15.06.2018 - 08:45 Uhr
EslarnOberpfalz

Eslarner mit Fernweh

Im 19. Jahrhundert finden die Geschwister Wildenauer in Amerika eine zweite Heimat, kehren aber nach 30 Jahren wieder nach Eslarn zurück.

Aufgrund ihres Arbeitsverhältnisses als Kellnerin erhielt Kathi Wildenauer am 21.5.1962 vom Landratsamt Vohenstrauß einen Fremdenpass mit der Staatsangehörigkeit "Staatenlos".
von Karl ZieglerProfil

Im 18. und 19. Jahrhundert wanderten aus Deutschland viele ins Traumland Amerika in der Hoffnung aus, dort ein besseres Leben und vor allem Arbeit zu finden. Die weite Reise nahmen auch einige Eslarner, wie Angehörige der Familie Wildenauer und Bayer auf sich. Nach 30-jährigen Aufenthalt zog es manche wieder zurück in die Heimat, andere dagegen hatten nach einem kurzen Gastspiel vom schlichten Landleben genug und zogen erneut in die Großstadt Chicago.

An eine überlieferte Geschichte von der Sehnsucht nach unbegrenzten Möglichkeiten in Amerika und dem ländlichen Leben in der Oberpfalz erinnerten sich Otto und Erhard Wildenauer. Mit Hilfe der Geburts- und Sterbedaten konnte Erhard Wildenauer vom Markt Eslarn über "State of Illinois/USA" und über eine genealogische Datenbank einiges über das Leben und Schicksal der nach Amerika ausgewanderten Cunigunda und Michael Wildenauer in Erfahrung bringen. Der Eslarner Michael Wildenauer erblickte am 31. März 1872 an der Bergstraße das Licht der Welt. Dort wurde auch seine Schwester Cunigunda, die von der Familie "Cora" gerufen wurde, geboren. Beide machten sich im jungen Alter wie viele der Landbevölkerung auf die weite Reise nach Amerika. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, in dem sozusagen Tellerwäscher zu Millionären werden oder auch umgekehrt, erhoffte sich so mancher ein besserer Leben.

In die USA ausgewandert waren bereits die vier Enkeltöchter aus erster Ehe ihres Vaters. Aber auch die Schwestern Margarete und Anna Maria von Michael Bayer von der Kellergasse fanden im Raum Kansas City eine neue Heimat. Diesen Drang nach einem besseren und vor allem leichteren Leben verspürten vor allem Menschen in ländlichen Gebieten. Die Auswanderungswelle führte teilweise dazu, dass in manchen amerikanischen Städten bis zu 20 Prozent der Bewohner deutsche Vorfahren hatten. In Chicago, in der sich viele deutsche, irische und osteuropäische Einwanderer seßhaft machten, fanden die Neubürger zahlreiche Jobs. Die Eslarnerin Cora Wildenauer heiratete am 13. Oktober 1892 den ebenfalls aus Eslarn stammenden Michael Josef Bayer und Michael Wildenauer die Amerikanerin Anna Brixen. Deren Vater war in Deutschland geboren und die Mutter stammte aus Illinois. Das Ehepaar Anna und Michael Wildenauer und ihre Kinder Edwin, Annie und Kathi lebten in Grayslake, einem nördlichen Vorort von Chicago.

Aufgrund einer schweren Tuberkulose starb Ehefrau und Mutter Anna Wildenauer am 9. November 1918 im Alter von 34 Jahren und Ehemann und Vater Michael sah für sich und seine Kinder in den USA keine Zukunft mehr. Nach einer langen Fahrt mit dem Schiff und dem Zug kamen die Wildenauers am 1920 in Eslarn an. Für den 12-jährigen Sohn Edwin, der kein Deutsch sprach, war der Wechsel von der pulsierenden Großstadt Chicago und dem friedsamen Ort in der idyllischen Oberpfalz ein großer Schock.

Nach vier Jahren bekam der 16-Jährige immer mehr Heimweh nach Chicago und am 1. Dezember 1924 machte er sich alleine auf dem Weg zurück in sein Amerika. Eine mutige Entscheidung für den Jugendlichen mit dem Bockl-Zug nach Weiden und weiter nach Hamburg, sowie mit dem Schiff über den Atlantik nach New York zu reisen. In Amerika angekommen ging es wieder mit dem Zug nach Chicago. Die beiden Mädchen, die 17-jährige Annie und die 14-jährige Kathi lebten dagegen als US-Staatsbürger mit ihrem Vater in Eslarn, heirateten nicht und hatten als Amerikanerinnen kein Wahlrecht. Vater Michael heiratete 1921 die Eslarnerin Franziska Kleber vom Tradweg und bewirtschaftete mit seiner Frau eine Landwirtschaft. Aus der Ehe gingen drei Söhne hervor, von denen im Kindesalter zwei verstarben und nur der jüngste Josef Wildenauer überlebte.

Nach dem Tod von Vater Michael Wildenauer 1929 blieb Anni bis zu ihrem Tod bei ihrer Stiefmutter Franziska und half in der Landwirtschaft. Dagegen verbrachte Kathi ihre Kindheit bei ihrer Großmutter Katharina Wildenauer auf der ehemaligen Haberlmühle. Zudem arbeitete Kathi als Magd auf dem Schindlerhof in Gmeinsried und später als Hausgehilfin in den Gasthöfen "Wienerhof" in Eslarn und „Weißes Kreuz" in Waidhaus. Aufgrund ihres Arbeitsverhältnisses erhielt Kathi am 1962 vom Landratsamt Vohenstrauß einen Fremdenpass mit der Staatsangehörigkeit "Staatenlos" ausgestellt.

Ein Zufall wollte es, dass eines Tages der Bruder der beiden Geschwister als Soldat der US-Armee in Eslarn auftauchte. Nachdem die US-Truppe aus Eslarn im Mai 1945 in Richtung Osten abgezogen war, kam eine Nachhut der Amerikaner nach Eslarn. Dieser Truppe gehörte zufällig auch "Edwin" an, erinnerte sich Otto Wildenauer. Da die US-Armee in der Regel keine Soldaten mit derartigen familiären Hintergründen an der betreffenden Front einsetzt, war es den Verantwortlichen der Truppe entweder nicht bekannt oder Edwin hatte einen verständnisvollen Vorgesetzten. Es grenzte schon an ein Wunder, dass Edwin trotz der langen Kriegszone von der Ostsee bis Osterreich bei seinen Schwestern in Eslarn gelandet war. Bevor die drei Geschwister starben, kam es 1980 noch einmal zu einem Treffen in Eslarn.

Die Schwestern Annie (oben) und Kathie (unten) kehrten 1920 mit ihrem Vater Michael Wildenauer aus Amerika nach Eslarn zurück.

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