12.07.2019 - 21:06 Uhr
EschenbachOberpfalz

Das große Waldsterben

Borkenkäfer erleben heuer in der Region einen Bilderbuchsommer. Die Bäume haben dadurch ein großes Problem. Für sie wandelt sich das Sommermärchen gerade zum Alptraum.

Gespenstisch wirken die Baum-Gerippe zwischen den noch lebenden Bäumen. Hitze und der Borkenkäfer setzen den Wäldern im Vierstädtedreieck zu - so wie hier in der Nähe von Hütten.
von Anne Wiesnet Kontakt Profil

Staubtrocken der Waldboden, braun und verdorrt die Wipfel vieler Nadelbäume: Die Wälder im Vierstädtedreieck kommen momentan schlecht daher: Aus einzelnen Baum-Skeletten sind an manchen Stellen ganze Pflanzen-Friedhöfe geworden. Die extreme Hitze macht den Pflanzen zu schaffen, bedauert Revierförster Martin Gottsche (Forstbetriebsgemeinschaft Eschenbach). Und dann sind da ja auch noch die Borkenkäfer.

Die winzigen Tiere nisten sich unter der Rinde im Splintholz ein, bohren dort Gänge und legen ihre Eier ab. So blockieren sie die Selbstversorgung des Baumes. Er stirbt ab. "Normalerweise wehrt sich beispielsweise die Fichte mit Harzfluss, aber dafür braucht sie Wasser", berichtet Gottsche. Das ist derzeit jedoch Mangelware. Nicht einmal zehn Liter habe es in den vergangenen zwei Monaten in der Umgebung von Eschenbach geregnet. "100 Liter in zwei Wochen wären jetzt gut", wünscht sich der Förster. Danach sehe es in dieser frühen Hitzeperiode jedoch nicht aus und so können sich die Borkenkäfer - in der Region besonders Kupferstecher und Buchdrucker - ungehindert vermehren.

Um überprüfen zu können, wie sich der Borkenkäfer-Befall entwickelt, hat Gottsche in der Nähe der Eschenbacher Kläranlage einen Kasten aufgestellt, der die Käfer mit Hilfe von Pheromonen anlockt. Innerhalb von zwei Tagen haben sich dort circa 28 000 Buchdrucker und 38 000 Kupferstecher angesammelt. Für Gottsche ein erschreckendes Ergebnis, denn es war im Vergleich zu den vergangenen, extrem heißen Wochen mit rund 20 Grad kühl. "Selbst da sind es so viele", sagt er. Bei Temperaturen konstant über 30 Grad wären es noch viel mehr gewesen, denn die Tiere mögen Wärme.

Bäume, wie Kiefern und Fichten, dagegen sind das warme Mittelmeer-Klima nicht gewohnt. Ihnen geht es momentan so, als hätte man sie ausgegraben und nach Italien verpflanzt, beschreibt Gottsche den Zustand der Pflanzen. "Der Sommer ist brutal warm, und das Ökosystem Wald kann sich nicht so schnell umstellen." Das wird auch in einem Waldstück bei Riggau deutlich, das normalerweise feucht ist. "Die Fichten haben flach gewurzelt. Jetzt kommen sie nicht mehr an Wasser ran." Die Bäume sind teils schon verdorrt und braun, Borkenkäfer haben sie zudem befallen. Sie müssen gefällt werden, erklärt Gottsche. "Ich bin gerade ein wenig erschrocken. Als ich die Stämme markiert habe, waren die Bäume noch nicht braun. Das war vor ein paar Tagen." Der Förster fragt sich oft, ob sich die klimatische Entwicklung noch aufhalten lässt. "Wenn nicht, haben wir ein Problem."

Förster Martin Gottsche ist über das Ausmaß des Borkenkäfer-Befalls erschrocken. Der Käfer hat sich in vielen Bäumen in der Region eingenistet, unter anderem auch bei Riggau. Die Bäume müssen alle gefällt werden.
Borkenkäfer-Befall erkennen:

Borkenkäfer-Befall erkennen

Sie wandern von Baum zu Baum und lassen nur noch totes Holz übrig. Waldbesitzer sollten deshalb ihre Bestände genau auf Borkenkäfer-Spuren überprüfen, rät Förster Martin Gottsche aus Eschenbach. Erste Anzeichen für einen Befall seien kleine Löcher in der Rinde und Bohrmehl, das aussieht wie Schnupftabak, auf dem Waldboden.

Wer ein Stück der Rinde entfernt, stößt auf Gänge, die der Käfer dort hineingebohrt hat, um seine Eier abzulegen. "Links und rechts vom Muttergang führen Larvengänge weg. Das erinnert an ein Buch - mit dem Muttergang als Buchrücken. Deshalb heißt dieser Käfer Buchdrucker", erklärt Gottsche. Haben die Käfer erst einmal einen Baum besiedelt, bleibt nur noch eins: fällen und aus dem Wald bringen, damit keine weiteren Bäume angesteckt werden. Natürliche Feinde habe der Borkenkäfer zwar schon, aber die Käfer-Population sei zu groß, um "mit dem Fressen hinterherzukommen".

Um die Wälder nun besser auf das warme Klima und den Käfer-Befall vorzubereiten, experimentiert der Förster in einem Waldstück bei Grafenwöhr mit bis zu 25 neuen Baumarten. "Das ist eine Versuchsfläche, auf der wir etwas probieren, auf der wir etwas probieren müssen", betont er. In dem Stadtwald wachsen Coloradotannen, Serbische Fichten, Sizilianische Tannen, Esskastanien aus dem Mittelmeer und Amerikanische Roteichen zwischen den großen Kiefern. "Ich will sehen, wie sie sich hier verhalten."

Gottsche versucht, durch das Mischen der Baumarten mehr Schatten und Stufen in den Wald zu bringen. Durch die unterschiedlichen Höhen der Pflanzen würden sich die Kiefernstämme nicht mehr so aufheizen, und der Boden bleibe feuchter. "Das ist meine Hoffnung für die Zukunft", sagt er. (spi)

Der Buchdrucker-Borkenkäfer bohrt in das Splintholz unter der Rinde Gänge, die aussehen wie ein aufgeschlagenes Buch. "Deshalb heißt der Käfer Buchdrucker", erklärt Förster Martin Gottsche.
Tausende Borkenkäfer wurden durch Pheromone in eine Messstation bei Eschenbach gelockt. Auf diese Weise hat Förster Martin Gottsche die Befallsentwicklung im Blick.
So sieht die Borkenkäfer-Messstation aus.
Die orange markierten sind nur ein paar der Bäume bei Riggau, die wegen des Borkenkäfers und der Hitze gefällt werden müssen.
In diesem Waldstück nahe Grafenwöhr experimentiert Förster Martin Gottsche mit neuen Baumarten, die in der Region bislang nicht unbedingt beheimatet waren. Er will so mehr Schatten und verschiedene Pflanzenhöhen in den Wald bringen und sehen, wie sich dieser entwickelt.

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