31.03.2020 - 13:11 Uhr
EschenbachOberpfalz

Der "Realschul-Papa"

Am 1. April 1895 wurde in Fürth Otto Bogendörfer geboren. Noch vor Kriegsausbruch ließ er sich als Steuerberater in Eschenbach nieder. Sein 125. Geburtstag gibt Anlass, an sein weitblickendes Wirken vor gut 70 Jahren zu erinnern.

Otto Bogendörfer.
von Walther HermannProfil

Bogendörfer bereitete den Boden dafür, dass am 20. September 1948 der Unterricht an der Privaten Realschule (heute Gymnasium) beginnen konnte. Den Samen, der seither reiche Früchte bringt, brachten Edmund und Dr. Elfriede Langhans ein.

Ein Zeitzeuge des damaligen Geschehens hinterließ dazu die Zeilen: „Der Initiator, Denker, Organisator und Vollstrecker, hier in Eschenbach die Vorstufe einer höheren Schule gegründet zu haben, war Otto Bogendörfer. Er hat dreieinhalb Jahre, von der Gründung 1948 bis zu seinem Abgang, mit selbstlosem Einsatz, keine Mühe und Arbeit scheuend, als Vorstand des Schulvereins erfolgreich gewirkt. Ihm, den aufopfernden Eltern des Altlandkreises Eschenbach, den begabten, lernwilligen Schülern und der Bereitschaft des sudetendeutschen Ehepaares Langhans, bei der Neugründung einer höheren Schule mitzuarbeiten, ist die Existenz des heutigen Gymnasiums Eschenbach zu verdanken.“

Als ältestes Schuldokument gilt wohl ein Schreiben Bogendörfers vom 8. Juli 1948 an „Herrn Studienrat Langhans, Metzenhof“ (siehe Infokasten). Was folgte, war ein Gespräch in der Einzimmerwohnung der Familie Langhans, bei dem der Entschluss gefasst wurde, zu Beginn des Schuljahres 1948/49 mit dem Unterricht zu beginnen.

Der Raum wurde zur Kernzelle einer Bürgerbewegung, in der sich bildungsbewusste Eltern zusammenschlossen. Am 23. November 1948 hoben sie schließlich den Schulverein als Träger der Privaten Realschule Eschenbach aus der Taufe. Zu ihrem Vorsitzenden wählten die 60 Gründungsmitglieder Otto Bogendörfer.

Vielfach angezweifelt und belächelt, teilweise sogar angefeindet, schuf dieser bei unzähligen Verhandlungen und Besprechungen, Fahrten und Telefonaten mit Eltern, Kommunen, Landratsamt, Regierung und Staatsministerium die Voraussetzungen für den Unterrichtsbeginn. Nahezu wöchentlich fuhr er mit seinem Auto auf damals noch holprigen Landstraßen nach Regensburg, während Landrat und MdL Josef Prüschenk beim Kultusministerium nachhakte. Dessen Forderungen nach vollgeprüften Lehrkräften in Mathematik und Deutsch erfüllte das Ehepaar Edmund und Dr. Elfriede Langhans.

Bürgermeister Josef Decker und sein Mitarbeiter Rudolf Regner gingen im Stadtrat daran, ein Konzept für Schulräume zu entwickeln. Bewusst wurde das Vorhaben nicht an die große Glocke gehängt. Der Speinsharter Prior Gereon Motyka beabsichtigte nämlich, in Eschenbach eine vierklassige Mittelschule zu errichten. Auch in Grafenwöhr sollen Bestrebungen zur Gründung einer Mittelschule bestanden haben.

Während Bogendörfer, Decker und Langhans in der Endphase der Vorbereitungszeit bei der Bezirksregierung vorstellig wurden, wandte sich Landrat Josef Prüschenk an das Ministerium und erreichte durch seine Hartnäckigkeit die denkwürdige mündliche Zusage: „Dann fangt’s halt an.“ Von der Idee bis zur Verwirklichung der Privaten Realschule waren nur zweieinhalb Monate vergangen: eine beachtliche Leistung der Männer der ersten Stunde unter ihrem "Motor" Otto Bogendörfer.

Innerhalb kurzer Zeit meldeten sich 36 Schüler zu dem Unterricht, der in einem Nebenzimmer des damaligen „Ottoheimes“ (heute Getränkekontor Siegler) begann. Großes Interesse und wertvolle Unterstützung brachten einflussreiche Lehrkräfte der Volksschule der neuen Bildungseinrichtung entgegen.

Sowohl im Stadtrat als auch unter den weiteren Lehrkräften der Volksschule gab es aber auch Gegner, denen die Existenz einer höheren Schule nicht passte. Einige meinten, man sei bisher auch ohne eine solche ausgekommen, und die wenigen Mädchen und Buben, die für eine höhere Schule in Frage kämen, müssten eben auswärtige Einrichtungen besuchen.

Die Intrigen, derer sich Otto Bogendörfer und die leitenden Lehrkräfte erwehren mussten, rissen nicht ab: Bogendörfer wurde verspottet, verhöhnt, belächelt und sogar beschimpft. Es erschien gar ein Leserbrief in der damaligen Eschenbach-Auerbacher Volkszeitung, in dem ohne Angabe des Namens die Stadt gewarnt wurde, sich bei der Unterstützung der Schule zu engagieren.

Grund war wohl, dass Bogendörfer für die damalige Zeit einige „Mängel“ hatte: Er gehörte der evangelischen Kirchengemeinde an, war FDPler und zugezogener Franke. Und das Ehepaar Langhans musste sich, als es um die Frage der Religionszugehörigkeit ging, vom damaligen Stadtpfarrer abwertend sagen lassen: „Sie sind nicht römisch-katholisch, Sie sind nur böhmisch-katholisch.“

Die fortdauernden Intrigen ließen Otto Bogendörfer, der als „Realschul-Papa“ in der damaligen Schulgeschichte eine Schlüsselrolle einnahm, am 10. November 1951 als Vorsitzender des Schulvereins zurücktreten. Es folgten ihm im Amt Hans Scherm, Landrat Josef Decker, Regierungsrat Paul Kamm, Notar Dr. Alois Eberl und Hans Oberndorfer.

Otto Bogendörfer schrieb am 8.Juli 1948 diesen Brief an "Herrn Studienrat Langhans".
Im Blickpunkt:

"Und nun der Plan"

Das Schreiben Otto Bogendörfers vom 8. Juli 1948 im Wortlaut:

„Sehr geehrter Herr Studienrat! Vor einigen Monaten hatte ich das Vergnügen, Sie im Hause des Herrn Metzgermeisters Kaufmann in Kirchenthumbach kennen zu lernen, wo sie der Tochter Nachhilfeunterricht erteilten. Aus diesem Grunde habe ich im Rahmen des nachstehenden Planes an Sie gedacht:

Unsere Tochter Ingrid hat in dieser Woche die Aufnahmeprüfung in die Oberschule für Mädchen in Weiden gemacht. Ich war bei dieser Gelegenheit erstaunt, dass von Eschenbach u. U. verhältnismäßig viele Mädchen angemeldet waren. Spontan haben wir zugehörigen Eltern die Frage erörtert, ob es denn nicht möglich wäre, unsere Kinder zunächst in einer Art Privatunterricht zuhause unterrichten zu lassen und sie erst dann in die dritte oder vierte Klasse nach Weiden zu geben.

Dieser zunächst noch vollkommen unklare Wunschtraum wurde aber in festere Formen noch am gleichen Abend überführt, nachdem ich wiederum rein zufällig am Bahnhof in Pressath den Herrn Kreisschulrat Dimpfl traf und ihn dahingehend zu Rate zog, ob es behördlicherseits zulässig wäre, wenn man eine kleinere Gruppe von Kindern im Form von Privatunterricht zum Eintritt in eine höhere Mittelschulklasse vorbereiten ließe und diese dann während dieser Zeit den offiziellen Schulunterricht nicht besuchen würden.

Die Auskunft des Herrn Kreisschulrates war die: Er wundere sich im Allgemeinen darüber, daß man im Landkreis Eschenbach nicht schön längst eine sogenannte „Zubringerschule“ aufgemacht habe, wie dies z. B. in Waldsassen schon seit Jahren durchgeführt sei. Die Möglichkeit sei ohne weiteres gegeben, wenn die Lehrkräfte im Besitze der wissenschaftlichen Voraussetzung für Erteilung des Unterrichts sind und „säuberungspolitisch“ nicht mehr belastet sind, wie als Mitläufer. Zuständig für die Genehmigung: Regierung der Oberpfalz, Ministerialbeauftragter für höhere Schulen.

Und nun der Plan: Wir bilden hier in Eschenbach eine Privatschule für zunächst die erste Klasse der Oberschule. Auszubauen bis vielleicht einschließlich 3. Klasse. Grund: Im Alter von 13/14 Jahren kann man Kinder schon ruhiger täglich nach Weiden fahren lassen, wie im Alter von 10 Jahren.

Schulraum: Nebenzimmer des „Ottoheims“, oder andere von der Gemeinde Eschenbach zur Verfügung gestellte Schulräume. Einrichtung: Stellt Stadt Eschenbach (nach Rücksprache mit dem Bürgermeister) zur Verfügung, desgl. Lehrmittel, so weit sie aus dem Inventar der Volksschule verfügbar sind.

Lehrkraft oder Lehrkräfte: Sie, Ihre Frau Gemahlin, evtl. Studienrat Engel o. a.; zunächst habe ich aus dem Grunde an Sie gedacht, wenn Sie ja seinerzeit bei Kaufmanns einen ziemlich universellen Unterricht erteilten, von der engl. Sprache angefangen bis zur Physik. Allerdings weiß ich natürlich nicht, für welche Fächer Sie offiziell in Frage kommen würden. Aber – hoffentlich klappt die Sache in dieser Hinsicht.

Schülerzahl und Finanzierung: Ich gehe von folgender Erwägung aus: Wenn Eltern ihre Kinder z.B. nach Weiden oder sonst irgendwohin in Pension geben müßten, dann kostet sie das im Monat rund 100 DM. Das können sich heute nur wenige leisten. Aber sie können häufig 30 bis 40 DM aufwenden.

Die Schülerzahl dachte ich mir für die eine Klasse mit 10 bis höchstenfalls 20 Kindern. Diese kommen in Eschenbach mit Kirchenthumbach und Speinshart m. E. leicht zusammen, man müßte m. E. gar nicht auf Grafenwöhr zurückgreifen. Alles Übrige sind technische Einzelfragen, die bestimmt zu lösen wären.

Ich möchte Sie nun bitten, verehrter Herr Studienrat, sich zu diesem Plan im Prinzip zu äußern. Wenn Sie meinen, daß man den Gedanken weiterspinnen könnte, dann wäre ich gerne bereit, die Sache in Verbindung mit Ihnen weiter voranzutreiben. Meines Erachtens besteht durchaus die Möglichkeit, die erste Klasse termingerecht bis 1. September dieses Jahres eröffnen zu können.

Für möglichst baldige grundsätzliche Stellungnahme Ihrerseits wäre ich Ihnen dankbar. Beste Empfehlungen! Ihr sehr ergebener Otto Bogendörfer. (rn)

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