17.11.2019 - 16:06 Uhr
ErbendorfOberpfalz

Hohe Schamgrenze bei Bedürftigen

Wer bei der Ausgabe der Tafel in Erbendorf Lebensmittel holt, bezieht Sozialleistungen oder bekommt zu wenig Rente. Nicht jeder, der Bedarf hat, holt seine Kiste ab. Ein Problem ist auch die Fahrt zur Einrichtung.

Rund 40 Personen hätten in Erbendorf und Umgebung die Chance die Tafel zu nutzen. Jedoch gibt es auch eine hohe Schamgrenze.
von Lucia Seebauer Kontakt Profil

Weil ihre Rente nicht reicht, geht Maria Meyer (Name von der Redaktion geändert) seit fast acht Jahren zur Tafel. "Ich wohne in Krummennaab. Um hierher zu kommen, brauche ich einen Fahrer." Die 77-Jährige sitzt um 10.30 Uhr am Freitag auf einem Stuhl in der Ausgabestelle der Mitterteicher Tafel in Erbendorf und wartet auf die Ehrenamtlichen. Neben ihr auf den Tischen sind die Lebensmittel-Rationen für 21 Personen aufgebaut.

Alleinstehende Männer, alleinerziehende Mütter, Kinder oder Frauen im Rentenalter: Wer hierher kommt, gehört meist zu diesen Gruppen. "Bei der Tafel bekommen Leute Lebensmittel, wenn sie Sozialleistungen wie Grundsicherung oder Hartz IV bekommen. Wohngeld gehört nicht dazu", sagt Brigitte Scharf. Als Vorsitzende des AWO-Ortsvereins und als Rentenberaterin kennt sie die Probleme der Betroffenen.

Noch keine konkrete Lösung

Sie weiß, dass für viele die Fahrt zur Tafel ein wichtiges Thema ist. "Gerade die Leute auf den Dörfern haben es schwer, in die Stadt zu kommen. Viele haben kein Auto. Sie brauchen jemanden, der sie nach Erbendorf fährt." Aktuell werde geprüft, inwiefern die Fahrt erleichtert werden kann. Doch eine konkrete Lösung sei noch nicht gefunden.

Maria Meyer ist auf die Nahrungsmittel der Tafel angewiesen. Sie ist gelernte Schneiderin. "Ich habe auch lange bedient und bin mit über 60 noch putzen gegangen." Mit der Miete stehen ihr etwas über 600 Euro im Monat zur Verfügung. Sie bekam etwas mehr, als ihr Mann starb. Zieht man die Miete ab, bleiben ihr nicht mal 200 Euro. Um die Lebensmittel zu erhalten, muss sie einen Obolus von 2 Euro bezahlen.

"Das ist Benzingeld für den Transporter, der die Lebensmittel von Mitterteich nach Erbendorf fährt", erklärt Veronika Schneider. Sie gehört zu den drei Ehrenamtlichen, die jeden Freitag die Ausgabe in der Stadt betreuen. Seit zwei Jahren befindet sich die Zweigstelle des Vereins in der Bräugasse gegenüber der Stadtverwaltung. "Vorher waren wir sechs Jahre im Rathaus. Dort wurde es aber zu eng." Künftig soll die Tafel im Bürgerhaus untergebracht werden, da der Bedarf wächst. Momentan stehen in dem ehemaligen Sportgeschäft ein Raum mit mehreren Tischen, ein paar Stühlen und einem kleinen Kühlschrank zur Verfügung. Die Ausgabe ist jeden Freitag von 10.30 bis 11.30 Uhr. Wenn es jemand zu dieser Zeit nicht schafft, sperrt Schneider auch mal am Nachmittag auf. "Wir versuchen immer, eine Lösung zu finden."

In Kartons sind die Lebensmittel für die Bedürftigen aus Erbendorf und der nähren Umgebung gepackt. Rund 21 Personen nutzten an diesem Tag das Angebot. Die Ehrenamtlichen Veronika Schneider (links) und Waltraud Gmeiner (rechts) helfen bei der Ausgabe.

40 Leute haben Anspruch

Kaum haben Veronika Schneider und Waltraud Gmeiner aufgesperrt, kommt der Transporter aus Mitterteich und bringt Kisten für 21 Personen. In Erbendorf und Umgebung hätten rund 40 Leute Anspruch auf das Essen der Tafel. "Heute sind viele krank", sagt Schneider. Sie zieht sich Einweghandschuhe an, bevor sie Lebensmittel anfasst. "Viele schämen sich auch, zu kommen. Sie wollen nicht von anderen gesehen werden, wenn sie Lebensmittel holen", sagt Gmeiner. Die Ehrenamtlichen haben dicke Jacken an, es ist kalt zu dieser Jahreszeit. "Für eine Stunde rentiert es sich nicht, die Heizung aufzudrehen", sagt Schneider. In den Kisten ist Essen, dessen Mindesthaltbarkeitsdatum kurz vor dem Ablauf steht, etwa Frischkäse, Wurst, Käse oder Joghurts. Weniger gibt es Pilze, Salat oder Obst. "Frische Sachen sind rar."

Spenden für Haltbares

Von Spenden kaufen die Ehrenamtlichen Essen, das auch mal länger haltbar ist. "Wir dürfen das Geld nicht behalten. So gehen wir in die Supermärkte und holen Reis, Nudeln oder Brot", sagt Schneider. Nach dem Erhalt der Lebensmittel muss jeder Abholer auf einem Zettel unterschreiben, dass er da war. Wer nicht kommen kann, muss sich abmelden. "Sonst bekommt er das nächste Mal nichts mehr. Das haben wir aber hier gut im Griff." Ein Mann kommt herein und grüßt alle freundlich. Schneider holt ihm seine Kiste. Er packt die Lebensmittel in eine Einkaufstasche um und freut sich: "Oh, da kann man ja mal wieder schlemmen." Eine junge Frau will ebenfalls die Lebensmittel für sich und ihre Tochter abholen: "Sie ist mein Goldstern", sagt sie.

Auch der soziale Aspekt spielt eine wichtige Rolle. „Viele Leute, die herkommen, haben keinen richtigen Ansprechpartner.“ Schneider werde oft auch unter der Woche von Betroffenen angerufen, die ihr dann ihr Leid erzählen. Für Schneider ist es ein Unding, dass jemand, der jahrelang gearbeitet hat oder Kinder großgezogen hat, keine passende Unterstützung vom Staat erhält.

Maria Meyer packt ebenfalls ihre Lebensmittelration in einen Buggy. Diesen kann sie leichter hinter sich herziehen. Laufen fällt ihr aus gesundheitlichen Gründen schwer. Sie verabschiedet sich von den Ehrenamtlichen und wird in der nächsten Woche versuchen, wieder zu kommen.

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