22.09.2019 - 11:49 Uhr
EschenbachOberpfalz

Antony Rowley zu Gast "beim Taunbschuster": „Mundart ist Heimatliebe“

Dialekt prägt Menschen, fördert die Ausdrucksfähigkeit und ist überhaupt eine "Zusatzqualifikation", findet Anthony Rowly. Warum das so ist, erklärt der Engländer im Eschenbacher Heimatmuseum.

Gut 100 Freunde des Dialekts drängen sich Im Vortragssaal des Kulturzentrums "Beim Taubnschuster". Alle wollen sie den Sprachwissenschaftler Anthony Rowley sprechen hören.
von Walther HermannProfil

„Vergessen Sie nicht Ihre Oberpfälzer Sprache, Sie brauchen sich nicht zu schämen“, schrieb Engländer Anthony Rowley so manchem Hochdeutschfanatiker ins Stammbuch und erklärte schelmisch lächelnd: „I hob mi etz heiser gred, i brauch a Beia.“

„Haoust mi?“ prangte in großen Buchstaben im Veranstaltungssaal des Kulturzentrums „beim Taubnschuster, wo gut 100 spannungsgeladene Besucher einen besonderen Gast erwarteten. Bereits zu den Eschenbacher Mundarttagen 2018 des Heimatvereins hatte Rowley sein Kommen für 2019 zugesichert, um eine Lanze für die Mundart als gelebte Heimatverbundenheit und Gefühlssprache zu brechen. Karlheinz Keck entbot dem aus Augsburg angereisten Professor der Ludwig-Maximilian-Universität ein herzliches Willkommen und verheimlichte nicht, dass „seine liebe Frau aus Schlammersdorf stammt“.

Mit einem mitreißenden „Auf geht’s, pack mas“ entführte der Gast seine Zuhörer in das Laut bildende Reich des Dialekts. Er fand nichts Besonderes daran, als Engländer von der Kommission für Mundartforschung an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften zum Vorsitzenden der Redaktion für das Bayerische Wörterbuch berufen worden zu sein. Er wusste unter anderem von einem Bamberger, der bester Kenner englischer Dialekte ist. Der Kommission unterstellte er als Grund der Entscheidung: „Hauptsach koa Preiss!“

„Wir tun gut daran, die Dialekte ernst zu nehmen.“ Mit diesem Aufruf wandte er sich dem Stellenwert des Dialekts zu, den er sogar als vom Grundgesetz geschützt ansah. Der dort festgeschriebene Schutz der Sprache gelte auch für den Dialekt, der identitätsprägend ist. Falls erforderlich, könnte dies ein Kind in der Schule sogar einklagen. Mit Hinweis auf die Dialekt sprechenden Größen wie Goethe und Schiller legte er dar, dass der Dialekt die Ausdrucksfähigkeit nicht beeinträchtige, sie vielmehr begünstige. „Dialekt ist eine Art Zusatzqualifikation“, folgerte er daraus und setzte mit dem Nachweis „Wer Dialekt und Hochdeutsch spricht, lernt leichter eine Fremdsprache“ noch eins drauf.

Die Reaktionen aus dem Publikum ließen darauf schließen, dass es eine weitere Aussage des Sprachforschers geradezu als Wohltat empfand: „Die Dialekte Altbayerns gehören zu den beliebtesten Dialekten, sie genießen ein gewisses Prestige.“ Dazu erinnerte er an den Oberpfälzer Johann Andreas Schmeller, der vor 200 Jahren in seinem ersten philosophisch sauberen Dialektwörterbuch im Dialekt den „vollständigsten Lebensabdruck“ sah.

Die Lobpreisung des Dialekts durch den Sprachforscher gipfelten in weiteren Aussagen wie „Mundart ist Heimatliebe“, „Kultur und Geschichte spiegeln sich im Dialekt“, „Der Dialekt ist eine Fundgrube für Kulturgeschichte“ oder „Der Dialekt hat die Eigenschaft eines linguistischen Reagenzglases“. Im Gegensatz zum Hochdeutschen, „das uns von oben her angeordnet wurde“, ist der Dialekt für Rowley eine seit Generationen weitergegebene Sprachweise. In seiner Interpretation von Lehnwörtern ordnete er dem „Iata“ (Dienstag) griechischen Ursprung zu und erkannte im „enk“ (euch) eine alte germanische Dualform.

Mit einem Blick in den deutschen Sprachatlas zeigte Rowley seinen Zuhörern die Grenzen der niederdeutschen, mitteldeutschen und oberdeutschen Sprache und befasste sich mit der Bedeutung von Lautverschiebungen, insbesondere in der Oberpfalz. Die Sprachgrenzen zwischen Bayrisch und Ostfränkisch begründete er mit Territorialgrenzen seit dem Mittealter. Da der Abend auch dem Dialekt der nördlichen Oberpfalz gewidmet war, kündigte er an: „Nach diesem allgemeinen Blabla wollen wir nach der Pause spezifisch werden.“

Mit „Samma alle dou?“ eröffnete er die zweite „Runde“ mit „Bairischen Kennwörtern“ wie Irta oder Ertag, enk, bussn (küssen) oder Lacke (Pfütze) und fand begeisterte Zustimmung, als er bekannte: „In Eschenbach spricht man reinstes Oberpfälzisch.“ Er befasste sich mit dem „Eschenbacher Sprachtypus“ und zu den Abweichungen in den Räumen Tirschenreuth und Schwandorf, fand in der nördlichen Oberpfalz mehr Zwielaute und verglich das typische „ou“ mit seiner Heimat England, wo das ou zur „vornehmen Sprachweise“ gehört. Zunehmend bezog Rowley die Zuhörer in seine sprachwissenschaftlichen Betrachtungen zu einer Vielzahl von Wörtern mit ein und bezeichnete Bairisch als „grammatisch einfach“, weil es keinen Genitiv kennt, der Dativ und der Akkusativ „zusammengefallen“ sind und es nur eine Vergangenheit gibt. Als er die Schilderung einer Wanderung mit Textinhalten wie owi, vire, affe, ausse und umme aufzeigte, folgerte er ob der vielen Feinheiten: „Bairisch muss gelernt werden!“

Auf die Frage aus dem Publikum zur Zukunft des Dialekts äußerte er sich verhaltend optimistisch und räumte ein: „Er wird sich verändern.“ Mit dem Bemerken „Das tut weh“ und als sprachlichen Missstand werteten es viele Teilnehmer am Dialektabend, wenn in jungen Familien zwar Dialekt gesprochen wird, der sprachliche Umgang mit den Kindern jedoch nur Hochdeutsch erfolgt. „Die größte Gefahr sind die Kindergärten“, klagte daraufhin Rowley und hielt es für schlecht, wenn die Ausdrucksfähigkeit der nachwachsenden Generation verloren geht. Dem Vortrags im Saal schloss sich eine rege Plauderrunde im Kachelofenraum an.

Wort-und gestenreich appelliert Anthony Rowley an seine Zuhörer: "Vergessen Sie nicht Ihre Oberpfälzer Sprache, Sie brauchen sich nicht zu schämen!"
Info:

Zur Person

Der aus dem Bayerischen Fernsehen bekannte Professor an der Ludwig-Maximilian-Universität will die Herkunft und Bedeutung vieler Mundartausdrücke erklären. Als Germanist, er studierte an den Universitäten Regensburg und Bayreuth, leitet Anthony Rowley seit 1988 die Redaktion für das Bayerische Wörterbuch, das von der Kommission für Mundartforschung an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften herausgegeben wird. Rowley betitelt seinen Vortragsabend erwartungsfroh mit „Hoast mi? – Der Dialekt der nördlichen Oberpfalz“. (rn)

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Aktuell und Wissenswert

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.