29.08.2018 - 14:37 Uhr

Drohungen vom "Verfassungsschützer"

Die Geschehnisse in Chemnitz bewegen. Im Alltag und im Netz. Der Amberger Reiseblogger Andreas Moser hat sich per Twitter zu Wort gemeldet und bekommt Drohanrufe.

Polizisten standen in der Innenstadt am Karl-Marx-Monument bei einer Kundgebung der rechten Szene, um ein Aufeinanderprallen von rechten und linken Gruppen zu verhindern. Bild: Jan Woitas/dpa
Polizisten standen in der Innenstadt am Karl-Marx-Monument bei einer Kundgebung der rechten Szene, um ein Aufeinanderprallen von rechten und linken Gruppen zu verhindern.

Andreas Moser (derzeit in Wien) hat einen Tweet veröffentlicht: "Ist ja eigentlich naheliegend, dass der Jahrestag von Rostock-Lichtenhagen mit Jagd auf Ausländer begangen wird. #c2608 #Chemnitz" schreibt er auf seiner Seite. Manche finden das provozierend oder geschmacklos. Andreas Moser wollte "einen Denkanstoss" geben.

Kurz nachdem er den Tweet veröffentlicht hatte, klingelte das Telefon. Ein aufgebrachter Anrufer forderte ihn auf, den Tweet zu löschen. Der Unbekannte am anderen Ende der Leitung gab sich als Mitarbeiter vom deutschen Verfassungsschutz aus. Das Pikante daran: Die Telefonnummer auf dem Display war aus der Schweiz. Als sich der Amberger weigerte, der Aufforderung nachzukommen, beendete der Anrufer wutentbrannt das Gespräch.

Moser tat, was er nach eigener Aussage immer tut, wenn er "Drohanrufe" erhält. "Ich veröffentliche sie sofort, damit man für den Fall, dass ich erschossen werde, wenigstens einen Hinweis hat." Sekunden später kam der nächste Anruf. Diesmal mit deutlichen Drohungen. Moser zitiert: "Sind Sie lebensmüde? Sie löschen jetzt unverzüglich den Tweet oder ich werde Sie suchen. Ich werde Sie suchen bis an Ihr Lebensende, und wenn ich Sie finde, werden Sie um Ihr Leben betteln. Sie sind ab jetzt nicht mehr sicher, hören Sie? Nirgendwo. Ich werde Sie finden! Löschen Sie den Tweet!" Kurze Zeit später, der nächste Anruf. Auch hier droht der Unbekannte massiv. "Jetzt kann ich nicht ruhen, bis ich dich finde, und dann wirst du alles bereuen. Du bist nicht mehr sicher, nirgendwo."

Der Amberger veröffentlicht auch diese Gespräche. Andreas Moser: "Ein Grund zur Veröffentlichung des Anrufs war, dass ich erfahren wollte, ob es gestern Abend ähnliche Anrufe auch bei anderen Personen gegeben hat. Und tatsächlich war ich nicht das einzige Opfer." Eine Twitter-Nutzerin meldete sich kurze Zeit später. Auch sie habe einen Anruf aus der Schweiz erhalten, auch vom "deutschen Verfassungsschutz", auch mit dieser Telefonnummer. Die Schweizer Zeitung "Blick" hat die Aktion aufgegriffen und stellt einen Zusammenhang zwischen der Schwiz und Chemnitz her. Es gebe Verbindungen zwischen den Hooligans des Chemnitzer FC und des Grasshopper Club Zürich.

Der Vorfall hat bei Andreas Moser Spuren hinterlassen. "Unmittelbar nach den Drohanrufen hatte ich wirklich Angst. Deshalb hatte ich sie auch öffentlich gemacht. Aber jetzt, einen Tag später und nach dem großen Neonazoaufmarsch in Chemnitz, habe ich mehr Angst um Deutschland als um mich", beschreibt er seine Gefühlslage. Er mache sich derzeit auf den Weg, verlasse Wien, die "bisher schönste und lebenswerteste Stadt in Europa". Denn, so schreibt er: "Aber selbst die lebenswerteste Stadt ergibt nur einen Sinn, wenn man am Leben bleibt (obwohl der Zentralfriedhof auch beeindruckend ist)."

Der reisende Reporter - Blog von Andreas Moser

Entschuldigung am Tag danach:

Rund 24 Stunden nach den ersten Anrufen hat sich der "Verfassungsschützer" erneut bei Andrea Moser gemeldet. In einem rund 20-minütigem Gespräch hat sich der Anrufer entschuldigt. Er habe überreagiert, hat sein Handeln als "Kurzschlussreaktion" bezeichnet und versichert, nichts mit den Rechten am Hut zu haben. Ihm sei es um Deeskalation gegangen.

 
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