17.06.2019 - 15:22 Uhr
ErbendorfOberpfalz

Kunstwerke unter der Haut

In Fabian Stocks Tattoo-Studio "Creation of Art" in Erbendorf arbeiten über zehn internationale Künstler. Tätowiererin Katja ist Expertin für feine Linien. Sie zaubert der 21-jährigen Lina ein Mandala auf den rechten Oberarm.

Präzise geht Tätowiererin Katja jede Linie und jeden Punkt an. Sie verewigt ein Mandala auf dem rechten Oberarm einer Kundin im "Creation of Art" Tattoo-Studio in Erbendorf.
von Lucia Seebauer Kontakt Profil

Punkt für Punkt, Linie für Linie und Strich für Strich: Mit einer Geschwindigkeit von bis zu 18.000 Hüben in der Minute arbeitet die Maschine. „Ratratratrat“ tönt der Elektromotor. Mit Präzision führt die Hand der Künstlerin das Gerät, Nadeln stechen schwarze Tinte unter Linas blasse Haut. Katja und Lina sind still. Die Kundin sitzt aufrecht auf ihrem Stuhl, versucht sich nicht zu bewegen. Ihren rechten Arm legt sie über einen in Plastikfolie eingewickelten Ständer, er ist leicht angewinkelt.

„Das schlimme ist nicht der Schmerz, sondern die ganze Zeit über in der gleichen Position zu bleiben“, sagt Lina. Die Künstlerin fixiert die Stelle auf Linas Oberarm. Jeder Handgriff von ihr muss sitzen, denn jeder Fehler bleibt in der Haut haften. Kurz vor Schluss ist sie nervös. Was passiert, wenn Lina in den Spiegel schaut, und das Ergebnis nicht mag? Doch Lina vertraut der ruhigen Hand der 27-jährigen Tschechin. Sie lässt sich von ihr schon zum zweiten Mal tätowieren. „Ich habe bereits ein Mandala auf meiner rechten Schulter.“ Direkt darunter soll Katja nun ein Weiteres im gleichen Stil setzen.

Konzentriert blickt die Künstlerin auf das Motiv. Jeder Stich von ihr muss sitzen.

Stumpfer Stift auf I-Pad

Die Kunst des Tätowierens benötigt die richtige Vorbereitung. Das zeigt sich bereits zu Beginn von Linas Termin im „Creation of Art“ in Erbendorf. Bevor die Tätowiererin zur Nadel greift, wartet die junge Frau gegen 15 Uhr auf einem Barhocker am Tresen. Ihre langen blonden Haare hat sie zu einem Zopf gebunden, sie trägt bequeme Kleidung, überkreuzt ihre Beine. Die 1,40 Meter hohe Theke trennt den Eingangsbereich von den beiden Tätowierplätzen. Gegenüber von ihr sitzt Katja. Die Tätowiererin hat ihre tätowierten Arme über ihrem I-Pad verschränkt. Zwischen den beiden winkt eine schwarze Maneki-neko (Glückskatze).

Katja malt mit einem stumpfen Stift die Skizze für Linas Tattoo. Sie zeichnet feine Linien auf das Display ihres I-Pad. Mithilfe eines speziellen Programms erstellt sie über den Touchscreen eine exakte achsensymmetrische Grafik. Während sie auf der einen Seite malt, erscheint wie durch Zauberhand der gleiche Punkt, der gleiche Strich, die gleiche Linie auf der anderen Seite des Bildes.

In der Zwischenzeit unterhält sich Lina mit Fabian, dem Besitzer des Tattoostudios. Leise schallt klassische Rockmusik durch den Raum. Fabian lässt die Hände von der Tätowiermaschine, stattdessen berät er lieber seine Kunden. "Ich war schon immer von Tattoos fasziniert. Allein in den letzten 20 Jahren ist in der Branche viel passiert. Heute sind Tattoos keine Abziehbilder mehr, sondern richtige Kunstwerke."

Fabian Stock ist seit Dezember 2016 Besitzer des "Creation of Art". Die Idee hatte er gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Diana Walther. Beide sind Tattoo-Fans. Hinter den beiden hängen zahlreiche Urkunden, die er mit seinen Künstlern auf Conventions in der Region gewonnen hat.

Auswahl aus zehn Künstlern

Seine Leidenschaft machte der 38-jährige Handwerker 2016 zu seinem Beruf. Er eröffnete den Laden in der 5000-Einwohner-Stadt als Nebengewerbe. Sein Konzept: "Wir haben einen Pool von zehn Tätowierern, die in einem regelmäßigen Turnus kommen." Dabei bringt Fabian internationale Tattookunst in die nördliche Oberpfalz: „Unsere drei Mädels und sieben Jungs kommen aus Tschechien, der Slowakei, Norwegen oder Spanien." Aus diesem Grund wird im „Creation of Art“ vor allem Englisch gesprochen.

Fabian kennt Lina gut. Auch ihr Freund und ihre Eltern haben sich bereits in seinem Tattoo-Studio stechen lassen. „Als ich 18 wurde, wollte ich auch unbedingt ein Tattoo. Nun bin ich schon bei meinem Dritten und das wird auch nicht das Letzte bleiben“, sagt Lina. Jedoch dürfen die Bilder nicht zu groß werden. Zu ihrem Termin trägt sie ein ärmelloses Top. Es zeigt, was sonst häufig verborgen bleibt: „In meiner Arbeit trage ich immer Kleidung, die meine Tattoos verdeckt.“

Fabian weiß, dass jeder Tattoo-Künstler einen eigenen Stil hat: "Es ist unmöglich, dass ein Tätowierer jedes Motiv in einer gleich guten Qualität sticht.“ Für Linas Projekt war Katja die richtige Wahl. Sie kommt drei Mal im Monat nach Erbendorf, sonst arbeitet sie in einem eigenen Studio im zweieinhalb Stunden entfernten Teplice. Sie mag Linien, florale Muster, Totenköpfe oder Comic-Motive. "Realistic" lehnt sie ab, da schickt sie sogar Kunden wieder weg. In ihrer Freizeit malt Katja auch auf Leinwand. Als die Künstlerin ihren letzten Punkt auf das Display des I-Pads gesetzt hat, hält sie das Gerät nach oben und fragt ihre Kundin: „What do you think?“ - "I like it", antwortet Lina prompt und bekommt große Augen.

Auf ihr I-Pad malt Katja ein Mandala. Durch ein Zeichenprogramm erstellt sie ein perfekt achsensymetrisches Bild.

Oberstes Gebot: Hygiene

Katja druckt den Entwurf in zwei Größen aus, geht um die Theke herum zu Lina. Sie hält die Bilder an ihre Schulter. „Do you like it smaller or bigger?“ Lina wirft Fabian einen unsicheren Blick zu, fragt nach seiner Meinung. „Ich glaube du kannst das größere nehmen, dann wirkt es besser.“ Katja führt Lina hinter die Theke zu ihrem Arbeitsplatz. Hier ist Sauberkeit und Hygiene das oberste Gebot. Die Tätowiererin zieht Einweghandschuhe an. Ihren Arbeitsplatz hat sie bereits desinfiziert, Beistelltisch, Ständer und Tätowiermaschine wurden in Plastikfolie eingepackt.

Mit einem Rasierer entfernt Katja Härchen von Linas Oberarm, mit einem Spray desinfiziert sie die Stelle, die tätowiert werden soll. Die Künstlerin drückt die Vorlage auf Linas Haut. Das lilafarbene Motiv bietet Katja Orientierung. Dann setzen sich beide hin. Katja greift hinter sich ins Regal, füllt schwarze Tinte in einen kleinen Becher, sucht sich Nadeln in verschiedenen Stärken, für feine Linien, Punkte oder Schattierungen.

Am Ende blickt Lina in einen Spiegel und begutachtet das Ergebnis ihres zweieinhalb Stunden langen Termins und freut sich über Mandala mit einem Stern in der Mitte.

Rund zweieinhalb Stunden bearbeitet Katja Linas Arm. Die Tinte reicht für wenige Sekunden, dann tunkt sie die Nadeln erneut in die schwarze Flüssigkeit. Sie arbeitet sich von außen nach innen vor. Immer wieder macht sie die Stelle an der sie eben noch gestochen hat sauber, sie muss wieder neu ansetzen. Für dicke Linien und Schattierungen benötigt Katja zum Teil 14 Nadeln gleichzeitig. Je feiner die Striche sind, desto weniger Material benötigt sie. Bei der Hälfte der Zeit spürt Lina die Nadeln, ihre Haut rötet sich. „Mein Arm ist eingeschlafen“, sagt sie, verzieht leicht ihr Gesicht. „Do you need a break?“, fragt Katja. „No“, erklärt Lina tapfer und hält durch. Am Ende wird Lina für ihr Stillhalten belohnt. Katja legt gegen halb sechs ihre Maschine beiseite, führt Lina zu einem großen Spiegel. Etwas nervös fragt sie: „What do you think?“ „I love it“, sagt Lina und hat ein großes Lächeln im Gesicht. Sie ist zufrieden mit dem Ergebnis: Aus dem Spiegel scheint ihr ein Mandala, in einem floralen Stil mit Dotwork-Elementen, entgegen, in der Mitte strahlt ein fünfzackiger Stern. Nun kann sich Lina überlegen, welches Motiv sie als nächstes auf ihrer Haut verewigen möchte.

Die Haut ist leicht gerötet. Nun muss Lina auf die richtige Pflege achten und warten bis das Bild unter ihrer Haut verheilt ist.
Ein Leben lang auf der Haut:

Im Dezember 2016 eröffnete Fabian Stock das "Creation of Art". In den vergangen Jahren haben sich zahlreiche Tattoo-Stile entwickelt: "Bei uns kann man zwischen 'Black&Grey', 'Watercolour', 'Comic', 'Realistic', Portrait, 'Cover-Up', 'Line-Work' oder 'Full Color' wählen." In seinem Studio können zwei Tätowierer gleichzeitig arbeiten. Die Künstler stechen auf selbständiger Basis. "Sie geben uns die Termine, wann sie kommen können. Es gibt Tätowierer, die sind einmal in der Woche oder einmal im Monat bei uns."

Stock berät die Kunden und entwirft mit ihnen die Skizzen. Die Kunden können sich den Entwurf vor dem Tattoo-Termin anschauen. Der Berater weist ihnen dann den Künstler zu, der am besten für ihr Projekt geeignet ist. Im Studio selbst gibt es Festpreise: "Wir fangen bei 50 Euro an. Je mehr Details verlangt werden, desto teurer wird das Bild." Wer sich stechen lassen möchte, muss mit einer Wartezeit von etwa sechs bis acht Wochen rechnen. "Viele fragen auch, ob wir piercen. Dafür ist unser Studio aber zu klein und wir bräuchten einen extra Raum."

Zu beachten gilt es zudem, dass jede Haut anders reagiert. Vor dem Stechen bezieht Stock auch die Pflege danach in seine Beratung mit ein: "Wir achten auch auf die Urlaubszeit. Mit einem frisch gestochenen Tattoo kann man nicht schwimmen gehen. Es dauert ein paar Wochen bis es verheilt ist." Zudem bemerkt er: "Ein Tattoo hat man ein Leben lang auf der Haut. Diese Entscheidung muss gut getroffen werden"

Zahlreiche Preise eingeheimst:

Auf Tattoo-Conventions knüpft Fabian Stock Kontakte zu anderen Künstlern und tritt auch im Wettbewerb gegen andere Studios an. Er besucht mit seinen Künstlern vor allem regionale Conventions wie in Weiden, Schwandorf, Amberg oder Bayreuth. "Wir wollen dadurch bekannter werden. Auf der Convention sehen die Leute die Qualität." Anfang März hat das Team aus Erbendorf auf der Tattoo-Convention in Amberg abgeräumt. "Dort erhielten wir den 'Best of Show' und den 'Best of Day'-Award. Das sind prestigeträchtige Preise, das beste, was man gewinnen kann." Zudem gab es den ersten und zweiten Platz für "Best of Realistic" und "Best of Color", sowie den ersten Preis für "Best of Small" und den zweiten Platz für "Black&Grey".

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