15.10.2018 - 15:00 Uhr
EschenbachOberpfalz

Die Heimat auf der Zunge tragen

Nicht nur mit den Feinheiten des wichtigsten Lautes der Oberpfälzer Mundart, auch mit Wörtern, die nur aus Konsonanten bestehen, begannen im Kulturzentrum „Beim Taubnschuster“ die Eschenbacher Mundarttage.

Dass Musik und Dialekt zusammenpassen, beweisen (von links) Werner Meier, Dieter Radl und Gerd Retzer bei der Eröffnung der Eschenbacher Mundarttage.
von Walther HermannProfil

Eine besondere Lehrstunde Oberpfälzer Wortbildung genossen die Zuhörer im Taubnschustersaal. Dieter Radl zelebrierte förmlich ein Hörvergnügen ohne Ende, das nach zwei Stunden zu regen Gesprächsrunden führte. Karlheinz Keck stellte den Sulzbacher als Referenten vor, der in weiten Teilen der Oberpfalz „bekannt wie ein bunter Hund“ ist. Der ehemalige Lehrer brillierte dann auch mit dem Vorstellen und dem Lobgesang auf den Oberpfälzer Dialekt, in dem er ein „Ausdrucksmittel der ganz besonderen Art“ sah, den Spötter als Sprache ohne Konsonanten und nur aus Lauten bestehend belächelten. Mit dem Umlaut „ou“, der aus der Kehle kommt und mit dem man schöne Aussprüche konstruieren kann, eröffnete Radl seine Wortspielerein und nannte als Beispiel: „A Bou mou dou, wos a Bou dou mou“ oder „Bou rouh, aner Boumer rouher aa“. Als weiteres Beispiel anderer Umlaute, die unseren Dialekt charakterisieren, zitierte er das „aou“ und wusste von einem Gespräch von zwei Experten der Heimatkunde: „Waou? Nird daou? Waou naou? Z’Legnerlouh! Daou bine fraouh!“

In „äi“ erkannte er einen weiteren auffälligen Laut, der in unserer Mundart häufig vorkommt. Zustimmung unter seinen heiter gestimmten Zuhörern fand Radl mit dem beiden Lauten „a gäih“, die einen langen hochdeutschen Satz auf die kürzeste Aussage reduzieren: „Ist das wahr, das kann ich doch gar nicht glauben!“ Kurzsprachigkeit war für ihn daher ein Kennzeichen unserer Mundart. Nicht nur Gartenfreunde erheiterte Sulzbachs Kulturpreisträger mit der Frage, wo man einen Blumentopf hinstellen sollte und die darauf folgende Antwort: „Daou nird, daou dadirdda! Daou dadirda aa! Und durt daadada aa dadirn“! Er war sich nahezu sicher, dass dies in den Ohren von Nord- und Ostdeutschen wohl das Ausrücken der Feuerwehr bedeutet.

Im Oberpfälzer Dialekt fand er auch Wörter, die nur aus Konsonanten bestehen. Ein Beweis dafür waren für ihn Brln, Dl (Dill), Mhl (Mühle) oder auch Mlch (Milch), für Nichtoberpfälzer enorme sprachliche Hürden. Radl sah im Dialekt eine Umgangssprache, eine Alltagssprache, mit großer Ausdruckskraft. Er erinnerte sich an eine Frau auf dem Land, die zum Arzt kam und auf dessen Frage „Waou doud däi Knäi wäih, Wei?“ die Antwort erhielt: „Daou douds wäi bläid wäih, häi!“ Der Arzt wusste daraufhin Bescheid: „Aha, Außenmeniskus, enorme Schmerzen!“

Der redegewandte Sprachkünstler entführte seine Zuhörer zu weiteren Feinheiten unseres Dialekts und zu den grammatikalischen Feinheiten des Konjunktivs mit seinen allseits gebrauchten Ausdrücken wie „häide, daade, waare“ und den wundersamen dnsn-Endungen: „Wenns an Brässog häin, frässadnsn“ oder „wennsnan dawischadn, prigldnsn“. Als Fortsetzung der Wortmalereien bekamen die Besucher zu hören: Wennsnan häin, daaderdsns wos a!“ „Wosnaou?“ „Fotzn!“

Dieter Radl räumte ein, dass diese Ausdrucksweise natürlich schnell in der bayerischen Schullandschaft verpönt war, da deren Gebrauch, abgewertet zu Bauern- und Gassensprache, zu verminderten beruflichen Aussichten führen würde. Die Vorgabe habe geheißen: Nur mehr Hochdeutsch! Sichtlich erleichtert zeigte er sich, dass etwa in den vergangenen 25 Jahren wieder erkannt wurde, was der heimische Dialekt, Dialekte generell, für ein wichtiges Kulturgut darstellen. Er sah in ihnen ein Stück der jeweiligen Heimat und zitierte den Regensburger Sprachwissenschaftler Dr. Zehetner mit den Worten „die Heimat auf der Zunge tragen“. Radl brach eine Lanze für den Oberpfälzer Dialekt, beschrieb ihn vielsagend als „kurzsprachig, lautmalerisch, aussagekräftig, zart und grob, humorvoll und herzlich, klar und nüchtern“ und schrieb allen regionalen Hochdeutschfanatikern ins Stammbuch: „Mundart ist gelebte Heimatverbundenheit, sie ist Gefühlssprache!“

Nach diesen einführenden Worten entführte Radl seine Zuhörer

in das „Reich“ seiner schriftstellerischen Ergüsse mit zum Teil tiefsinnigen und zum Nachdenken anregenden vor allem aber humorvollen Versen, die so manches Zwerchfell in Bewegung setzten. Für passende musikalische Begleitung sorgten Gerd Retzer und Werner Meier.

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