22.03.2019 - 15:43 Uhr
EschenbachOberpfalz

Keine Ruhe im Revier

Die Zahl der Wildunfälle hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Aber wer hat Schuld daran: Jäger, Verkehrsteilnehmer oder gar die Waldbewohner?

Friedlich steht ein Reh im hohen Gras. Erschrickt es aber, kann es Autofahrern zum Verhängnis werden.
von Marion Espach Kontakt Profil

Weder noch, meint Jäger Mario Gittler. „Es wäre zu einfach, irgendjemanden dafür verantwortlich zu machen.“ Vielmehr müsse man Menschen, Tiere, Wälder und Straßen als großes Ganzes sehen – und trotzdem jeden Faktor für sich betrachten. „Sie beeinflussen sich gegenseitig mehr, als man meint“, erklärt der 51-jährige Tremmersdorfer, dessen Jagdrevier im Seitenthal liegt.

Wer genau hinsieht, dem fällt auf: Hauptsächlich kommen Rehe und Hasen bei Wildunfällen ums Leben. „Wildschweine eher selten“, ergänzt Gittler, der Vorsitzender der Kreisgruppe Eschenbach des Bayerischen Jagdverbands ist. Das hat auch Eschenbachs Polizeihauptkommissar Werner Stopfer bemerkt. „Allein im vergangenen Jahr waren unter 445 Wildunfällen 328 Rehe.“ Von mancher Seite wird nun der Vorwurf laut, Jäger würden ihre Abschusspläne nicht einhalten. Gittler sieht das anders: „Ich glaube kaum, dass sich jemand absichtlich nicht daran hält.“ Vor allem, weil das Nicht-Einhalten der vorgeschriebenen Zahlen mit einer Geldstrafe geahndet werde. „Und wer riskiert schon freiwillig Bußgeld?“ Auch Hauptkommissar Stopfer ist vorsichtig: „Ich würde mich zurückhalten,so eine Aussage zu treffen.“ Eine Aussage, die Stopfer immer wieder von Jagdpächtern höre, sei, dass sowieso viele Tiere auf der Straße ums Leben kämen und deshalb nicht erlegt werden müssten. Wie hoch die jeweiligen Abschusszahlen sind, legt das zuständige Landratsamt fest und hängt von der Größe des Reviers ab.

Woran die steigende Unfallzahl nun liegt, können weder Stopfer noch Gittler mit Gewissheit sagen. Eine mögliche Ursache sieht der Jäger aber in den Instinkten der Tiere. „Rehe sind Fluchttiere. Wenn die Angst haben, wollen die einfach nur weg. Dann ist es ihnen egal, ob der einzige Weg über eine Straße führt – und schlimmstenfalls ein Auto kommt.“ Nicht umsonst würden Strecken, die Rehe in Gefahrensituationen wählen, „Fluchtwege“ heißen.

Eine Möglichkeit wäre nun, diese Wege für die Tiere unattraktiv zu machen. „Was wir schon mit Warnreflektoren an Straßenrändern versuchen“, erklärt Gittler. Die Lösung schlechthin sei das aber nicht. „Rehe laufen nicht einfach irgendwo entlang, sondern haben ihre Fluchtwege. Schon Generationen vor ihnen waren dort unterwegs und haben die sozusagen vorgegeben.“ Die Tiere hätten diese Wege verinnerlicht und sie von den Gewohnheiten abzubringen, sei nicht einfach – und fraglich, ob es überhaupt etwas bringen würde. Was seiner Meinung nach die Zahl der Unfälle dauerhaft senken könnte, sind Wildäcker: Flächen, die Jäger mit dem bepflanzen, was Rehe gerne fressen. „Sie sind eben Feinschmecker“, erklärt Gittler. Extra angesäte Gräser, Kräuter, Klee, Löwenzahn und Brombeersträucher sollen die Tiere davon abhalten, auf ihrer Nahrungssuche vielbefahrene Straßen überqueren zu müssen.

Auch wenn Wildäcker nicht groß sein müssen: Sie kosten Zeit und Geld. „Und dann muss man erstmal eine geeignete Fläche finden, die man pachten kann. Das ist momentan schwierig.“ Ein Wildacker muss außerdem mit attraktivem Nahrungsangebot punkten. „Dafür muss ein Jäger seine Tiere und ihre Vorlieben genau kennen. Und das bedeutet, viele Stunden im Revier zu verbringen und sie zu beobachten.“

Jäger können aber nicht alles beeinflussen und verändern – beispielsweise die Tatsache, dass immer mehr Menschen in Wäldern unterwegs sind. Pilzesammler, Spaziergänger und Radfahrer würden Rehe verschrecken. Hier komme man wieder zum Instinkten der Tiere zurück: „Sie ergreifen vor den ,Eindringlingen’ die Flucht. Und welchen Weg nehmen sie dabei? Den gewohnten Fluchtweg“, erläutert Revierinhaber Gittler. So wenig, wie es einen Schuldigen für vermehrte Wildunfälle gibt, so wenig gibt es die optimale Lösung für das Problem. Dennoch muss eine gefunden werden, was für Stopfer eine Gemeinschaftsaufgabe von Polizei, Jagdpächtern, Landratsamt und Straßenbaulastenträgern ist.

Mehr Rehe als Wildschweine:

Mario Gittler ist schon lange genug Jäger, um zu wissen: Wildschweine sind schlau. „Schlauer als Rehe“, erklärt er. Die Intelligenz der Borstentiere sei einer der Gründe, warum sie seltener überfahren werden als langbeinige Waldbewohner.

„Sie machen einen Fehler nur einmal. Kommt ein Schwarzkittel auf der Straße ums Leben, merken sich das seine Artgenossen und meiden in Zukunft dieses Stelle.“ Wildschweine seien sogar in der Lage, diese Information durch bestimmte Laute und ihre Körpersprache weiterzugeben. „Wildschweine sind verdammt menschlich.“ Der tierische Austausch scheint zu wirken: Höchstens einmal im Jahr fällt ein Wildschwein aus Gittlers Revier im Seitenthal dem Straßenverkehr zum Opfer.

Wildschweine sind außerdem, im Gegensatz zu Reh und Hirsch, keine Fluchttiere. „Das haben sie nicht nötig. Nicht mal der Wolf wäre für sie ein Feind.“

Brennpunkte:

Wenn es um Wildunfälle geht, kennt Eschenbaschs Polizeihauptkommissar Werner Stopfer die Brennpunkte in seinem Zuständigkeitsbereich ganz genau. Besonders oft kommen sich Mensch und Tier auf der B 470 von Kirchenthumbach nach Auerbach und auf der B 299 von Hütten in Richtung Freihung in die Quere. „Von Eschenbach nach Holzmühle ist auch so ein Schwerpunkt.“ Wie sich die Unfallzahlen für den Eschenbacher Bereich insgesamt und unabhängig von der Tierart in den letzten Jahren entwickelt hat, zeigt eine polizeiliche Statistik: Im Jahr 2009 waren es 337 Unfälle; 2010: 320; 2011: 276; 2012: 346; 2013: 379; 2014: 347; 2015: 457; 2016: 430; 2017: 408; 2018: 445.

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