend über eine Treppe zu erreichen, in der mehrere Stufen fehlen. "Da geht es in die obere Etage des Kellers", berichtet Köppl. Einfacher sei der Zugang für diesen Teil über das Gasthaus Plecher. An dessen Stelle stand einst das schmucke Schloss derer von Horneck. "Möglich dass bei Kellerbau schon vorgearbeitet war oder natürliche Hohlräume vorhanden waren", sagt der Fachmann, für den die Keller vier Funktionen erfüllen: Lagerraum, Gärraum, Festsaal und Fluchtraum. Er kann sich gut vorstellen, dass auf den wuchtigen Granitquadern am Rand des langen Ganges, etwa sieben Meter unter der Erde früher Fässer gelagert wurden. Von einer Inventur in einem Lagerraum im Jahr 1667 ist bekannt, dass man dort 600 Eimer Bier gezählt hat - und das noch vor dem Keller-Ausbau. Gemeint waren damit bei einem Fassungsvermögen von 61 Litern pro Eimer wohl eher Fässer. "Die hatten damals wohl auch schon Rückenprobleme, daher der Sockel aus Granit", folgert Köppl.

Noch weitläufiger sind die Felsenkeller in Schwandorf

Schwandorf

Technik anno dazumal

Er lenkt den Blick in die Höhe, wo an den Türstöcken der früher einzeln abschließbaren Keller überall ein Loch erkennbar ist. "Das war damals das Be- und Entlüftungssystem wegen der Gärgase", meint Köppl. Auch für die Rillen in der Treppe nach oben hat er eine Erklärung: "Man kann sich vorstellen, dass die Fässer hier mit Hilfe eines Seils nach oben gezogen wurden."

Bier- und auch Weinvorräte sind schon lange aus dem Keller verschwunden, der während des Krieges als Luftschutzraum dienen konnte. Benötigt wurde er nicht, lediglich ein paar Kinder haben hier Luftschutzübungen absolviert. Auch in dem mutmaßlichen Festsaal, der am besten über das Gasthaus Plecher zu erreichen ist, hat schon lange keiner mehr getafelt. "Zuletzt eine Gruppe aus dem Kindergarten, das sah wirklich festlich aus", erinnert sich Marianne Plecher, die vom Gasthaus aus mit hinunter gestiegen ist in das breite Gewölbe, wo man sich definitiv nicht bücken muss. Eine inzwischen nicht mehr begehbare Wendeltreppe führte direkt in die Küche des Gasthauses, das um 1900 als Poststation glänzte. Da lag das Schloss schon lange in Schutt und Asche: Ende des 19. Jahrhunderts fiel das Bauwerk einem Feuer zum Opfer.

Spuren dieses Brandes hat Köppl an einer Stelle des Kellers ausgemacht, wo sich vielleicht eine Art Brunnen befand und nun dunkel die Wasseroberfläche schimmert. "Das könnte Ruß sein, dort am Boden, denn das Wasser selbst ist ganz klar", sagt der Heimatforscher. Er schöpft im mitgebrachten Eimer ein paar Liter ab, und tatsächlich ergießt sich im Schein der Taschenlampe nur klare Flüssigkeit über den Kellerboden. "Das müsste allerdings erst die Wissenschaft untersuchen", schränkt er ein. "In Afrika würde man sich freuen, wenn man so ein Wasser hätte", überlegt Köppl, der sich gut vorstellen kann, wie diese Quelle vor 200 Jahren die Arbeit der Bediensteten im Schloss erleichtert hat.

Der Schlossherr allerdings hat sich mit seinen Plänen möglicherweise übernommen. Seine Güter in Pottenhof, Kulz und Prackendorf musste er verkaufen, später kam auch das Schloss unter den Hammer. Im Alter von 78 Jahren stirbt der Baron verarmt in Regensburg. Seine Ehefrau Anna ist nur 39 Jahre alt geworden, und mit einer zweiten Ehe unter Stand hat sich der Wein-Liebhaber ins soziale Aus befördert. "Das war damals eine Todsünde, keiner seiner Freunde ist zur Hochzeit gekommen", berichtet Köppl.

Nur zwei Torpfeiler des früheren Schlossgartens erinnern in Dieterskirchen noch an den Prunk von anno dazumal: Zwei Löwen thronen dort mit dem Wappen von Holnstein (für die erste Ehefrau) und von Horneck. Dass der Keller überhaupt wieder begehbar ist, dafür hat vor 2007 die Landjugend gesorgt: Zum ersten Bürgerfest hat sie schweres Geröll weggeschafft. Das war auch Anlass, hier eine elektrische Beleuchtung zu verlegen.

Fledermäuse willkommen

Jüngste Investition ist die neue Eichentüre mit den restaurierten alten Beschlägen. "Eine hervorragende Schreinerarbeit von Markus Markl", lobt Bürgermeisterin Anita Forster die mit Mitteln des ILE-Regionalbudgets geförderte Investition. Wie beim Vorgänger-Model klafft auch in der neuen Tür ganz oben ein Loch, auch wenn kein Gärgas mehr entweichen muss. "Vielleicht benutzen die Fledermäuse das ja als Start- und Landebahn, um im Keller zu überwintern", hofft die Bürgermeisterin.

Hintergrund:

Nachhilfe für "Zugezogene"

Falls es Corona erlaubt, gibt es am 3. Oktober eine Führung durch die Dieterkirchener Felsenkeller. Laut Johann Köppl richtet sich das Angebot in Zusammenarbeit mit dem Schnupferclub vor allem an "Zugezogene", die noch wenig von der Geschichte Dieterskirchens wissen. Für Köppl, dessen Großvater als Steinhauer in Prackendorf gearbeitet hat, ist das ein Beitrag zur Integration. Die Neubürger erfahren dann bei dieser Gelegenheit auch gleich, wieso der Dorfplatz allgemein als "Plo" bekannt ist. Nach Recherchen von Köppl kommt das vom französischen "Tableau" (Bild, Tafel, Platz). Mit Dialektfärbung wurden daraus zwei Wörter: "da Plo", also "der Plo".

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