08.12.2018 - 11:49 Uhr
EnsdorfOberpfalz

"Ich habe mich gefragt: Wo schleppt mich mein Mann hin?"

Barbara Hernes lebt seit knapp 30 Jahren in der Oberpfalz. In unserer Rubrik "Zugroast" spricht sie über ihre neue Heimat, über unverständliche Kollegen und warum ihr anfangs die Tränen kamen.

Barbara Hernes stammt aus dem Münsterland, seit 1989 lebt sie in der Oberpfalz.
von Julian Trager Kontakt Profil

Lastwagensitze und Fahrräder, Porzellan und Straßenwalzen, Chips und Zoigl. Es gibt fast nichts, was von den Unternehmen in der Oberpfalz nicht hergestellt wird. Das lockt an. Menschen aus der ganzen Welt ziehen in die Oberpfalz - und finden eine neue Heimat. Hier erzählen sie davon.

Heute mit Barbara Hernes (56), aus dem Münsterland. Seit 1989 lebt sie in der Oberpfalz, seit 1990 in Ensdorf (Kreis Amberg-Sulzbach). Sie ist Leiterin des Projekts Seniorenmosaik des Vereins Naturpark Hirschwald. Zudem sitzt Hernes im Vorstand des BLSV-Kreises Amberg.

ONETZ: Der Oberpfälzer ist ein Grantler und Sturkopf. Stimmt’s?

Barbara Hernes: Barbara Hernes: Das empfinde ich nicht so. Die Münsterländer werden auch als Sturköpfe bezeichnet. Das ist aber rein personenbezogen, nicht auf die Region.

ONETZ: Mit welchen Vorurteilen und Erwartungen sind Sie in die Oberpfalz gekommen? Und wie lautet jetzt Ihr Fazit?

Vor 30 Jahren kamen mir auf der Autobahn von Nürnberg nach Amberg kurz die Tränen, ich habe mich gefragt: Wo schleppt mich mein Mann hin? Damals war die Autobahn noch relativ neu, es waren fast keine Autos unterwegs, man sah wenig Häuser. Das Gefühl hat sich aber dann gelegt. Die Region ist sehr schön. Wir fühlen uns hier sehr wohl.

ONETZ: Spielen Sie oft mit dem Gedanken, in Ihre alte Heimat zurückzukehren? Wie oft fahren Sie tatsächlich zurück?

Nein, jetzt nicht mehr. Am Anfang spielte das aber eine Rolle, als die Kinder kleiner waren. Da haben wir uns überlegt, ob wir hier bleiben oder wieder umziehen. Wir haben uns aber dann in der Arbeit, in den Schulen und Vereinen so etabliert, dass diese Gedanken bald keine Rolle mehr spielten – weil wir hier angekommen sind und uns wohlfühlen. Wegen der Familie fahren wir aber viermal im Jahr ins Münsterland, die Eltern sind hochbetagt.

ONETZ: Was erzählen Sie dort von Ihrer neuen Heimat? Was würden Sie Ihren Verwandten oder Freunden zuerst zeigen, wenn die zu Besuch in die Oberpfalz kommen?

Ich erzähle eigentlich eher von den Unterschieden zwischen den einzelnen Traditionen und Bräuchen. Zum Beispiel spielen Kirwan in Norddeutschland keine große Rolle, da sind das eher Schützenfeste, bei denen auf einen Holzvogel geschossen wird. Hier ist auch der Zeltbetrieb anders, da sitzen die Menschen vor allem am Tisch, in meiner alten Heimat gibt es in jedem Zelt eine lange Theke – an der stehen dann die Leute. Wenn wir Besuch haben, gehen wir raus in die Natur, im Wald ist es toll. Natürlich fahren wir auch in Städte wie Amberg oder Regensburg, inklusive Donauschifffahrt. Oder wir besuchen den Monte Kaolino oder ich zeige ihnen die Asamkirche in Ensdorf.

ONETZ: Verstehen Sie Ihre Oberpfälzer Kollegen, wenn Sie mit ihm nach Feierabend ein Bier trinken?

Am Anfang war das ganz schwierig. Ich habe damals im Krankenhaus auf der Intensivstation gearbeitet, und wenn Kollegen untereinander geredet haben, habe ich nichts verstanden. Nach und nach hat sich das gebessert. Mittlerweile habe ich keine Probleme mehr. Bloß sprechen kann ich Oberpfälzisch nicht.

ONETZ: Fühlen Sie sich bereits als Oberpfälzerin?

Das kann ich nicht sagen. Um eine Oberpfälzerin zu sein, fehlt mir wohl die Sprache. Ich gehöre aber auch nicht mehr in den Norden. Ich fühle mich hier zu Hause und zugehörig.

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