Eslarn
13.09.2018 - 08:12 Uhr

Schutz vor Überfällen aus Böhmen

Der Eslarner Ortsteil Tillyschanz ist vor 155 Jahren entstanden. Er hat geschichtlich mehr als die historischen Tillygräben zu bieten.

Der Holzhandel spielte um 1900 eine wichtige Rolle. Bild: gz
Der Holzhandel spielte um 1900 eine wichtige Rolle.

Die Ansiedlung erfolgte vor 155 Jahren. Der Weiler stand geschichtlich und wirtschaftlich öfter im Rampenlicht. Der im 19. Jahrhundert entstandene Ortsteil wurde nach den Grenzbefestigungen zunächst "Schanz" und später "Tillyschanz" genannt. Das erste Gebäude war ein Zollamt, und der erste Ansiedler schrieb sich 1863 Schüffl.

Der historische Aufarbeitung nahmen sich der Geschichtsforscher und Oberlehrer Hans Schlemmer und der katholische Priester Josef Hanauer an. Ins Rampenlicht trat die Gegend an der Grenze bereits 1611 mit dem Anlegen von Schanzen, einer aus Flechtwerk haltbar gemachten Erdbefestigung. Nachdem die Bodenschanzen auf Befehl der Amberger Regierung zum Schutz gegen Überfälle aus Böhmen errichtet waren, ließ Feldherr Tilly während des Dreißigjährigen Kriegs 1621 sie zur Sicherung seiner Flanken verstärken.

Vor Eisendorf soll bereits in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts ein "Confin-Wacht-Hauß" gestanden haben. Die damaligen Wächter, denen das Haus als Unterkunft diente, hatten die Aufgabe, die Einschleppung gefährlicher Infektionskrankheiten zu verhindern. Noch vor 1758 wurde das Haus abgerissen und 1845 an der Stelle ein Zollhaus errichtet. Der im 19. Jahrhundert entstehende Weiler wurde nach den vor Ort befindlichen Grenzbefestigungen eingangs nur "Schanz" und später "Tillyschanz" genannt. Die ersten Ansiedler waren 1863 die Familie Schüffl, 1865 Ulrich, 1885 Hübel und von 1891 bis 1959 Karl Christian Freiherr Kotz von Dobrz von Heiligenkreuz.

Noch vor der Jahrhundertwende holte Peter Grießl die Genehmigung für das "Gasthaus zur Tillyschanze" ein. Nach 1880 erhöhte sich der Ausfuhrzoll aus Böhmen für Bretter und Balken, so dass nur noch das Stammholz ohne Zoll aus Böhmen ausgeführt werden konnte. Dies nahm Holzhändler Hübel und Platzer zum Anlass, um direkt an der Grenze auf bayerischem Boden eine Dampfschneidesäge zu errichten. Dort wurde das aus Böhmen zollfrei eingeführte Stammholz zu Brettern geschnitten und weiter ins Inland verkauft. Die 60 Beschäftigten des Sägewerkes ließen die Bierwirtschaft "Tillyschanz" der Familie Grießl florieren. Das Sägewerk gehörte von 1891 bis 1959 Freiherrr Kotz von Dobrz.

Als später ein deutsch-österreichisches Zollabkommen die harten Ausfuhrzölle aus Böhmen milderten, wurde 1906 die Säge wieder abgebrochen. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg durften die Zahnärzte an einem bestimmten Tag in der Woche in Tillyschanz auch Patienten aus den benachbarten Orten jenseits der Grenze behandeln. Am Bau einer Bahnverbindung von 1886 bis 1908 von Neustadt nach Eslarn, mit 50 Kilometer die längste Lokalbahn der Oberpfalz, zeigte auch das böhmische Forstamt großes Interesse und steuerte 16000 Mark zum Bau der Bahn bei. Die Bahn wurde nach der Endstation volkstümlich "Eslarner Bockl" genannt. Das böhmische Forstamt in Eisendorf erhoffte sich durch die Bahn einen rascheren Abtransport der geschnitten Bretter und dazu einen wirtschaftlichen Aufschwung.

Nach beiderseitigen Erwägungen sollten die Gleise von Eslarn weiter zur böhmischen Grenze und von Eisendorf zur bestehenden Bahn nach Weißensulz verlegt werden. Dieser Wunsch erfüllte sich wie auch die Pläne zum Weiterbau nach Schönsee und Waldmünchen jedoch nicht. Die Eheleute Wenzel und Anna Hanakam aus Eisendorf betrieben zu der Zeit eine Landwirtschaft und Schmiede und errichteten auf ihrem Privatgrundstück bei Tillyschnaz ein Wohnhaus, obwohl es damals keine vollkommene freie Verbindung zwischen Eslarn und Tillyschanz gab. Die Straße war einen Kilometer entfernt am Zollwohnhaus am Goldberg durch einen Schlagbaum gesperrt. In den Überlieferungen wurde Tillyschanz 1913 als Teil der Pfarrei Eslarn mit 3 Häusern und 19 Einwohnern aufgeführt.

Als am 1. Oktober 1938 das Sudentenland dem Deutschen Reich angegliedert wurde, war Eslarn kein Grenzort mehr, so dass die Zollstation aufgelöst wurde. Nach dem Ende des 2. Weltkrieges wurden über die Grenze bei Tillyschanz zahlreiche Bewohner aus Böhmen und Schlesien zwangsausgesiedelt. Die Straße Richtung Goldberg glich einer langen Karawane aus Menschen. Der kleine Grenzübergang am Ortsteil Tillyschanz wurde nach dem Krieg geschlossen und von den tschechoslowakischen Behörden anfangs nur im Einzelfall zur Holzeinfuhr geöffnet. Das Zollamt wurde ab 1945 wieder besetzt, 1967 nach der Auflösung der Grenzaufsichtsstelle Tillyschanz die diensttuenden Beamten nach Eslarn versetzt und das Gebäude verkauft. Während der Zeiten des "Eisernen Vorhangs" war der Grenzübergang Eslarn total geschlossen und somit auch der Holzhandel total abgeschnitten. 1946 begann mit der Streifentätigkeit entlang der Grenze die Geschichte der Grenzpolizei. Die Überwachung der "grünen Grenze" übernahmen die Grenzpolizisten gemeinsam mit den amerikanischen Soldaten, dem Zoll und dem damaligen Bundesgrenzschutz. Die einzige Blüte war der aufkeimende Schmuggel und die nicht legalen Grenzübertritte.

Nachdem viele Besucher einen Ausflug an die Grenze machten, eröffnete das Ehepaar Hanakam 1950 eine Gastwirtschaft. Auch das ehemalige Zollwohnhaus am Goldberg war lange Jahre eine Gastwirtschaft. Der Umbruch im Osten 1989 mit der "samtenen Revolution" führte zur Liberalisierung auch zwischen Deutschland und Tschechien und zu einer gutnachbarschaftlichen Beziehung zwischen den bayerisch-tschechischen Gemeinden Eslarn und Bela nad Radbuzou. Am 17. Februar 1990 durften Tausende ohne Grenzkontrolle, ohne Visum und ohne Pass am Ortsteil Tillyschanz nach Eisendorf wandern. Im selben Jahr erfolgte die Gründung einer Patenschaft zwischen den Gemeinden Eslarn und Bela. Am 1. Juli 1991 zur Öffnung des Grenzübergangs "Tillyschanz" durften vorerst nur Fußgänger und Lenker von Zweirädern bis 50 Kubikzentimeter den Grenzkontrollpunkt passieren. Die Freigabe für den regionalen Grenzverkehr für die Kennzeichen NEW, SAD, WEN und TC und DO folgte am 1. Oktober 1993.

Mit der Verlagerung der Polizeidienststelle direkt zum Grenzübergang folgte Ende 2004 die Umsetzung einer grundlegenden Polizeireform. Es folgten die gemeinsamen Kontrollen mit dem Zoll und später mit der tschechischen Polizei und dem Zoll. Mit der Erfüllung des Schengen-Standards durch Tschechien fielen in der Nacht vom 20. auf 21. Dezember 2007 die Grenzkontrollen entlang der Tschechischen Grenze. Bekannt machten die Tillyschanz auch die billigen Tank- und Einkaufsmöglichkeiten gleich hinter der Grenze. Die Reisendenzahlen stiegen von Jahr zu Jahr und erreichten im Jahr über drei Millionen Personen und über eine Million Fahrzeuge. Heute führen zahlreiche Rad/Wanderwege zur Tillyschanz und weiter nach Tschechien und das offene Europa ließ Eslarn mit der Tillyschanz in die Mitte Europas rücken.

Das ehemalige Zollamt direkt an der Grenze. Das Gebäude ist heute in Privatbesitz. Bild: gz
Das ehemalige Zollamt direkt an der Grenze. Das Gebäude ist heute in Privatbesitz.
 
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