11.10.2019 - 17:22 Uhr
EslarnOberpfalz

Natura-2000-Gebiete im Landkreis Neustadt/WN: Schatzkästchen unserer Heimat

Wer im Landkreis Neustadt/WN radelt oder wandert, kann echte Naturschätze erleben – wenn er sie denn erkennt. Einige liegen in den 14 Natura-2000-Gebieten zum Schutz europäischer Lebensräume und Arten im Landkreis. Eine Entdeckungstour.

von Sonja Kaute Kontakt Profil

„Wald halt“, könnte man denken, wenn man im Landkreis im Grünen unterwegs ist. Baum reiht sich an Baum, darunter Gebüsch, durchsetzt von Lichtungen und Wiesen. Andreas Hermer, Gebietsbeauftragter Natura 2000 beim Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Weiden (Außenstelle Pressath), kann helfen, das bekannte Grün mit anderen Augen zu sehen. „Rotbuchen gibt es nur in Mitteleuropa. Da haben wir eine globale Verantwortung für. Denn es hängen auch andere Lebewesen von ihr ab“, sagt er zum Beispiel. Schon wird aus einem uns wohlbekannten Baum etwas Besonderes.

Hermer kennt viele solcher Beispiele. Er nennt sie „Schatzkästchen unserer Heimat, die wenige kennen, weil sie nicht markiert oder beschildert sind“. Sie seien oft erst durch die Bewirtschaftung durch die Grundeigentümer zu wichtigen Rückzugsorten für Pflanzen- und Tierarten geworden. Damit das so bleibt, wird zu jedem Natura-2000-Gebiet ein Managementplan erstellt. Einige Beispiele der Natura-2000-Gebiete im Landkreis Neustadt/WN.

Natura-2000-Gebiete im Landkreis (Auswahl)

Fahrbachtal und Eulenberg

Das Fahrbachtal zwischen dem Grenzübergang Tillyschanz und Schönsee lässt sich über den Fernradweg „Grünes Dach“ erkunden. Der Radweg führt am Bach entlang durch die Talauen. In Schilf und Röhricht lebt der Biber, der hier als Schutzgut gilt. „Wo er aktiv ist, gibt es langsam fließende Gewässer“, erklärt Hermer. So entstehen neue Habitate. Die Wiesen werden nur einmal im Jahr gemäht, damit die Pflanzen sich aussäen können. Besonders im Frühjahr können sich Naturliebhaber an der bunten Artenvielfalt erfreuen. Sogar der sensible Kranich fühlt sich hier wohl.

Es lohnt sich ein Abstecher zum höchsten Punkt, dem Eulenberg. „Von Natur aus wäre die Buche in Deutschland der Hauptbaum“, erklärt Hermer. Am Eulenberg soll sie ungestört wachsen dürfen. Dank einer gezielten Entnahme von Bäumen wachsen auf dem nun lichtdurchfluteten Boden gesunde Buchen nach. Wer den hier lebenden Schwarzspecht nicht sieht, kann ihn vielleicht hören oder entdeckt eine Wohnhöhle. Zieht der Specht aus, finden Marder, Fledermäuse oder Käuze ein neues Quartier.

Stückberg in Eslarn

Die natürliche Entwicklung eines Buchen-, Tannen- und Fichten-Waldes kann man am Stückberg zwischen Eslarn und Schönsee beobachten. Als Ausgangspunkt eignet sich der Parkplatz am Wildpark Eslarn. Die Spitze des Hügels ist ein Naturwaldreservat. Der Wald wird komplett in Ruhe gelassen. „Das ist der Urwald von morgen“, sagt Andreas Hermer. Bei gutem Wetter kann man den Berg in einer knappen Stunde auf einem der Wanderwege erklimmen und vom Aussichtsturm den Rundumblick genießen. Auf einem toten Buchenstamm am Boden hat Hermer einmal prächtige Exemplare des seltenen Pilzes Ästiger Stachelbart entdeckt. „Unscheinbare Arten wie diese leiden darunter, dass im Wald nicht genug Totholz vorhanden ist“, sagt er. Dieses sollte in Natura-2000-Gebieten liegen bleiben.

Kainzbachtal bei Tännesberg

Abseits ausgeschilderter Wanderwege kann man laut Hermer im Kainzbachtal bei Tännesberg querfeldein entlang des gleichnamigen Baches laufen. In mehreren Stunden ist eine Wanderung von der Quelle bis zur Mündung in die Pfreimd bei Woppenrieth an der Kainzmühle möglich. Sie führt durch magere Wiesen, die im Frühjahr leuchtend bunt blühen, und durch Auwälder mit Schwarzerlen und Eschen. Der plätschernde Bach bietet Orientierung.

Manteler Forst

Gleich mehrere Besonderheiten bietet der Manteler Forst. Hier treffen mit Trockenheit und Wasserüberschuss zwei Extreme aufeinander. Im Weidener Becken, in dem der von Kiefern dominierte Wald liegt, sammelt sich Wasser. Gleichzeitig herrscht auf Erhebungen aus Quarzsand ein Mangel an Feuchtigkeit. Dieses Nebeneinander bietet für viele Arten idealen Lebensraum. Teile des Manteler Forsts sind daher als Fauna-Flora-Habitat und als Vogelschutz-Gebiet ausgewiesen. In Rupprechtsreuth beginnt ein Radweg durch den Wald.

Hier leben unter anderem Raufußkäuze und der Ziegenmelker, ein nachtaktiver Singvogel, der im Winter nach Afrika zieht. Sein monotones Schnurren ist von Mai bis Juli nachts weithin hörbar. Die Population habe jedoch von über 20 auf unter 10 Brutpaare abgenommen, erklärt Hermer. Den nächsten Bestand gebe erst im Nürnberger Reichswald. Der Vogel braucht lichte Kiefernwälder. Seine Eier legt er in Kuhlen auf dem Boden.

Von der zunehmenden Vernässung – die Reinigung der Gräben im Wald hat man vor einigen Jahrzehnten aufgegeben – profitieren die Moorwälder in diesem Gebiet. Herkömmlicher Wald stirbt auf dem humusreichen Moorkörper ab. Übrig bleiben auf nasse Standorte spezialisierte Moorbirken, Waldkiefern und die seltenen Spirken. Letztere unterscheiden sich von den Waldkiefern vor allem durch die dunkelgrüne Farbe der Nadeln und die dunklere Rinde im oberen Teil des Stammes. Ein schöner Spirkenmoorwald befindet sich entlang des Radweges im Naturschutzgebiet „Gscheibte Loh“.

Die Moorgebiete im Manteler Forst fördern ein gutes Klima. Wo Pfeifengras wächst, beginnt der feuchte Boden. In diesem Übergangsbereich gedeihen Rauschbeeren. Das Torfmoos auf dem nassen Boden bindet Unmengen von CO2. Mindestens eineinhalb Meter sei die Torfschicht unter dem Moos tief, so Hermer. Darauf wachsen essbare Moosbeeren und der fleischfressende Sonnentau.

Heidenaab, Creußen und Weihergebiet bei Eschenbach

Zum Biotopverbund Natura 2000 gehören wegen ihrer verbindenden Wirkung auch Flüsse und Bäche. Teile der Haidenaab, der Creußen und des Röthenbachs inklusive der Weiher nordwestlich von Eschenbach sind als FFH-Gebiet ausgewiesen. In deren Auen lebt beispielsweise die Libellenart Grüne Keiljungfer. Sie steht für weitgehend natürliche Flussläufe. Bekannter Höhepunkt in diesem Gebiet ist das am Großen Rußweiher brütende Fischadlerpaar. Die Aufzucht der Jungen kann man von Anfang April bis Mitte August von der Dammstraße des Weihers oder über die Webcam auf der Website der Stadt Eschenbach beobachten.

Rauher Kulm

Der Rauhe Kulm in Neustadt am Kulm ist zu jeder Jahreszeit ein attraktives Wanderziel. Ein Großteil des Vulkanhügels ist Teil eines FFH-Gebietes, das sich auf dem von Osten heraufführenden Wanderweg erkunden lässt. Er führt durch einen alten Waldmeister-Buchenwald, der hinter einem Geröllfeld in einen sogenannten Schlucht- und Hangmischwald übergeht. Den aufgrund des abfallenden Geländes und von Geröll durchsetzten extremen Standort erobert die ansonsten seltene Bergulme. Ihr geht es hier trotz wenig Wasser besser als anderen Baumarten. Buchen mögen den losen Untergrund nicht. Fichten kämpfen mit dem Rotfäulepilz, der im Boden ideale Bedingungen vorfindet.

Info:

Natura-2000-Gebiete im Landkreis

Natura 2000 ist ein europaweiter Biotopverbund zum Schutz wertvoller Habitate und Arten. Die Lebensräume sind gegliedert in Fauna-Flora-Habitate (FFH) und Vogelschutz-Gebiete, die sich überschneiden können. In Bayern sind rund elf Prozent der Landesfläche ausgewiesen. Im Landkreis Neustadt/WN gibt es 14 Natura-2000-Gebiete. Das größte ist der Truppenübungsplatz Grafenwöhr.

Managementpläne, die bald auf der Website des Landesamts für Naturschutz abrufbar sein sollen, erfassen die Gebiete und legen Erhaltungsmaßnahmen sowie Ziele fest. Dabei sollen Landnutzer, Grundeigentümer, Naturschutz, Politik und Interessenverbände eingebunden werden. Für private Eigentümer und Bewirtschafter gilt das Prinzip der Freiwilligkeit. Werden die Ziele nicht gefährdet, kann ein Gebiet weiter bewirtschaftet werden. Problematisch können das Entfernen von Totholz, die Umwandlung von Laub- in Nadelwald oder das Trockenlegen von Feuchtbiotopen sein (“Verschlechterungsverbot“). Fragen zum Wald in Natura-2000-Gebieten im Landkreis beantwortet das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Weiden, Außenstelle Pressath. Die Untere Naturschutzbehörde ist zuständig für Fragen zum Offenland. (jak)

Hessenreuth bei Pressath

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