Eslarn
04.10.2018 - 08:25 Uhr

Großen Schlachten auf der Spur

Im Jahr 1742 marschieren rund 150.000 Soldaten im Grenzland auf. Österreich verschanzt sich gegen Frankreich und nutzt die in Eslarn vorhandenen Befestigungen. Die Tillyschanz hat da jedoch schon eine über hundert Jahre alte Geschichte.

Inmitten der Tillyschanz erfahren die Teilnehmer exakt 400 Jahre später allerhand Details aus der Schreckenszeit des Dreißigjährigen Kriegs. Bild: fjo
Inmitten der Tillyschanz erfahren die Teilnehmer exakt 400 Jahre später allerhand Details aus der Schreckenszeit des Dreißigjährigen Kriegs.

Der grenzübergreifende Sonntags-Spaziergang in den Böhmerwald mit Pfarrer Georg Hartl stieß auf überregionales Interesse. Auch Kreisheimatpfleger Peter Staniczek aus Vohenstrauß beteiligte sich. Vom Eslarner Ortsteil Goldberg aus ging es los. Kurz vor der Grenzlinie erfuhr die Gruppe mitten in einer Vierung des Schanzgeländes Wissenswertes über den Dreißigjährigen Krieg; über Tilly und Mansfeld.

Die auf den Weiler und die Passstelle übergegangene Bezeichnung ist bis über Nürnberg hinaus geläufig: Tillyschanz. Dabei trägt der zu Eslarn gehörende Ortsteil den Namen fast zu unrecht. Freilich lagen sich die bayerisch-ligistische Armee unter Tilly und die Unionstruppen unter Mansfeld an der Grenze wochenlang gegenüber und lieferten sich Stellungskämpfe; aber nicht bei Eslarn, sondern zwischen Waidhaus und Rozvadov. Das macht aber nichts, denn die in Tillyschanz erhaltenen Überreste zählen aufgrund der kniffligen Struktur und der äußerst langen Nutzung zu den faszinierendsten und beachtlichsten Feldbefestigungen in Bayern.

Die Reste grenzen unmittelbar an die Staatsstraße Richtung Landesgrenze und sind gut erschlossen. Beeindruckend ist nach wie vor die Geschützstellung (Batterie) am nördlichen Abschluss, welche direkt bis an die Grenze zu Tschechien heranreicht. Aber erst vor rund 25 Jahren befassten sich Experten mit einer exakten Vermessung und erstellten Pläne. Auf der Wallkrone konnten dabei noch geringe Spuren einstiger Aufbauten festgestellt werden. Der ansonsten für vergleichbare Feldschanzen übliche Außengraben fehlt. Bei der intensiven Erforschung ließ sich nachweisen, dass die Anlage durch ein Ausschaufeln - von innen nach außen - entstand. Aktuell bestätigt die Wissenschaft jene seit 1926 aufgeworfene These der Datierung ins Jahr 1611, also noch vor dem Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges. Ähnliches gilt für die Namensgebung, denn die Eslarner Schanze erhielt erst vor gut 200 Jahren - im Zuge der damaligen Geschichtsschreibung - den Zusatz „Tilly“.

Mit all diesen Aussagen beschäftigte sich der Historiker Hermann Kerscher vom Grabungsbüro Ingolstadt vor wenigen Jahren mit großer Leidenschaft und gelangte dabei tatsächlich zu enorm erstaunlichen Erkenntnissen. Die Wortwahl in der Anordnung des kurfüstlich pfälzischen Regierungsbaumeisters Heinrich Stumpf mit Datum vom 18. März 1611 brachte den Fachmann auf die richtige Fährte. War dort nicht von einem „Beginn der Arbeiten an der Grenze beiderseits der Straße nach Eisendorf“ die Rede? Ergänzend ergaben seine Recherchen eine Bauzeit von 66 Tagen, während für eine fast zeitgleich entstandene Anlage bei Waidhaus 34 Tage genügten. Das Hinzuziehen alter, noch handgezeichneter, Landkarten bestätigte schließlich die Vermutung einer ehemals doppelseitigen Anlage: „Die alte Straße nach Böhmen verlief damals und noch lange danach zwischen den beiden Schanzen.“ Der südliche Teil ist längst verschwunden, ließ sich jedoch mittels verschiedener Ansatzpunkte sehr umfangreich auf Papier rekonstruieren.

Kopfzerbrechen bereitete den Historikern die Ausrichtung gegen Westen im Umgriff. Doch auch hier kam die Forschung zu einem wesentlichen Lösungsansatz. Die Nutzung der Anlage lässt sich über die Jahrzehnte hinweg in vier Hauptbauphasen einteilen. Zum Beginn stand 1611 die Sicherung als Nebenübergang der Hauptroute zwischen Nürnberg und Prag, als in ganz Europa die Zersplitterung der Landstriche und Menschen in großem Tempo voranschritt. Der Augsburger Religionsfrieden des Jahres 1555 hielt nicht lange, denn immer mehr verschärften sich die konfessionellen Gegensätze, was 1608/09 die Fronten beider christlichen Seiten enorm verhärtete. Die Protestanten vereinigten sich zur „Union“ und die Katholiken Mitteleuropas zur „Liga“ inklusive der Aufstellung entsprechender Heere.

Während des Dreißigjährigen Krieges geschah dann der Umbau der Eslarner Schanze zu einer Bastion, was sich mit Bauberichten in den Jahren zwischen 1629 und 1647 belegen lässt. Für den Beginn des 18. Jahrhunderts wird aufgrund des Spanischen Erbfolgekriegs von einer erneuten Anpassung der Anlage ausgegangen. Aufbauend auf der nunmehr gegebenen Kriegsgefahr und der Bedrohung aus dem habsburgischen Böhmen. Kaum 40 Jahre später dürfte eine neue Situation der Grund zur entscheidenden Drehung bei der Ausrichtung der Schanzen gewesen sein. Im österreichischen Erbfolgekrieg kam die Gefahr nun aus Westen und tatsächlich lagen sich in der Region von August bis Oktober 1742 zwei riesige Heere gegenüber.

Die Quellen geben eine Stärke von rund 84 000 Soldaten für die Armee Österreichs an und rund 62 000 Franzosen sollen von westlicher Seite aufmarschiert sein: Eine für das zu allen Zeiten dünn besiedelte Grenzland unvorstellbare Menschenmenge im Größenformat von zwei Fußballstadien heutiger Bundesligaverhältnisse. Trotzdem konnte das französische Heer nicht wie vorgesehen über Waidhaus ins damals österreichische Böhmen vordringen. Der noch in voller Gänze bestehende Pfrentschweiher bot eine große natürliche Barriere. Und der Waidhauser Übergang konnte durch die rechtzeitige Fertigstellung der „Pandurenschanze“ gesperrt werden. Experte Kerscher zieht aus diesen belegbaren Sicherungsmaßnahmen den Schluss, dass auch die Eslarner Tillyschanze ausgebaut wurde. Nicht zuletzt, weil der französische Angriff nach Norden in Richtung Mähring auswich. Aufgrund der landschaftlichen Situation brachte die Erweiterung der vorhandenen Eslarner Schanzanlagen auf bayerischer Seite für die Österreicher erhebliche Vorteile mit sich. Hätte dieselbe Wirkung auf böhmischen Boden erreicht werden sollen, wäre eine gänzliche Neuanlage ein ganzes Stück weiter östlich erforderlich geworden, was zudem den Grenzort Eisendorf den Angriffen schutzlos ausgeliefert hätte.

Auf dieser Überlegung gründet der Archäologe die Umkehr der Abwehrfunktion gegen Westen. Gerade durch seine Forschungsarbeit konnten viele Details zur Geschichte der Eslarner Tillyschanze hinzugefügt werden. Für die Teilnehmer ging es nach dem Besuch der Tilly-Schanzen nach Eisendorf. Kaum jemand kannte diesen Ort. Alle bewunderten deshalb besonders das über vier Meter hohe, in Balkenform gegossene Eisenkreuz - aus der bischöflichen Eisengießerei Rozmital mit dem 130 kg schweren Christuskorpus, ebenfalls aus Metall. Es ist nach der gut lesbaren Inschrift vor 113 Jahren eingeweiht worden. Beglückt mit vielen neuen Eindrücken konnten die Sonntagsspaziergänger auf dem Rückweg der Versuchung einer Einkehr nicht widerstehen, und tauschten sich noch lange in der gemütlichen Gaststätte auf tschechischer Seite aus.

In genialer Harmonie ergänzen sich Pfarrer Georg Hartl und Kreisheimatpfleger Peter Staniczek (von links) bei den Informationen für die vielen Teilnehmer. Bild: fjo
In genialer Harmonie ergänzen sich Pfarrer Georg Hartl und Kreisheimatpfleger Peter Staniczek (von links) bei den Informationen für die vielen Teilnehmer.
Die Spaziergänger bewundern besonders das über vier Meter hohe, in Balkenform gegossene Eisenkreuz aus der bischöflichen Eisengießerei Rozmital mit dem 130 Kilogramm schweren Christuskorpus, der ebenfalls aus Metall gefertigt ist. Bild: fjo
Die Spaziergänger bewundern besonders das über vier Meter hohe, in Balkenform gegossene Eisenkreuz aus der bischöflichen Eisengießerei Rozmital mit dem 130 Kilogramm schweren Christuskorpus, der ebenfalls aus Metall gefertigt ist.
Ausgangspunkt der Sonntagstour ist der Eslarner Ortsteil Goldberg. Rund um die 1985 erbaute Goldbergkapelle geht es los mit den umfangreichen Informationen beim "Sonntags-Spaziergang". Bild: fjo
Ausgangspunkt der Sonntagstour ist der Eslarner Ortsteil Goldberg. Rund um die 1985 erbaute Goldbergkapelle geht es los mit den umfangreichen Informationen beim "Sonntags-Spaziergang".
An einer Hauswand im Weiler Tillyschanz bewundern die Spaziergänger ein Bild von "Tilly", der im Dreißigjährigen Krieg eine entscheidende Rolle ge spielt hat. Bild: fjo
An einer Hauswand im Weiler Tillyschanz bewundern die Spaziergänger ein Bild von "Tilly", der im Dreißigjährigen Krieg eine entscheidende Rolle ge spielt hat.
 
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