28.03.2019 - 08:56 Uhr
EschenbachOberpfalz

Kaum noch Telefonzellen

Telefonzellen, wie die am Bahnsteig in Weiden, sind ein seltener Anblick geworden. Waren die Häuschen einst überall anzutreffen, sind sie im Handy-Zeitalter eine wahre Rarität. Es besteht kein Bedarf mehr. Was bleibt, sind die Erinnerungen.

Nach der Ausmusterung aus dem Telefondienst hat die Telefonzelle in Kirchenthumbach neben einem neuen Anstrich eine neue Aufgabe bekommen. Jung und Alt können sich dort kostenlos an Büchern bedienen und anbieten. "Das Interesse der Bevölkerung ist groß", sagt Jan Wiltsch.
von Stefan NeidlProfil
So wie die Telefonzelle am Bahnsteig in Weiden waren die kleinen Häuschen einst überall verteilt. Heute werden sie kaum noch genutzt und verschwinden immer mehr.

Einsam und verlassen steht die Telefonzelle am Bahnsteig in Weiden. So richtig passt ihr Anblick nicht mehr in die moderne Zeit. Ein alter Kaffeebecher steht auf der Ablage im Inneren, überall sind Flecken an der Tür. Einst diente das Telefonhäuschen Reisenden zur Kommunikation mit ihren Lieben in der Ferne. Heute wird es kaum noch bemerkt.

Die klassischen Telefonzellen mit ihrem gelben Anstrich sind kürzlich komplett aus der Landschaft verschwunden. Die letzte Bayerns wurde im Oktober 2018 auf St. Bartholomä in Schöngau am Königssee abgebaut. Übrig sind nur noch freistehende, öffentliche Telefonanlagen und die Häuschen in weiß mit magentafarbenem Telekom-Dach.

In Bechtsrieth und Kaltenbrunn hat die Telekom kürzlich beschlossen, die Münzfernsprecher aufzugeben: Seit Jahren nutzte niemand die Telefone. Markus Jodl von der Telekom in Bonn erklärt: "Der Unterhalt einer Telefonzelle kostet Geld. Mit der Bundesvereinigung der kommunalen Spitzenverbände ist vereinbart, dass Gemeinden an extrem unwirtschaftlichen Standorten wegen eines Abbaus der Telefonanlagen angesprochen werden dürfen." Werden im Monat weniger als 50 Euro in einen Apparat eingeworfen, werte die Telekom dies als Indiz, dass der Wunsch nach einer Grundversorgung in der Bevölkerung nicht mehr besteht. "Wenn eine Gemeinde den Standort trotzdem erhalten will, bietet die Telekom Alternativen, beispielsweise ein Basistelefon, an." Aktuell habe die Telekom noch 17 000 öffentliche Telefone bundesweit im Betrieb - Tendenz fallend. Eine regionale Statistik führt das Unternehmen nicht.

Treffpunkt "Raucher-Höhle"

Der vielleicht bekannteste Treffpunkt von ganz Eschenbach war die alte Telefonzelle am Bildungshügel vor dem Gymnasium. Generationen von Wirtschaftsschülern und Gymnasiasten rauchten jeden Morgen an dem Häuschen eine letzte Zigarette, bevor es in den Unterricht ging. Peter Schobert, Leiter des Gymnasiums, erinnert sich gut an das mittlerweile abgebaute Häuschen: "Es war die alte Raucher-Höhle, die einzige Möglichkeit bei Regen in der Telefonzelle oder unter dem Baum daneben trocken zu bleiben."

Selbst nach ihrer Aufgabe bleiben die kleinen Häuschen beliebt. Jan Wiltsch ist SPD-Ortsvorsitzender in Kirchenthumbach. Von einem lokalen Unternehmen haben sie ein gelbes Häuschen gekauft, in den Parteifarben angestrichen und als Bücherzentrale zur Verfügung gestellt. "Alle Bevölkerungsschichten nehmen es sehr gut an. Wir haben alles vom Jugendbuch bis hin zum Reiseführer", beschreibt Wiltsch die Akzeptanz in der Bevölkerung.

Schlange gestanden

So gut wie nie auf eine Telefonzelle angewiesen, war Luhe-Wildenaus Bürgermeister Karl-Heinz Preißer: "Ich habe entweder im Büro oder zu Hause telefoniert." In seiner Gemeinde gibt es seit Jahren keine öffentlichen Apparate mehr. "Jeder Gemeindeteil hatte früher einen. In Oberwildenau gegenüber des Gasthofs Neumann, in Neudorf integriert im Bushäuschen und in Luhe am Marktplatz." Dort stand zuletzt nur noch ein Notfalltelefon, das auch irgendwann abgebaut wurde. Vermissen würde diese im Handy-Zeitalter aber keiner im Ort.

Alfons Sier ist Geschäftsführer der Stadt Vohenstrauß. Er erinnert sich noch gut an seine Zeit bei der Bundeswehr in Kümmersbruck in den 70er Jahren: "Es gab neben der Kaserne genau eine Telefonzelle. Bis ich mal mit meiner Freundin für drei Minuten telefonieren konnte, stand ich erst mal eine halbe Stunde Schlange." In Vohenstrauß ist von den fünf ehemaligen Telefonzellen keine mehr da. "Die Zellen wurden kaum genutzt und verdreckten immer mehr. Eine Dame aus dem Altenheim hat sich einmal danach erkundigt. Sie habe kein Geld für ein eigenes Telefon und hätte gerne einen Ort zum telefonieren gehabt." Die Anfrage von 2013 sei der einzige Ausdruck des Bedauern gewesen.

Jahrzehnte ungenutzt

Bestimmt seit 20 Jahren hat Christine Wolf von der Stadtverwaltung Windischeschenbach keine Telefonzelle mehr benutzt. Sie hatte noch eine alte Telefonkarte, die irgendwann abgelaufen war. Sie sitzt im Vorzimmer von Bürgermeister Karlheinz Budnik. Früher hätte es in Windischeschenbach einige öffentliche Telefone gegeben. Mittlerweile seien alle aus dem Stadtbild verschwunden. "Nachgefragt hat da nie irgendwer", sagt Wolf.

Schon seit 35 Jahren war Peter Forster, Datenschutzbeauftragter der Stadt Neustadt/WN, in keiner Telefonzelle mehr. "Einst gab es sechs Telefonzellen in Neustadt. Am Friedhof wurde schon vor Jahren die letzte abgebaut." Ob dies in Neustadt überhaupt jemand bemerkt hat, weiß er nicht. Nachgefragt habe nie jemand.

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