26.10.2020 - 08:00 Uhr
Eger (Cheb)Oberpfalz

Tschechiens neue Genossen

Ein absolutes Alleinstellungsmerkmal: Als – einzige – deutsche Genossenschaftsbank unterhält die Volksbank Raiffeisenbank Nordoberpfalz Filialen im Ausland, nämlich im direkt benachbarten Westböhmen.

Der Regionalmarktleiter Tschechien, Ing. Roman Masek, erklärt das Einzugsgebiet der Filialen in Westböhmen.
von Clemens Fütterer Kontakt Profil

Vor ziemlich genau 25 Jahren gründete die frühere  Raiffeisenbank im Stiftland  visionär  ihre erste Filiale in Cheb (Eger). Der damalige Vorstandsvorsitzende, Lorenz Hebert, bewies mutigen Weitblick.  „Wir wollten die Oberpfälzer Firmen mit ihren Niederlassungen und Produktionsstätten in Tschechien durch unser Know how als deutscher Finanzdienstleister begleiten“, erinnert sich heute  der zuständige Vorstand Thomas Wirth an die Ursprünge des grenzüberschreitenden Engagements der Raiffeisenbank. Aufgrund des enormen Zuspruchs folgten bald die Filialeröffnungen in Planá (Plana), Plzen (Pilsen), Marianské Lázne (Marienbad) und zuletzt 2018 Karlovy Vary (Karlsbad).

Über Jahrhunderte hinweg verschmolzen die Oberpfalz und Westböhmen zu einem gemeinsamen Kultur- und Wirtschaftsraum. Der Kommunismus kappte mit dem Eisernen Vorhang die gewachsenen Strukturen brutal und jäh.

Dass sich eine deutsche Regionalbank in Tschechien etablieren konnte, lag zum einen an den vielen Oberpfälzer Unternehmen mit „verlängerten Werkbänken“ in Westböhmen, zum anderen aber auch an den Tausenden Pendlern hinüber zu den besser bezahlten Arbeitsplätzen im Oberpfälzischen. Die Menschen folgen der Arbeit. Die VR Nordoberpfalz zählt 8500 Kunden in Tschechien; zusätzlich unterhalten gut 5000 westböhmische Pendler Girokonten diesseits der Grenze. „Die deutschen Arbeitgeber wollen Löhne und Gehälter auf deutsche Konten überweisen“, weiß Vorstand Wirth. Das sogenannte „Giro-Doppel“ war geboren, die kostenlose Kontoführung sowohl in Euro, als auch in tschechischen Kronen.

Bei der Anzahl der Kunden in Westböhmen gab es zwar keine großen Bewegungen in den vergangenen Jahren, das Geschäftsvolumen der Oberpfälzer Genossenschaftler wuchs jedoch beträchtlich. Das Kreditvolumen summiert sich heute auf rund 150 Millionen Euro, umgerechnet 3,9 Milliarden Kronen. „Bei den ausgereichten Darlehen sind wir sehr gut unterwegs“, freut sich Vorstand Thomas Wirth. Die Einlagen fallen deutlich geringer aus, sie belaufen sich auf 105 Millionen Euro (2,8 Milliarden Kronen): Obwohl Kronen-Guthaben mit einjähriger Laufzeit in den fünf westböhmischen Filialen noch mit 1,0 Prozent verzinst werden. Wahrlich paradiesisch anmutende Zeiten für Sparer, die in Deutschland unter Null- oder Minuszinsen darben! „Ich würde aber niemand dazu raten, sein Erspartes wegen eines 1,0-Prozent-Zinsvorteils in einer Fremdwährung anzulegen“, betont Wirth. Denn es bleibt das Wechselkursrisko.

Hunderte Landwirte aus der Oberpfalz bestellen riesige Agrarflächen in Westböhmen. Die Finanzierung dieser Aufkäufe erfolgt in der Regel durch die VR Nordoberpfalz.

Das überproportionale Kreditvolumen der VR Nordoberpfalz in Westböhmen kommt nicht von ungefähr. Hunderte Landwirte – vor allem aus der Oberpfalz und Niederbayern, aber auch aus dem gesamten Bundesgebiet - kauften und pachteten in den vergangenen beiden Jahrzehnten Hunderttausende Hektar Agrarflächen in Westböhmen. „Ein landwirtschaftlicher Betrieb erwarb sogar 10 000 Hektar auf einmal“, bestätigt Vorstand Thomas Wirth. Aktiv sind hier besonders die Betreiber der riesigen Biogasanlagen mit ihrem enormen Flächenbedarf. Auch wenn der Quadratmeterpreis für landwirtschaftliche Immobilien zwischenzeitlich auf 1,0 bis 1,5 Euro stieg, sind die Kosten im Vergleich zur Oberpfalz geradezu ein Schnäppchen.

Noch das alte Logo – vor der Fusion mit der Volksbank Nordoberpfalz – prangt über dem Hauptportal in Cheb (Eger). Die vormalige Raiffeisenbank im Stiftland ist seit einem Vierteljahrhundert in Westböhmen vertreten. Von links: Vorstand Thomas Wirth, der Teamleiter für das Firmenkundengeschäft CZ Ing. Pavel Rauscher und CZ-Regionalmarktleiter Ing. Roman Masek.

Zu den „grenzüberschreitenden Investitionen oder Finanzierungen“ zählen ebenso die Oberpfälzer Kapitalanleger, die bevorzugt Eigentumswohnungen in Pilsen und Prag als Betongold kaufen. Wirth taxiert den Quadratmeterpreis für eine gute Lage in Pilsen auf etwa 2000 Euro. Die Erwerb von Wohnimmobilien ist längst keine Einbahnstraße mehr. „Immer mehr Tschechen kaufen Wohnungen und Häuser in der Oberpfalz“, beobachtet Vorstand Wirth.

Auch wenn die VR Nordoberpfalz in Westböhmen „Geld verdient“, so ist es hart erarbeitet, „denn der regulatorische Aufwand ist immens“ (Wirth). Die Oberpfälzer Genossenschaftler stehen nicht nur bei der deutschen Finanzaufsicht Bafin in der Pflicht, sondern müssen auch der Tschechischen Nationalbank regelmäßig Meldung erstatten. Die VR Nordoberpfalz rüstet derzeit ihre Filialen in Westböhmen massiv mit entsprechender IT auf, um die regulatorischen Anforderungen zu erfüllen. „Dabei verstehen wir uns als einen wichtigen Bestandteil der regionalen, grenzüberschreitenden Wirtschaftsförderung“, unterstreicht Wirth die Rolle seiner Bank als „Koordinator regionaler Netzwerke“.

Die VR Nordoberpfalz punktet bei ihren Kunden mit der Beratungen zu (regionalen) Fördermöglichkeiten, mit ihren speziellen Kenntnissen des Markts diesseits und jenseits der Grenze (inklusive den Besonderheiten des tschechischen Rechts) und natürlich mit deutschsprachigen Beratern in der Tschechischen Republik. Etwa 50 Mitarbeiter zählt die VR Nordoberpfalz in Westböhmen: „Alle ausnahmslos tschechische Muttersprachler“, erklärt Wirth ein weiteres Erfolgsgeheimnis in der umkämpften westböhmischen Bankenbranche.

Die Volksbank Raiffeisenbank Nordoberpfalz veröffentlicht am Eingang ihrer Filiale in Cheb (Eger) auf Tschechisch die Öffnungszeiten.
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