14.04.2019 - 15:29 Uhr
ErbendorfOberpfalz

Mülltonnen zum Klingen bringen

Musik machen mit Instrumenten, die in Wahrheit keine sind: Das kann die AG "stomp". Etwa 15 Schülerinnen und Schüler aus der Mittelschule entlocken simplen Mülltonnen Schlagzeugmusik, die sonst nur Hardrocker spielen.

Die AG "stomp" macht Musik, die einmalig in der gesamten Oberpfalz ist. Wenn nicht in ganz Bayern, sagt Bandleader und Schulleiter Peter Preisinger stolz.
von Ulla Britta BaumerProfil

Ist die AG "stomp" am Werken, wird es laut in der Mittelschule Erbendorf. Nur hat dieser Lärm nichts mit lauten Handwerksarbeiten zu tun. Vielmehr sind es Papier- und Abfalltonnen, die richtig dafür verantwortlich sind. Wobei Lärm der absolut falsche Ausdruck ist. Die Mülltonnen der AG "stomp" machen Musik.

Skurrile Instrumente

Damit dürften die 15 jungen Leute aus den fünften bis neunten Klassen die einzigen Schüler weit und breit sein, die Mülltonnen zu Musikinstrumente machen. Was die Jugendlichen lediglich benötigen, sind Drum-Sticks in stabiler Ausfertigung und ein gutes Musikgehör. Im Turnraum, wo diese geheimnisvolle Musik entsteht, stehen zudem normale Papiereimer herum, eine Alu-Haushaltsleiter, ein Schlagzeugbecken und ein China-Gong. Die Schüler setzen sich hinter ihre skurrilen Instrumente, die Sticks in Anschlag. Der Hauptverursacher dieser "Musik modern Art" heißt Peter Preisinger und ist der Schulleiter. Preisinger ist in Schulkreisen bekannt dafür, seinen Schülern einiges im Kulturbereich abzuverlangen, was nicht ins Schema "F" passt. In Waldsassen hat Preisinger lange Jahre Musiktheater mit den Kindern aufgeführt, im großen Stil. "Stomp" dagegen macht große Musik. Was schade ist: Leider nur selten treten die Schüler damit an die Öffentlichkeit. "Wir haben beim Schulfest getrommelt und auf Faschingsbällen. Einmal beim Bürgerfest", erzählen die jungen Leute stolz. Weil Musik eben nicht nur Musik ist, sondern Varianten zulässt. "Wir machen Heavy Metal", lässt Preisinger die Katze aus dem Sack. Zur Demonstration setzt sich die Band an die Tonnen. "Wumm, wumm, wumm" dröhnen die Base-Drums (Papier- und Mülltonnen) und die Snare-Drums (gewöhnliche Papiereimer). Deckel werden auf- und zu geschlagen. Die Tonnen kippen je nach Tonlage zur Seite, rhythmisch-wild schlagen die Sticks auf den harten Kunststoffteilen auf. "Wir haben nur bestes Material. Aber einige Tonnen haben wir trotzdem durchgeschlagen. Oder die Sticks zersplittern", spricht Preisinger die Intensität seiner ungewöhnlichen Musikschulszene an. Maria, die auch die Alu-Leiter "bespielt", ist die Chefin am China-Gong. Sie streicht leicht darüber, bis sich der Ton aufbaut und intensiver wird. Bald füllt der Gong den gesamten Proberaum aus. Das Blut gerät beim Einsatz der Drums in Wallung, dröhnt in den Ohren die gesamte Wirbelsäule hinab.

Mit Ohrenschützern

Man gewöhne sich an die Lautstärke, lacht Preisinger. "Sollte es laut werden, setzen wir Mickey Mäuse auf", grinst er dann und kramt die Schachtel mit Ohrenschützern hervor. Eine gute Viertelstunde, erklärt er, dauern die meisten Songs. Alle schreibe er selbst. Aber das habe nichts mit komponieren zu tun, wiegelt er bescheiden ab. Preisinger entwirft Cluster, teils sechsstimmig. Statt Noten haben die Jugendlichen sogenannte Gebetsbücher, wo sie den Takt nachlesen. Dazu dienen Sätze wie "Heute ist es wunderschön", die zu Rhythmen werden. Oder "Herr Preisinger ist ein schöner Mann". Der Schulrektor schmunzelt, die Band protestiert lautstark und alles lacht. Hier ist eine eingeschworene Truppe beieinander, mit enormer Gruppendynamik. Der Spaß steht an erster Stelle. "Entstanden", erzählt Preisinger, "ist die AG aus einer anderen Motivation heraus." Preisinger wollte seinen Schülern mit Trommeln eine Gelegenheit bieten, Aggressionen musikalisch abzubauen. "Die Idee mit den Tonnen als Drums habe ich von der berühmten 'Blue man Group' abgeschaut". Bald habe sich gezeigt, dass daraus mehr werden könne. Dann habe er die AG "stomp" gegründet.

Gutes Musikgespür

Eine kleine Elitemusikgruppe ist entstanden: Die Mädchen und die zwei Jungs haben ein gutes Musikgespür und entwickeln sich stetig weiter. Einige Schülerinnen sind einige Jahre dabei und wollen ihre AG nicht missen. "Wir lieben Heavy Metal und hören das auch privat", bestätigen zwei Neuntklässlerinnen. Einige Mitglieder spielen Instrumente, Klavier wird genannt. Eine Schülerin lernt Geige und will Berufsmusikerin werden.

Nachfolger für Preisinger

Preisinger ist stolz auf seine "stomps". Bezirkstagspräsidenten Axel Bartelt, der die AG live erlebte, habe gesagt, so etwas Fantastisches habe er noch nie gehört, erzählt der Schulrektor. Leider gibt es einen Wermutstropfen: Peter Preisinger geht im Juli in Pension. Was wird dann aus "stomp"? Natürlich habe er bereits für einen Nachfolger gesorgt, der sich kümmern werde, tröstete Preisinger seine AG-Mitglieder, die ziemlich traurig dreinschauen bei dieser weniger schönen Nachricht. Jetzt wird erst recht draufgehauen: Es lebe "stomp"!

Die grüne Tonne ist für jede "Schandtat" gut. "Hau drauf" und schon wird sie zur Basic-Drum.
Die schwarze Mülltonne kann's aber auch, was diese drei Mädchen aus der neunten Klasse live demonstrieren.
Maria gibt an der gewöhnlichen Haushalts-Aluleiter den Takt an.
Am China-Gong ist Maria ebenfalls wie an der Leiter die "Chefin". Haut sie drauf, fibriert der gesamte Turnraum.
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